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12.4.2011 | Von:
Thomas Schneider
Daniel Küchenmeister

Sport ist Teilhabe! - Essay

Teilhabe durch Sport

Seit die Verbesserung, die Erhaltung oder die Wiedererlangung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der eigenen Gesundheit als potenzielles Ziel sportlicher Übungen auch als vermarktbar erkannt und in diesem Sinne seitens verschiedener Akteure instrumentalisiert wurden, ist der Sport als selbstverständlicher Bestandteil individueller Lebensgestaltung kaum mehr wegzudenken - im Gegenteil: Je stärker Autonomie und Selbstwirksamkeit sowie körperliche Leistungsfähigkeit und Gesundheit als wichtige Merkmale eines gelingenden Lebens definiert werden, umso größere Bedeutung scheinen sportliche Aktivitäten im Leben vieler Menschen zu erlangen.

Die Frage, inwiefern das Ideal der Einbeziehung aller Menschen - ungeachtet physischer, psychischer oder sozialer Kriterien - in das Teilsystem Sport realisiert werden kann, führte 1975 zur Verabschiedung der Europäischen Charta "Sport für alle". Ihr Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, die es der gesamten Bevölkerung ermöglicht, regelmäßig Sport zu treiben, und zwar ohne Berücksichtigung von Geschlecht, Alter, Beruf oder Einkommen (Art. 1: "Jeder Mensch hat das Recht, Sport zu treiben"). Jenseits der großen Organisationen des Sports existieren zahlreiche Projekte und Initiativen, die sich derer annehmen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Beispielsweise fand parallel zur Fußball-WM 2006 in Deutschland die Streetfootball-WM in Berlin statt, ein Turnier weltweiter Entwicklungsprojekte, die Fußball nach eigenen, sozialen "Fairplay"-Regeln spielen. Die Deutsche Straßenfußball-Meisterschaft wiederum wird seit 2006 ausgerichtet vom Verein "Anstoß! Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport", die auch die deutsche Beteiligung am Homeless Worldcup organisiert.

Wie weitreichend die Überlegungen hinsichtlich einer Beteiligung aller am Sport gehen können (und gehen müssen), zeigt das Beispiel des Sports von Menschen mit Behinderung. Wird Behinderung nicht mehr als Defizit, sondern als soziale Benachteiligung im Sinne einer Einschränkung von Teilhabechancen betrachtet, und werden Menschen mit Behinderung nicht länger als Objekte der Fürsorge, sondern als mit Bürgerrechten ausgestattete, selbstbestimmte Subjekte begriffen, reicht es nicht, spezielle Angebote für Menschen mit Behinderung (bis hin zum Leistungssport) zu schaffen. Vielmehr kommt es darauf an, durch die Entwicklung und Organisation von inklusiven sportlichen Angeboten und Veranstaltungen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Bewegung kommen zu lassen.

Mit dem Rückenwind der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, welche die Bundesrepublik 2009 ratifiziert hat, wird auch im Sport sehr viel aktiver als bislang mit dem Ziel der Inklusion gearbeitet werden müssen[8] . Die Umsetzung der Konvention könnte aber sogar unsere Wahrnehmung des Sports insgesamt verändern, indem sie letzten Endes die Frage aufwirft, was guten und gelingenden Sport eigentlich ausmacht. Bewertungskategorien wie Leistung, Schönheit oder Erfolg könnten eine Umdeutung erfahren. Möglicherweise müssten sogar neue Sportarten entwickelt werden, die den Anforderungen der Behindertenrechtskonvention eher entsprechen als herkömmliche Formen.[9]

Fußnoten

8.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Sabine Radtke in diesem Heft.
9.
So auch der Sozialethiker Christoph Hübenthal in seiner Einführung zum Symposium "Sport und Behinderung - Die Herausforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention" am 22.11.2010 in Leverkusen.

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