APUZ Dossier Bild

12.4.2011 | Von:
Jörg-Uwe Nieland
Daniela Schaaf

Medienpräsenz von Sportlerinnen - Emanzipation oder Sexualisierung?

Frauen in "Männersportarten" - eine Chance auf Emanzipation?

Der moderne Sport wurde von Männern für Männer erfunden. Die Sportentwicklung verlief deshalb über einen längeren Zeitraum ohne die Einbeziehung von Frauen. Zahlreiche Disziplinen, in denen Männer schon seit Beginn der Neuzeit bei den Olympischen Spielen um Medaillen kämpften, wurden zum Teil erst viele Jahrzehnte später für Frauen geöffnet.[26] Nach wie vor gelten jedoch Gewichtheben, Ringen, Boxen, Eishockey und Fußball als "Männersportarten" bzw. männlich dominierte Sportarten, da sie vornehmlich von Männern betrieben werden und "an traditionell männliche Geschlechtsstereotype, wie Aggressivität, Kraft, Risikobereitschaft und Konkurrenzverhalten anknüpfen".[27] Christa Kleindienst-Cachay und Annette Kunzendorf haben das Eindringen von Frauen in diese klassischen Männerdomänen als erstes Zeichen der Emanzipation gewertet, denn sie würden die "bisher klar umrissenen Räume zur sozialen Herstellung von Männlichkeit" in Frage stellen, traditionelle Geschlechtergrenzen überschreiten und zu einer allmählichen Auflösung gesellschaftlich akzeptierter Geschlechterstereotype beitragen.[28]

Im Mediensport stoßen Athletinnen aus "Männersportarten" jedoch auf Ablehnung, da ihre Körper aufgrund des harten Trainings oftmals nicht mehr dem traditionell weiblichen Schönheitsideal entsprechen. Abweichungen von dieser männlich konstruierten (aber auch von Frauen mitgetragenen) Norm werden selten akzeptiert und mit kommerzieller Nichtbeachtung gestraft. Protagonistinnen aus entsprechenden Disziplinen sind sowohl in der klassischen Sportberichterstattung als auch in der werblichen Anschlusskommunikation kaum vertreten.[29] Daher sehen sich Athletinnen aus männlich dominierten Sportarten noch stärker als Kolleginnen aus ästhetisch-kompositorischen Sportarten dazu gezwungen, ihre Weiblichkeit zu betonen.[30] Die Inszenierung erfolgt über den gezielten Einsatz von Gender-Symbolen wie Kleidung, Make-up, Nagellack, einer aufwändigen Frisur, Schmuck und der Hervorhebung der sekundären Geschlechtsmerkmale.[31]

Die Notwendigkeit einer Akzentuierung des "Frau-Seins" besteht insbesondere im außersportlichen Kontext und zeigt sich in der Praxis in besonders eindrücklicher Weise im Frauenboxen: Einer genuinen "Männersportart", die in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre durch die mehrfache Weltmeisterin Regina Halmich deutlich an Popularität gewinnen konnte. Halmich entspricht mit ihrer durchtrainierten, aber zarten Figur (Gewichtsklasse: Fliegengewicht) und langen Haaren dem gängigen Schönheitsideal. Ihr Management verfolgte im Rahmen der Vermarktung einerseits die Sexualisierung als produktpolitische Strategie ("Playboy" 2003, "Max" 2007), anderseits wurde sie auch außerhalb der klassischen Sportberichterstattung platziert, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Halmichs Showkämpfe gegen TV-Entertainer Stefan Raab (2001 und 2007) erzielten hohe Reichweiten (jeweils über sieben Millionen Zuschauer) und führten zu zahlreichen Anschlussengagements, etwa als TV-Moderatorin ("Biggest Loser", Kabel Eins) oder Schauspielerin ("Hinter Gittern", RTL). Zur Vermarktungsstrategie passt es, dass Halmich auch nach Beendigung ihrer aktiven Karriere ein kontinuierliches "Gendern" ihres Sportlerinnenkörpers beibehält. So ließ sie sich jüngst ihre durch mehrere Brüche zertrümmerte Nase unter medialer Begleitung korrigieren. Damit signalisiert Halmich, dass sie auch weiterhin für potenzielle Medien- und Werbepartner attraktiv bleiben möchte. Fraglich ist jedoch, inwiefern die ehemalige Profiboxerin mit diesem "Schönheitshandeln"[32] ein positives Vorbild für Mädchen darstellt.

Das emanzipatorische Potenzial des Frauenboxens wird da vielmehr in Sportfilmen sichtbar. Beispiele sind die mehrfach ausgezeichneten Boxfilme "Girlfight" (USA 2000) und "Million Dollar Baby" (USA 2004), die Hinweise für die Überwindung von Geschlechterdifferenzen im Sport und der Ausbildung einer weiblichen Sportidentität geben. Die Hauptdarstellerinnen Michelle Rodriguez ("Girlfight") und Hillary Swank ("Million Dollar Baby") vermitteln in ihren Rollen als emanzipierte Sportlerinnen, also mit fiktiven Figuren, eher ein positives weibliches Vorbild für junge Mädchen als viele reale Athletinnen.

Fußnoten

26.
Vgl. G. Pfister (Anm. 5), S. 59f.; I. Hartmann-Tews (Anm. 1), S. 34.
27.
Christa Kleindienst-Cachay/Karoline Heckemeyer, Frauen in Männerdomänen des Sports, in: Ilse Hartmann-Tews/Bettina Rulofs (Hrsg.), Handbuch Sport und Geschlecht, Schorndorf 2006, S. 112-124, hier: S. 113.
28.
Christa Kleindienst-Cachay/Annette Kunzendorf, "Männlicher" Sport - "weibliche" Identität? Zur Problematik von Hochleistungssportlerinnen in männlich dominierten Sportarten, in: Sportunterricht, (2003) 10, S. 292-296. Vgl. auch Birgit Palzkill, Zwischen Turn- und Stöckelschuh. Die Entwicklung lesbischer Identität im Sport, Bielefeld 1990; Gertrud Pfister, Sport im Lebenszusammenhang von Frauen, Schorndorf 1999.
29.
Vgl. I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 2); D. Schaaf (Anm. 23).
30.
Vgl. S. Nagel (Anm. 15), S. 37.
31.
Vgl. C. Kleindienst-Cachay/K. Heckemeyer (Anm. 27), S. 46 und S. 53.
32.
N. Degele (Anm. 21).

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Fußball - mehr als ein Spiel

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart geworden, die weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Die Geschichte des Fußballs, seine Fans, aber auch sein Stellenwert für Politik, Wirtschaft und Medien sind Thema dieses Heftes.

Mehr lesen