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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Engagement für Menschenrechte

Das zentrale Thema von Protestanalysen im Bereich des amerikanischen Sports bildet die Wechselbeziehung zwischen Sport und schwarzen Athleten bzw. zwischen "sports and race".[5] Zahlreiche Studien zur afroamerikanischen Bevölkerung in den USA zeigen, dass diese durch die Rassentrennung, vor allem in den Südstaaten, nicht nur grundsätzlich in ihren Bürgerrechten, sondern auch spezifisch bei der Ausübung im Breiten- und Profisport eingeschränkt wurde. Zeitgenössisch ist dieser Umstand insbesondere vom amerikanischen Soziologen Harry Edwards kritisiert worden,[6] der sich mit seinen Schriften nicht nur gegen die Bürgerrechtsituation in den USA, sondern auch gegen die Apartheidpolitik und den Rassismus in Afrika wandte. Edwards initiierte das "Olympic Project for Human Rights" (OPHR), welches die nicht-weißen Sportler aufforderte, die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko zu boykottieren.

Der Boykott schlug zwar fehl (unter anderem deshalb, weil die Apartheidstaaten Südafrika und Rhodesien, das heutige Simbabwe, von den Spielen ausgeschlossen wurden), aber das OPHR trat in Mexiko dennoch prominent in Erscheinung: Die beiden afroamerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos, die beim 200-Meter-Lauf den ersten und dritten Platz belegt hatten, erschienen zur Siegerehrung ohne Schuhe; an ihren Trainingsjacken, wie auch an der des zweitplatzierten Australiers Peter Norman, heftete ein OPHR-Button. Auf dem Podest reckten Smith und Carlos ihre jeweils mit einem schwarzen Handschuh versehenen Fäuste nach oben - das Zeichen der "Black-Power"-Bewegung. Diese Geste ging nicht nur in die Olympiageschichte, sondern als Bild auch in das kollektive Gedächtnis ein. Die beiden Leichtathleten wurden danach vom US-Verband aus dem olympischen Dorf verwiesen, aus dem Nationalkader ausgeschlossen und mussten auf Fördergelder verzichten; erst Jahrzehnte später wurden sie rehabilitiert und ihr Protest als Beitrag zur Gleichberechtigung anerkannt.[7]

Dass das Thema Menschenrechte Ende der 1960er Jahre auch zu kollektiven Protesten demonstrativer Natur führte, lässt sich insbesondere am Beispiel Südafrika zeigen. Seit Beginn der Apartheid 1948 wurde die nicht-weiße Bevölkerung in Südafrika in allen Lebensbereichen diskriminiert; auch in den Sportligen, auf Tribünen und an den Stadioneingängen wurde nach Hautfarbe getrennt. Diese Politik führte zu immer stärkerem internationalen Druck, der letztlich dazu beitrug, dass das Land Ende der 1960er Jahre in fast allen Disziplinen von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Eine Ausnahme machte allein das International Rugby Board, das dadurch besonders vehemente Proteste provozierte. Deutlich wurde dies 1969/70, als die südafrikanische Nationalmannschaft eine Tour durch England, Wales und Irland unternahm. "Vor den Stadien demonstrierten Zehntausende von Apartheidgegnern. Sie veranstalteten Sitzblockaden, stürmten das Spielfeld, machten das Geläuf durch Glasscherben unbespielbar. Im (...) Hotel verklebten Studentinnen die Schlösser der Hoteltüren, (...) Busfahrer chauffierten sie an falsche Spielorte. Techniker der BBC weigerten sich, die Begegnungen zu übertragen."[8] Diese und zahlreiche weitere Protestaktionen führten zur fast vollständigen Isolation des südafrikanischen Sports. Der weltweite Sportprotest - 1976 wurde das Land auch aus dem Weltfußballverband FIFA ausgeschlossen - übte mutmaßlich stärkere Wirkung auf das Apartheidregime aus als alle Waffenembargos und Wirtschaftsblockaden.[9]

Fußnoten

5.
Vgl. John Bloom/Michael Nevin Willard (eds.), Sports matters. Race, recreation, and culture, New York-London 2002; Patrick B. Miller/David K. Wiggins (eds.), Sport and the color line. Black athletes and race relations in twentieth-century America, New York 2004; Ben Carrington, Race, sport and politics. The black sporting diaspora, London 2010.
6.
Vgl. Harry Edwards, The Revolt of the Black Athlete, New York 1969.
7.
Kevin B. Witherspoon, Before the eyes of the world. Mexiko and the 1968 Olympic Games, DeKalb, IL 2008; Keith Brewster (ed.), Reflections on Mexico '68, Chichester 2010.
8.
Bartholomäus Grill, Blatters Schweigen, in: Die Zeit vom 24.6.2010, S. 58.
9.
Vgl. Andreas Krumpholz, Apartheid und Sport, München 1991; Douglas Booth, The Race Game. Sport and Politics in South Africa, London 1998.

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