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12.4.2011 | Von:
Simone Wörner
Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Spielstand 1900

Fußball schien lange Zeit mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit nur ein Sport für Männer zu sein. Fußball spielende Frauen wurden als Abweichung von der Norm wahrgenommen, sie hatten sich für ihr Fußballspiel zu rechtfertigen und mit Behinderungen und Verboten auseinanderzusetzen. Das war aber nicht immer so. In Handbuchartikeln zur Entstehungsgeschichte des Fußballs ist nachzulesen, dass Frauen an den frühesten Spielformen im Mittelalter beteiligt waren.[5] Und noch im 18. Jahrhundert wurde der vormoderne Fußball zum Vergnügen auf kirchlichen Festen von Frauen und Männern gespielt. Dabei sind sowohl Spiele von gemischten Teams überliefert als auch Spiele, bei denen Frauen gegen Männer oder Frauenteams aus unterschiedlichen Dörfern gegeneinander antraten.[6] Im Gegensatz zu heute war das Geschlecht noch kein trennendes Kriterium für die Mannschaftsbildung.[7]

Der moderne Fußball entwickelte sich zwischen 1750 und 1850 aus dem unregulierten Volksfußballspiel. Das Spiel wurde in England von Schulen aufgegriffen und dort durch die Festschreibung von Regeln formalisiert. Die Pädagogen sahen in ihm eine Möglichkeit, die Persönlichkeitsentwicklung von Schülern zu fördern und es auf der Basis von überregional verbindlichen Regeln auch mit der Wettkampfidee des modernen Sports zu verbinden.[8] Frauen und Mädchen wurden zu dieser Zeit zwar noch in geringem Umfang beteiligt,[9] Fußball war aber sowohl in England als auch später in Deutschland das Spiel, das in erster Linie für Jungen etabliert und ausgebaut wurde. Die geringe Beteiligung von Mädchen und Frauen wurde mit der Zeit immer weiter eingeschränkt, und ausgehend von der Geschlechterdifferenzierung wurden sie schließlich ganz vom Fußballspiel ausgeschlossen.

Zunächst hatte die Zahl der Fußball spielenden Frauen jedoch zugenommen. In England gründete 1894 Nettie Honeyball das erste Frauenfußballteam, und am 23. März 1895 fand ein Spiel zwischen einer nord- und einer südenglischen Frauenauswahl vor rund 10000 Zuschauern statt. Auch für den Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich durchaus eine Beteiligung von Frauen am Fußballspiel feststellen. Sie traten gegeneinander an, spielten in gemischten Teams oder auch gegen Männermannschaften.[10] Dagegen war im Kampf um gleiche bürgerliche Rechte, den Nettie Honeyball als Frauenrechtlerin und Lady Florence Dixi, Präsidentin des Frauenfußballclubs und aktives Mitglied der Frauenstimmrechtsvereinigung, vermutlich auch führten, noch keine Lösung in Sicht.[11] Erst 1918/19 wurde der Forderung der Frauenwahlrechtsbewegung in Deutschland, England und Frankreich mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen nachgegeben.

Fußnoten

5.
Vgl. Gustav Bogeng (Hrsg.), Geschichte des Sports aller Völker und Zeiten, Leipzig 1926.
6.
Vgl. Allen Guttmann, Women's Sport, New York 1991, S. 47 f; David J. Williamson, The Belles of the Ball: The early History of Women's Football, Devon 1991.
7.
Vgl. Marion Müller, Das Geschlecht des Fußballs - Zur "Polarisierung der Geschlechtercharaktere" im Fußball, in: Sport und Gesellschaft, (2007) 2, S. 113-141, S. 121.
8.
Vgl. Eric Dunning, "Volksfußball" und Fußballsport, in: Wilhelm Hopf (Hrsg.), Fußball. Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart, Bensheim 1979, S. 12-18.
9.
Philipp Heineken führt gegen das von Kritikern vorgebrachte Argument, dass Fußball zu brutal sei, an, dass sich selbst die kickenden Schülerinnen "ganz wohl dabei befinden". Philipp Heineken, Das Fußballspiel: Association und Rugby, Hannover 1993 (Erstausgabe: 1889), S. 222-229.
10.
So deutet Marion Müller das Verbot der englischen Football Association von 1902, das den Mitgliedsvereinen Spiele gegen "Ladyteams" untersagte. Vgl. Marion Müller, Fußball als Paradoxon der Moderne: zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball, Wiesbaden 2009, S. 71.
11.
Eine umfassende Untersuchung der Beziehungen zwischen Frauenfußball und der Frauenstimmrechtsbewegung steht noch aus.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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