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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Sozial motivierte Solidarisierungen und Proteste gegen politische Unterdrückung

Neben politischen Kontroversen war der Sport wiederholt auch Schauplatz sozial motivierter Protestbekundungen, etwa, als in den 1980er Jahren in Deutschland Diskussionen über Zechenschließungen aufbrandeten. Als die Bergbaugewerkschaft IG BE im September 1987 zu einem "Internationalen Aktionstag" im Ruhrgebiet aufrief, wurden die Kumpel der Zeche Westerholt am Vortag in das Gelsenkirchener Parkstadion eingeladen, wo sie beim Fußballspiel FC Schalke 04 gegen Bayern München für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Auch beim Regionalligaspiel Borussia Neunkirchen gegen den Bonner SC im März 1995 zogen rund 3000 Fußballanhänger gemeinsam mit den Bergleuten von der Innenstadt ins Stadion. Dort bildeten die Kumpel rund um das Spielfeld eine Menschenkette, während die Neunkirchener mit der Parole "Ja zur Kohle" auf den Trikots aufliefen. Als zwei Jahre später mehr als 200000 Ruhrgebietsbürger eine Menschenkette vom Osten zum Westen des Ruhrgebiets bildeten, reihte sich auch die Mannschaft des VfL Bochum ein. Und einen Monat später, als im Bochumer Ruhrstadion das Revierderby zwischen Bochum und Schalke anstand, betraten beide Fußballteams den Rasen mit 50 Bergarbeitern, die mit Fahnen und Transparenten für den Erhalt des Bergbaus demonstrierten.[15]

Dass Transparente im Stadion auch zu Solidaritätsbekundungen mit Demokratiebewegungen genutzt werden, hatte sich bereits bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland gezeigt: In der Halbzeitpause des Vorrundenspiels Chile gegen Australien überwanden Jugendliche die Absperrungen und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift: "Chile - Socialista", mit dem sie gegen die chilenische Militärjunta demonstrierten.

In jüngerer Zeit ist es verstärkt zu Protestaktivitäten für Demokratiebewegungen gekommen, bei denen vor allem auf symbolischen und identitätsstiftenden Protest gesetzt wurde. So etwa 2003, als im Cricket-Weltcup, der unter anderem in Simbabwe ausgetragen wurde, die beiden simbabwischen Spitzenspieler Andy Flower und Henry Olonga schwarze Armbänder trugen, mit denen sie gegen den Terror des diktatorisch regierenden Präsidenten Robert Mugabe demonstrierten. In einer Erklärung sprachen sie vom Protest gegen den "Tod der Demokratie" und betonten, dass sie auf Menschenrechtsverletzungen und staatlich sanktionierte Folter aufmerksam machen wollten. Beide Spieler mussten nach ihrer Protestaktion das Land verlassen und ihre Karriere im Nationalteam beenden.[16] Auf eine ähnliche Protestbekundung setzten auch sechs iranische Fußballnationalspieler, die 2009 beim WM-Qualifikationsspiel gegen Südkorea grüne Schweißbänder trugen und damit Farbe für den Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi und die Demokratiebewegung bekannten. Auch in diesem Fall sahen sich die protestierenden Spieler mit Sanktionen des eigenen Verbands und Karriereeinschränkungen konfrontiert.

Ein aktuelles Beispiel für den Einsatz von Fußballfans für Demokratieanliegen lieferte jüngst auch die ägyptische Fangruppe "Ultras Ahlawy", die den Kairoer Verein Al-Ahly unterstützt. Ihr wird eine bedeutende Rolle bei den Protesten gegen den früheren Präsidenten Hosni Mubarak zugeschrieben, da sie im Januar und Februar 2011 tagelang den Tahrir-Platz gegen die Polizei mitverteidigt habe.[17]

Fußnoten

15.
Vgl. Andreas Luh, "Wir sind die Ruhrpottkanaken" - Fußball und Identität im Ruhrgebiet 1920-2000, in: Wolfgang Buss/Arnd Krüger (Hrsg.), Transformationen: Kontinuitäten und Veränderungen in der Sportgeschichte, Hoya 2002.
16.
Vgl. Callie Batts, 'In good conscience': Andy Flower, Henry Olonga and the death of democracy in Zimbabwe, in: Sport and Society, (2010) 1, S. 43-58.
17.
Vgl. Martin Krauss, Die Fußballrevolution, in: Die Tageszeitung vom 16.2.2011.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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