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12.4.2011 | Von:
Jörg-Uwe Nieland
Daniela Schaaf

Medienpräsenz von Sportlerinnen - Emanzipation oder Sexualisierung?

Personalisierung und Selbstinszenierung haben die Bekanntheit von Sportlerinnen in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert. Aber die medial transportierten Bilder über Frauen verfestigen die Geschlechterstereotypisierung.

Einleitung

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London werden erstmals Medaillen im Frauenboxen vergeben. Doch deshalb von einer weiteren Episode der Emanzipation im Sport zu sprechen, wäre verfrüht.[1] Die Aufnahme des Frauenboxens ins olympische Programm ist nur ein Indiz für die Überwindung von Geschlechterdifferenzen im Sport und der Ausbildung einer weiblichen Sportidentität. Denn trotz der Aufmerksamkeit, welche insbesondere die Profikämpfe von Laila Ali, der Tochter von Muhammad Ali, oder der deutschen Weltmeisterin Regina Halmich seit Ende der 1990er Jahre erhielten, gilt Boxen weiterhin als Männersportart. Ali und Halmich sind einerseits Ausnahmen, da sie zu den wenigen Sportlerinnen gehören, denen es in einer "Arena der Männlichkeit" gelungen ist, über enorme mediale Präsenz große Popularität zu erlangen und ihre Finanzierung zu sichern. Anderseits sind Art und Umfang der Berichterstattung über ihre Karrieren Gradmesser für die Sport(art)entwicklung und die Emanzipation im Sport.

Die Frage, wie die Ausdifferenzierung des Sportsystems die Frauen einbezieht und zu einer quantitativ wie qualitativ angemessenen medialen Präsenz von Sportlerinnen führt, ist weiterhin offen. Wenn aus emanzipatorischer Sicht die Neutralisierung der Geschlechterdifferenz anzustreben ist, dann gilt es bezogen auf die Sportberichterstattung, das Festhalten an der binären Geschlechterordnung zu überwinden. Weil die Sportmedien sowie die über sie transportierten Aussagen und Bilder über Frauen und Männer ein Element der sozialen Konstruktion von Geschlecht im Sport sind - also das öffentliche Bild von Frauen und Männern im Sport mitbestimmen - können die Medien einen aktiven Beitrag an der Auflösung der bestehenden, ungleichen Geschlechterordnung leisten.[2]

Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden Befunde zur Präsenz von Sportlerinnen in den Medien zusammengetragen und der aktuelle Status einer Emanzipation im Mediensport reflektiert. Hierfür wird zunächst die Geschlechterstereotypisierung in der Sportberichterstattung näher beleuchtet. Anschließend folgt die Erläuterung der produktpolitischen Ästhetisierungsstrategie der Sexualisierung, wobei ein Schwerpunkt auf die Vermarktung des äußeren Erscheinungsbilds von Sportlerinnen gelegt wird. Abschließend gilt es zu hinterfragen, inwiefern die zunehmende Darstellung von Frauen in Männersportarten zu einer Emanzipation von Athletinnen im Mediensport beitragen kann.

Bedingungen für die mediale Präsenz von Sportlerinnen

Für Athleten bieten sich im Gegensatz zu Personen aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen günstige kommunikative Bedingungen. Denn seit Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 hat sich der bereits hohe Stellenwert des Mediensports als publizistischer Inhalt nochmals gesteigert. Sport wird nicht nur umfänglicher als zuvor, sondern auch zunehmend unterhaltend aufbereitet. Sportliche Ereignisse, Handlungen und Personen werden entsprechend kontinuierlich wie seriell thematisiert. Die starke Unterhaltungsorientierung der Massenmedien hat weiterhin zur Folge, dass vor allem Personen in den Vordergrund gestellt werden. Dies sorgt entsprechend für hohe Aufmerksamkeits- und Bekanntheitswerte für Vertreter aus dem Bereich Sport - sofern es sich um männliche Protagonisten handelt.[3] Dagegen lässt sich für Athletinnen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Visualisierung ihres sportlichen Erfolgs in der Medienrealität kaum erzielen. Der Sport gilt vielmehr als eines der letzten Refugien männlicher Hegemonie.[4] So sind die Schlüsselpositionen in Sportverbänden, Redaktionen und Unternehmen überwiegend mit Männern besetzt, die damit über einen Großteil der Bedeutungs- und Definitionsmacht verfügen.[5] Sie entscheiden, welche Athlet(inn)en bei internationalen Sportevents antreten, über welche Sportler(inn)en wie berichtet wird und wer letztlich seinen sportlichen Erfolg in der werblichen Anschlusskommunikation kommerzialisieren darf.[6] In diesem Zusammenhang lässt sich in der Sportberichterstattung sowohl quantitativ als auch qualitativ eine Geschlechterordnung beobachten, dass oftmals zu Ungunsten der Athletinnen ausfällt, wie nachfolgend aufgezeigt wird.

Sportlerinnen in den Medien: unterrepräsentiert, trivialisiert, "entsportlicht"

Im Mediensport wird die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter und die damit verbundene "differentielle Anerkennung des Leistungssports von Männern und Frauen"[7] besonders deutlich. Zahlreiche empirische Studien verweisen zunächst auf eine deutliche redaktionelle Vernachlässigung von Sportlerinnen. In keinem tagesaktuellem Massenmedium (Print, Fernsehen, Radio) liegt der Anteil von Athletinnen in der Sportberichterstattung über 15 Prozent.[8] Insofern kann von einem geringen Stellenwert von weiblichen Sportprofis als Berichterstattungsobjekte gesprochen werden. Diese geringe Medienpräsenz von Sportlerinnen spiegelt damit in keiner Weise die tatsächliche Partizipation von Frauen im Profisport sowie ihre internationalen Erfolge wider.

Die Sportmedienrealität wird von den männlich dominierten Sportressorts konstruiert und funktioniert insofern nach geschlechterspezifischen Selektionskriterien. Da die Sportberichterstattung zudem überwiegend von Männern rezipiert wird, orientiert sie sich primär an deren Präferenzen. Demzufolge wird vielfach nur über jene Athletinnen berichtet, die traditionelle Weiblichkeitskonzepte aufrecht erhalten.[9] Im Fokus des redaktionellen Interesses sind daher die Vertreterinnen der ästhetisch-kompositorischen Sportarten sowie Individualsportarten, bei denen Eleganz und Anmut scheinbar im Vordergrund der sportlichen Leistung stehen. Der vorherrschende weibliche Stereotyp im Mediensport reflektiert insofern das gesellschaftlich erwartete weibliche Schönheitsideal, das von einer grazilen Schlankheit und heteronormativen sexuellen Ausstrahlung geprägt ist. Daher ist der von Athletinnen repräsentierte Sportartenkanon deutlich begrenzt: Fast zwei Drittel aller in der Tagespresse abgebildeten Fotos von weiblichen Sportprofis zeigen Tennisspielerinnen, die anderen "Frauensportarten" (etwa Eiskunstlauf, Rhythmische Sportgymnastik) sind lediglich mit Anteilen unter sechs Prozent vertreten, während Protagonistinnen aus "Männersportarten" nahezu vollständig aus der Berichterstattung ausgeblendet werden.[10]

Auch lässt sich eine unvorteilhafte Darstellung von Sportlerinnen in Bezug auf die Foto-Berichterstattung in der Tagespresse ausmachen. Untersuchungen ergaben, dass Athletinnen weniger in triumphalen Posen, sondern vielmehr als bescheidene Siegerinnen abgelichtet werden. Zudem erfolgt die visuelle Präsentation von Männern in der Sportpresse häufiger in sportlicher Aktion, also beim Laufen oder Springen, in kämpferischer Auseinandersetzung, während Frauen zwar am Wettkampfort (etwa in gestellten Posen am Spielfeldrand), jedoch nicht bei der eigentlichen Sportausübung gezeigt werden. Stattdessen ist eine Zunahme von Abbildungen im außersportlichen Kontext - etwa im Privatleben in der Rolle als Mutter oder Ehefrau - zu beobachten.[11] Diese redaktionelle Fokussierung auf human-interest-Themen lenken von den sportlichen Aktivitäten der Athletinnen ab, zudem werden ihre Erfolge und Titel marginalisiert. Es entsteht der Eindruck, dass der Frauensport eine wesentlich geringere Bedeutung im professionellen Sport einnimmt.

Diese Annahme wird durch die zahlreichen Trivialisierungen von Sportlerinnen in der medialen Berichterstattung verstärkt. So werden sie wesentlich häufiger als ihre männlichen Kollegen mit verniedlichenden Attributen beschrieben, wie "Turnküken", "Rennmieze" oder "Sportmädel".[12] Auch die distanzlose Nennung der Athletin beim Vornamen oder Spitznamen kann zu einem Prozess der "Entsportlichung" von weiblichen Sportprofis beitragen, da diese aufgrund einer verstärkten trivialisierten Berichterstattung von den Rezipienten nicht mehr als "richtige" Sportlerinnen wahrgenommen werden.[13]

Sexualisierung des Mediensports

Seit Mitte der 1980er Jahre lässt sich medienübergreifend verstärkt die visuelle Repräsentationsstrategie der Sexualisierung in der Sportberichterstattung beobachten. Dabei werden Aussehen und attraktive Ausstrahlung der Sportlerinnen zur wichtigsten Bildaussage, ihre Darstellung soll möglichst erotisch sein. Die sportlichen Leistungen oder der errungene Sieg werden so in den Hintergrund gedrängt.[14] Zahlreiche Befunde verweisen darauf, dass einzelne, sexuell konnotierte Körperpartien der Athletinnen in den Mittelpunkt der Fotos gerückt werden, etwa das Gesäß, Beine oder Busen.[15] Zudem werden auch Einblicke auf intime Körperzonen gewährt (etwa unter den Rock einer Tennisspielerin) oder Sportlerinnen bewusst mit einem "Come on"-Blick inszeniert, sodass sie kaum noch als sportliches Vorbild, sondern als erotische Objekte männlichen Begehrens dienen.[16]

Damit werden entsprechende Ästhetisierungen sowohl von den Medien vorgenommen, die eventuell nicht erotisch intendierte Bewegungen und Positionen aus ihrem Kontext herauslösen und in einen neuen, nun sexuell anmutenden Zusammenhang stellen, als auch von den Sportlerinnen selbst, indem sie sich qua Bekleidung oder gezielt in einem Männermagazin erotisch positionieren lassen.[17] Der Trend zur medialen Sexualisierung des Sportlerinnenkörpers ist jedoch kein neues Phänomen. Internationale Studien im Längsschnittsdesign zeigen, dass Athletinnen auch im Zeitverlauf kontinuierlich häufiger in erotischen Kontexten inszeniert werden und die Motive teilweise sogar Ähnlichkeiten mit Softpornos aufweisen.[18]

Sexualisierung als produktpolitische Ästhetisierungsstrategie

Der Körper nimmt im medial vermittelten Sport einen zentralen Stellenwert ein. Denn der Sport ist ein Sozialsystem, das in seinen Handlungsorientierungen primär auf den Körper und die Steigerung körperlicher Leistungen ausgerichtet ist.[19] Er fungiert nicht nur als Medium der Darstellung von Stärke, Ausdauer und Aggressivität, sondern auch von Schönheit, Eleganz und Erotik. "Doing sport ist immer doing gender, bedeutet immer, sich selbst als Athletin und als Frau zu präsentieren."[20] Daher lässt sich der Sportlerinnenkörper nicht nur auf den biologischen respektive sozialen Geschlechtskörper reduzieren, er ist stets auch ein sexuell begehrter Körper, der als solcher bewusst inszeniert werden kann.[21]

In diesem Zusammenhang haben Ilse Hartmann-Tews und Bettina Rulofs festgestellt, dass der Körper "von den Sportlerinnen und ihren Managern auf sehr deutliche Weise als Kapital eingesetzt [wird], mit dem sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewinnen".[22] Denn die Athletinnen müssen ihre Leistungen auf einem Markt anbieten, der aufgrund der weitgehenden Sättigung durch einen zunehmenden Verdrängungswettbewerb gekennzeichnet ist. Daher müssen sie zum Zweck der Differenzierung von der sportlichen Konkurrenz potenziellen Werbepartnern neben der sportlichen Leistung zunehmend einen "Zusatznutzen" anbieten. Dieser besteht oftmals in einem sexuell-attraktiven Körper, der dem gesellschaftlich erwarteten Schönheitsideal entspricht und mit dem sich eine alleinstellende Profilbildung am Markt realisieren lässt.[23] Gertrud Pfister hat hierfür den Begriff des "Kournikova-Syndroms" eingeführt: Dieser impliziert am Beispiel der russischen Tennisspielerin Anna Kournikova, dass die physische Attraktivität und sexuelle Ausstrahlung einer Sportlerin in den Massenmedien eine wesentlich größere Bedeutung einnehmen können als ihre sportliche Exzellenz.[24]

Die Manager der Athletinnen und die PR-Strategen der Verbände setzen die Sexualisierung daher bewusst als produktpolitische Strategie zur Sponsorenakquise ein, indem sie ihre Klientinnen im Rahmen der Vermarktung gezielt für entsprechende Fotostrecken anbieten. Seit 1995 haben sich mehr als 30 weibliche Sportprofis für den Playboy oder ein anderes einschlägiges Männermagazin (etwa "FHM", "GQ", "Maxim") erotisch in Szene setzen lassen. Hinzu kommen unzählige mediale Platzierungen von Einzelsportlerinnen in Tageszeitungen und Publikumszeitschriften sowie nackten Mannschaften in Kalendern. Eine Analyse dieser Publikationen zeigt, dass sich zwei Typen von medial sexualisierten Athletinnen identifizieren lassen: Erstens die ehemalige Sportlerin, die sich durch den erotischen Auftritt Anschlussengagements im Film-, Fernseh- und Showbusiness verspricht, um ihren Produktlebenszyklus maßgeblich zu verlängern und auch in der nachsportlichen Zeit Einnahmen zu erzielen. Zweitens die junge Athletin aus einer wenig medienaffinen Sportart, die am Anfang ihrer sportlichen Karriere steht und allenfalls einem interessierten Fachpublikum bekannt ist. Mittels der individuellen Ästhetisierungsstrategie qua Erotik kann sie eine erste mediale Beachtung erlangen. Darüber hinaus hilft diese Platzierung im Unterhaltungsressort beiden Typen, losgelöst aus einem sportlichen Kontext, neue und auch an Sport nicht interessierte Gruppen sowie potenzielle Sponsoren zu erreichen. Zudem führt sie zu weiteren bezahlten Medienplatzierungen, etwa als Gast in Talkshows und TV-Serien sowie auf Messen, die extra vergütet werden.[25]

Frauen in "Männersportarten" - eine Chance auf Emanzipation?

Der moderne Sport wurde von Männern für Männer erfunden. Die Sportentwicklung verlief deshalb über einen längeren Zeitraum ohne die Einbeziehung von Frauen. Zahlreiche Disziplinen, in denen Männer schon seit Beginn der Neuzeit bei den Olympischen Spielen um Medaillen kämpften, wurden zum Teil erst viele Jahrzehnte später für Frauen geöffnet.[26] Nach wie vor gelten jedoch Gewichtheben, Ringen, Boxen, Eishockey und Fußball als "Männersportarten" bzw. männlich dominierte Sportarten, da sie vornehmlich von Männern betrieben werden und "an traditionell männliche Geschlechtsstereotype, wie Aggressivität, Kraft, Risikobereitschaft und Konkurrenzverhalten anknüpfen".[27] Christa Kleindienst-Cachay und Annette Kunzendorf haben das Eindringen von Frauen in diese klassischen Männerdomänen als erstes Zeichen der Emanzipation gewertet, denn sie würden die "bisher klar umrissenen Räume zur sozialen Herstellung von Männlichkeit" in Frage stellen, traditionelle Geschlechtergrenzen überschreiten und zu einer allmählichen Auflösung gesellschaftlich akzeptierter Geschlechterstereotype beitragen.[28]

Im Mediensport stoßen Athletinnen aus "Männersportarten" jedoch auf Ablehnung, da ihre Körper aufgrund des harten Trainings oftmals nicht mehr dem traditionell weiblichen Schönheitsideal entsprechen. Abweichungen von dieser männlich konstruierten (aber auch von Frauen mitgetragenen) Norm werden selten akzeptiert und mit kommerzieller Nichtbeachtung gestraft. Protagonistinnen aus entsprechenden Disziplinen sind sowohl in der klassischen Sportberichterstattung als auch in der werblichen Anschlusskommunikation kaum vertreten.[29] Daher sehen sich Athletinnen aus männlich dominierten Sportarten noch stärker als Kolleginnen aus ästhetisch-kompositorischen Sportarten dazu gezwungen, ihre Weiblichkeit zu betonen.[30] Die Inszenierung erfolgt über den gezielten Einsatz von Gender-Symbolen wie Kleidung, Make-up, Nagellack, einer aufwändigen Frisur, Schmuck und der Hervorhebung der sekundären Geschlechtsmerkmale.[31]

Die Notwendigkeit einer Akzentuierung des "Frau-Seins" besteht insbesondere im außersportlichen Kontext und zeigt sich in der Praxis in besonders eindrücklicher Weise im Frauenboxen: Einer genuinen "Männersportart", die in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre durch die mehrfache Weltmeisterin Regina Halmich deutlich an Popularität gewinnen konnte. Halmich entspricht mit ihrer durchtrainierten, aber zarten Figur (Gewichtsklasse: Fliegengewicht) und langen Haaren dem gängigen Schönheitsideal. Ihr Management verfolgte im Rahmen der Vermarktung einerseits die Sexualisierung als produktpolitische Strategie ("Playboy" 2003, "Max" 2007), anderseits wurde sie auch außerhalb der klassischen Sportberichterstattung platziert, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Halmichs Showkämpfe gegen TV-Entertainer Stefan Raab (2001 und 2007) erzielten hohe Reichweiten (jeweils über sieben Millionen Zuschauer) und führten zu zahlreichen Anschlussengagements, etwa als TV-Moderatorin ("Biggest Loser", Kabel Eins) oder Schauspielerin ("Hinter Gittern", RTL). Zur Vermarktungsstrategie passt es, dass Halmich auch nach Beendigung ihrer aktiven Karriere ein kontinuierliches "Gendern" ihres Sportlerinnenkörpers beibehält. So ließ sie sich jüngst ihre durch mehrere Brüche zertrümmerte Nase unter medialer Begleitung korrigieren. Damit signalisiert Halmich, dass sie auch weiterhin für potenzielle Medien- und Werbepartner attraktiv bleiben möchte. Fraglich ist jedoch, inwiefern die ehemalige Profiboxerin mit diesem "Schönheitshandeln"[32] ein positives Vorbild für Mädchen darstellt.

Das emanzipatorische Potenzial des Frauenboxens wird da vielmehr in Sportfilmen sichtbar. Beispiele sind die mehrfach ausgezeichneten Boxfilme "Girlfight" (USA 2000) und "Million Dollar Baby" (USA 2004), die Hinweise für die Überwindung von Geschlechterdifferenzen im Sport und der Ausbildung einer weiblichen Sportidentität geben. Die Hauptdarstellerinnen Michelle Rodriguez ("Girlfight") und Hillary Swank ("Million Dollar Baby") vermitteln in ihren Rollen als emanzipierte Sportlerinnen, also mit fiktiven Figuren, eher ein positives weibliches Vorbild für junge Mädchen als viele reale Athletinnen.

Fazit

Unsere Ausführungen zeigen, dass Sportlerinnen zwar mittels der produktpolitischen Sexualisierungsstrategie durchaus eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielen können, dies jedoch nicht als emanzipatorischer Erfolg zu werten ist. Denn Emanzipation bedeutet primär die Befreiung von gesellschaftlicher Abhängigkeit und fremdbestimmten Normen. Da die weiblichen Sportprofis indes bereit sind, sich den männlichen Präferenzen anzupassen, internalisieren sie letztlich die Gechlechterhierarchie. Insbesondere weil sie diese Normen widerstandslos übernehmen und sich so in die hegemonialen Strukturen einordnen, reproduzieren sie das Patriarchat und verhindern langfristig eine Emanzipation - mit negativen Konsequenzen für Nachwuchssportlerinnen und Sportrezipientinnen. Die Geschlechterdifferenz im Sport ist somit noch lange nicht überwunden - "der Sport ist und bleibt eben ein Abbild der Gesellschaft, aus der er entstammt".[33]

Langfristig lässt sich eine Dekonstruktion der traditionellen Geschlechterbilder im Mediensport nur realisieren, wenn sich nicht nur die quantitative und qualitative Präsenz von Sportlerinnen erhöht, sondern Frauen auch in den Führungspositionen der Redaktionen, Sponsoringabteilungen und Sportverbänden angemessen vertreten sind. Denn für eine Emanzipation von Frauen im Sport ist es zwingend erforderlich, sie aktiv an allen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Abschließend stellt sich daher die Frage, inwiefern die aktuell diskutierte Frauenquote für die Vorstände und Aufsichtsräte der DAX-Unternehmen nicht auch für die Institutionen der Sport-Medien-Wirtschafts-Allianz gelten sollte.
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Fußnoten

1.
Vgl. die euphorischen Statements nach der Ankündigung der Aufnahme durch IOC-Präsident Jacques Rogge am 13.8.2009, etwa online: www.spiegel.de/sport/sonst/ 0,1518,642292,00.html (13.3.2011); vgl. mit einem Rückblick auf die Beteiligung von Sportlerinnen an den Olympischen Spiele der Moderne und die begrenzte Anzahl von zugelassenen Sportarten: Ilse Hartmann-Tews, Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung der Frauen, in: APuZ, (2004) 26, S. 31-38, hier: S. 34.
2.
Vgl. Ilse Hartmann-Tews/Bettina Rulofs, Zur Geschlechterordnung in der Sportberichterstattung, in: Thomas Schierl (Hrsg.), Handbuch Medien, Kommunikation und Sport, Schorndorf 2007, S. 137-154, hier: S. 149.
3.
Vgl. Christoph Bertling/Daniela Schaaf, Spitzensportler/innen als Marke - Die Darstellung von Athletinnen und Athleten in der Werbung, in: Ilse Hartmann-Tews/Britt Dahmen (Hrsg.), Sportwissenschaftliche Geschlechterforschung im Spannungsfeld von Theorie, Politik und Praxis, Hamburg 2007, S. 139-149; Thomas Schierl/Christoph Bertling, Personalisierung und Prominenz in der Sportberichterstattung, in: T. Schierl (Anm. 2), S. 155-166.
4.
Vgl. Daniela Schaaf/Jörg-Uwe Nieland, Der widerspenstigen Zähmung. Zur Sexualisierung des Frauenfußballs, in: Das Argument, (2011) 290, S. 61-67. Zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit vgl. Robert W. Connell, Gender and Power. Society, the Person and Sexual Politics, Cambridge-Oxford 1987.
5.
In den Präsidien der Spitzenverbände liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen zwischen 10 und 20 Prozent; in den Sportredaktionen beträgt der Anteil von Journalistinnen gerade einmal 8 Prozent; in den Sportsponsoring-Agenturen der werbungtreibenden Unternehmen lässt sich ein Frauenanteil von 20 Prozent unter den Marketingentscheidern ermitteln. Vgl. DOSB (Hrsg.), Sport in Deutschland 2008/09, Frankfurt/M. 2008; Gertrud Pfister, Gender, Sport und Massenmedien, in: Claudia Kugelmann/Gertrud Pfister/Christa Zipprich (Hrsg.), Geschlechterforschung im Sport. Differenz und/oder Gleichheit, St. Augustin-Hamburg 2004, S. 59-88; Daniela Schaaf, Einzelsportlervermarktung im Frauenfußball. Eine Analyse der Selektionskriterien von Massenmedien und Sponsoren im Hinblick auf die FIFA-WM 2011, unveröff. Forschungsbericht, Köln 2010.
6.
Vgl. Johanna Dorer, Mediensport und Geschlecht, in: Medienimpulse, (2007) 62, S. 25-31.
7.
Ilse Hartmann-Tews/Bettina Rulofs, Sport: Analyse der Mikro- und Makrostrukturen sozialer Ungleichheit, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 564-569, hier: S. 566.
8.
Vgl. Bettina Rulofs, Konstruktion von Geschlechterdifferenzen in der Sportpresse? - Eine Analyse der Berichterstattung zur Leichtathletik WM 1999, Butzbach-Griedel 2003; I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 2).
9.
Vgl. Ilse Hartmann-Tews/Bettina Rulofs, Die Konstruktion von Geschlecht im Rahmen der visuellen Sportkommunikation, in: Thomas Schierl (Hrsg.), Die Visualisierung des Sports in den Medien, Köln 2004, S. 111-134.
10.
Vgl. B. Rulofs (Anm. 8), S. 170ff.; I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 9), S. 116ff.; zur besonderen Rolle von Fußballerinnen: D. Schaaf/J.-U. Nieland (Anm. 4).
11.
Vgl. B. Rulofs (Anm. 8), S. 171f.; I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 2), S. 144.
12.
Vgl. Margret Duncan/Michael Messner, Gender Stereotyping in televised sports - A follow-up to the 1989 study, Los Angeles 1994; Catriona T. Higgs/Karen H. Weiler, Gender bias and the 1992 summer Olympic Games: An analysis of television coverage, in: Journal of Sports & Social Issues, (1994) 3, S. 234-248; Marie-Luise Klein, Frauensport in der Tagespresse. Eine Untersuchung zur sprachlichen und bildlichen Präsentation von Frauen in der Sportberichterstattung, Bochum 1986; dies./Gertrud Pfister, Goldmädel, Rennmiezen und Turnküken. Die Darstellung der Frau in der Sportberichterstattung der BILD-Zeitung, Berlin 1985.
13.
Vgl. D. Stanley Eitzen/Maxine Baca Zinn, The De-athleticization of Women: The Naming and Gender Marking of Collegiate Sport Teams, in: Sociology of Sport Journal, (1989) 4, S. 362-370.
14.
Vgl. Daniela Schaaf/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.), Die Sexualisierung des Sports in den Medien, Köln 2011 (i.E.).
15.
Vgl. I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 9); Sylvia Nagel, Erotik als Vermarktungsinstrument, in: Georg Anders/Elisabeth Braun-Laufer (Hrsg.), Sportlerinnen in den Medien. Möglichkeiten und Grenzen, Köln 1999, S. 33-39; C.T. Higgs/K. H. Weiler (Anm. 12); Margret Duncan, Sports Photographs and Sexual Difference: Images of Women and Men in the 1984 and 1988 Olympic Games, in: Sociology of Sport Journal, (1990) 7, S. 22-43; M.-L. Klein (Anm. 12).
16.
Vgl. M. Duncan (Anm. 15); I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 2).
17.
Vgl. Thomas Schierl, Ästhetisierung als produktpolitisches Instrument medial vermittelten Sports, in: ders. (Anm. 9), S. 135-163.
18.
Vgl. Michael Messner/Margret Duncan/Cheryl Cooky, Silence, sports, bras, and wrestling porn - Women in televised sports news and highlights shows, in: Journal of Sport & Social Issues, (2003) 3, S. 38-51; M. Duncan/M. Messer (Anm. 12).
19.
Vgl. I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 9).
20.
G. Pfister (Anm. 5), S. 63.
21.
Vgl. Nina Degele, Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln, Wiesbaden 2004.
22.
I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 9), S. 124.
23.
Vgl. Daniela Schaaf, Testimonialwerbung mit Sportprominenz. Eine institutionenökonomische und kommunikationsempirische Analyse, Köln 2010.
24.
Vgl. Gertrud Pfister, Das Kournikova-Syndrom. Bilder, Vorbilder und Doing-Gender im Spitzensport, in: dies. (Hrsg.), Frauen im Hochleistungssport, Hamburg 2002, S. 41-58; dies. (Anm. 5), S. 75.
25.
Vgl. Daniela Schaaf, Erotik als Vermarktungsstrategie von Spitzensportlerinnen, in: dies./J.-U. Nieland (Anm. 14).
26.
Vgl. G. Pfister (Anm. 5), S. 59f.; I. Hartmann-Tews (Anm. 1), S. 34.
27.
Christa Kleindienst-Cachay/Karoline Heckemeyer, Frauen in Männerdomänen des Sports, in: Ilse Hartmann-Tews/Bettina Rulofs (Hrsg.), Handbuch Sport und Geschlecht, Schorndorf 2006, S. 112-124, hier: S. 113.
28.
Christa Kleindienst-Cachay/Annette Kunzendorf, "Männlicher" Sport - "weibliche" Identität? Zur Problematik von Hochleistungssportlerinnen in männlich dominierten Sportarten, in: Sportunterricht, (2003) 10, S. 292-296. Vgl. auch Birgit Palzkill, Zwischen Turn- und Stöckelschuh. Die Entwicklung lesbischer Identität im Sport, Bielefeld 1990; Gertrud Pfister, Sport im Lebenszusammenhang von Frauen, Schorndorf 1999.
29.
Vgl. I. Hartmann-Tews/B. Rulofs (Anm. 2); D. Schaaf (Anm. 23).
30.
Vgl. S. Nagel (Anm. 15), S. 37.
31.
Vgl. C. Kleindienst-Cachay/K. Heckemeyer (Anm. 27), S. 46 und S. 53.
32.
N. Degele (Anm. 21).
33.
Gabriele Sobiech, Im Abseits? Mädchen und Frauen im Fußball-Sport, in: Holger Brandes/Harals Christa/Ralf Evers (Hrsg.), Hauptsache Fußball. Sozialwissenschaftliche Einwürfe, Göttingen 2006, S. 147-169, hier: S. 166.

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