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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Nationale Olympiaboykotte

Bereits 1906, bei den inoffiziellen "Olympischen Zwischenspielen" in Athen, hatte der irische Silbermedaillengewinner im Weitsprung, Peter O'Connor, einen Fahnenmast erklommen und die irische Flagge geschwenkt, um gegen die Bestimmung zu protestieren, unter britischer Fahne antreten zu müssen. Bei den Olympischen Spielen 1908 in London verzichtete das gesamte finnische Team auf eine Fahne, um nicht hinter der Flagge des zaristischen Russlands marschieren zu müssen. Doch neben Einzelpersonen und Verbänden haben sich auch ganze Staaten der Projektionsfläche des Sports zu Protestzwecken bedient.[12]

Während des Kalten Kriegs erlebte die Instrumentalisierung des Sports zu nationalen Zwecken ihren Höhepunkt. Bereits 1928 hatte die Sowjetunion mit weiteren Staaten begonnen, Spartakiaden als eigene internationale Sportwettkämpfe auszutragen und die Olympischen Spiele zu boykottieren; die Sowjetunion verzichtete bis 1952 auf eine Teilnahme. Da Taiwan die Mitwirkung erlaubt worden war, blieb China den Spielen von 1958 bis 1980 fern. 1956 boykottierten die Niederlande, Spanien und die Schweiz die Sommerspiele in Melbourne, um gegen die Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn zu protestieren. Der gleichzeitige Teilnahmeverzicht durch Ägypten, Irak, Kambodscha und Libanon richtete sich hingegen gegen die israelische Invasion der Sinai-Halbinsel im Zuge der Suezkrise. Das zwischen Titelverteidiger Ungarn und der Sowjetunion ausgetragene Halbfinale im Wasserball ging indes als "Blutbad von Melbourne" in die Annalen der Olympiageschichte ein. Das Spiel wurde mit äußerster Härte geführt, und die Zuschauer ergriffen derart stark Partei gegen die Sowjetunion, dass das Spiel abgebrochen werden musste.

Eine vergleichbare Protestdimension war auch bei den Eishockeyspielen zwischen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei bei der WM 1969 in Schweden auszumachen, die von Zuschauern (und Medien) zum Anlass genommen wurden, gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings zu protestieren.[13] Auch im deutschen Sport spiegelte sich der Kalte Krieg wiederholt wider. Als der Mittelstreckenläufer Jürgen May (DDR-Sportler des Jahres 1965) aus der DDR flüchtete, aufgrund des Einspruchs des DDR-Verbands jedoch keine Starterlaubnis für die Leichtathletik-Europameisterschaft 1969 in Athen erhielt, entschied der Bundesdeutsche Leichtathletik-Verband die Wettbewerbe zu boykottieren und lediglich mit Staffeln anzutreten.

Die Boykott-"Höhepunkte" stellen jedoch die Olympischen Spiele 1976, 1980 und 1984 dar. 1976 reisten über 20 nationale Teams aus Montreal ab, um gegen die neuseeländische Rugby-Mannschaft zu protestieren, die kurz zuvor in Südafrika angetreten war. 1980 erklärten die USA, aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan nicht an den Spielen in Moskau teilnehmen zu wollen. Rund 40 weitere Staaten schlossen sich ihnen an, darunter auch die Bundesrepublik. 16 der in Moskau anwesenden Staaten protestierten gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, indem sie bei der Eröffnungsfeier statt ihrer Nationalflagge die olympische bzw. die Flagge ihres olympischen Komitees trugen, sieben Staaten schickten lediglich einen Fahnenträger, aber keine Athleten zur Eröffnung. Als Reaktion auf den Olympiaboykott 1980 verzichteten vier Jahre später die Sowjetunion und 13 weitere Staaten auf eine Teilnahme an den Sommerspielen in Los Angeles.

Der Boykott der Sommerspiele 1988 in Seoul durch Nordkorea, Kuba, Äthiopien und Nicaragua markiert das vorläufige Ende der staatlichen Boykottaktivitäten. Dass Olympische Spiele aber weiterhin einen idealen Resonanzboden für Protest bieten, wurde 2004 in Athen deutlich, als sich der iranische Judoka Arash Miresmaeili weigerte, gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten, bzw. vier Jahre später in Peking der iranische Schwimmer Mohammad Alirezaei eine ähnliche Position bezog. Im Vorfeld der Olympischen Spiele in China 2008 war es schließlich der Fackellauf, der wiederholt zum Ziel von Protesten wurde, die sich vor allem gegen die Tibet-Politik Chinas richteten.[14]

Fußnoten

12.
Vgl. James Riordan/Arnd Krüger, The international politics of sport in the twentieth century, London 1999; Roger Levermore/Adrian Budd (eds.), Sport and International Relations, London 2004.
13.
Vgl. Jörg Ganzenmüller, Bruderzwist im Kalten Krieg, in: Arié Malz/Stefan Rohdewald/Stefan Wiederkehr (Hrsg.), Sport zwischen Ost und West, Osnabrück 2007, S. 113-130.
14.
Vgl. John Horne/Garry Whannel, The 'caged torch procession', in: Sport in Society, (2010) 5, S. 760-770.

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