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12.4.2011 | Von:
Jürgen Mittag

Sport und Protest

Fazit: Mehr Protest als Bewegung

Die Bandbreite der hier angeführten, insgesamt aber nur einen kleinen Ausschnitt der Protestaktivitäten widerspiegelnden Beispiele verdeutlicht, in welchem Ausmaß Protest im organisierten Spitzensport seinen Platz gefunden hat. Mit Blick auf die Protestmotive sind typologisch zahlreiche unterschiedliche Impulse auszumachen: Es sind bei weitem nicht nur enttäuschte Fans, die gegen die eigene oder die gegnerische Mannschaft nach Niederlagen protestieren, Schmählieder intonieren oder Mannschaftsbusse blockieren. Den über den Sport vermittelten Interessen sind mittlerweile kaum noch Grenzen gesetzt - vor allem, wenn man aktuelle Problemfelder wie Minderheitenrechte oder Naturschutz einbezieht. Mit Ausnahme des staatlich organisierten Protests bei Olympiaboykotten ist der Protest zumeist situativ, punktuell und auch nur begrenzt nachhaltig. Sportpolitische Bewegungen im Sinne sozialer Bewegungen haben sich bislang erst in Ansätzen herauskristallisiert - am deutlichsten im Bereich des Fanprotests gegen Kommerzialisierung. Gerade die "Ultra-Bewegung" hat sich zu einer Facette der Jugend- und Protestkultur entwickelt, die als kritisches Gegengewicht zum herrschenden Sport(verständnis) agiert.

Zu den Hauptakteuren sportbezogenen Protests gehören Anhänger und Sportler, während sich die Aktivitäten von Vereinen und Verbänden eher auf die formalen Konfliktregulierungsmechanismen sowie die Arbeit in den Gremien konzentrieren. Der populäre, medial vermittelte Spitzensport eignet sich besonders für Proteste: einerseits aufgrund seiner hohen Verbreitung, die Aufmerksamkeit garantiert, anderseits aufgrund seiner finanziellen Bedeutung. Hinsichtlich des Aktionsrepertoires kommt fast die gesamte in der Protestforschung bekannte Bandbreite von Ausdrucksformen zum Tragen - mit einem deutlichen Akzent auf symbolischen, demonstrativen Protestformen. Zugleich wird der Protest vielfältiger, kreativer und auch professioneller.[20]

Was der Sport bislang (noch) nicht erzeugt hat, sind originäre Protestformen. Anders als etwa die Popbranche, die mit Protestkonzerten oder -liedern hervorgetreten ist, gibt es weder das Protest-Tor noch das Protest-Spiel - zumindest nicht im Bereich der massenwirksamen Events des Spitzensports. Dem Ende Juni 2001 in Kopenhagen ausgetragenen Fußball(länder)spiel Tibet gegen Grönland und der Partie Bhutan gegen Montserrat im Jahr darauf kommt hier gewissermaßen eine Sonderrolle zu, da alle beteiligten "Länder" keine FIFA-Mitglieder sind und der Spielcharakter deswegen auch eine Protestdimension besaß.

Es zeichnet sich ab, dass den neuen sozialen Medien, die schon jetzt rege von Fans genutzt werden, künftig noch stärkere Bedeutung zukommen wird. Die zunehmende Verlagerung der Protestkultur in elektronische Massenmedien lässt ein weiteres Anschwellen auch von sportbezogenen Protesten erwarten. Sollte dieser Trend anhalten, könnten Protestaktivitäten allein schon vom Umfang her erheblich an Bedeutung gewinnen. Dies gilt umso mehr, wenn die bislang nur begrenzten Allianzen zwischen Sportlern, Anhängern und gesellschaftlichen Gruppierungen ausgebaut werden.

Fußnoten

20.
Vgl. Bruce Kidd, The struggle must continue, in: Russel Field/Bruce Kidd (eds.), Forty years of Sport and Social Change, London-New York 2011, S. 157-166.

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