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12.4.2011 | Von:
Simone Wörner
Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Erster Weltkrieg - Stunde der Fußballerinnen?

Während des Ersten Weltkriegs kam der Ligaspielbetrieb der Männer fast vollständig zum Erliegen; vor allem in England entwickelte sich der Frauenfußball nun unter sehr günstigen Rahmenbedingen weiter. Es gründeten sich viele neue Frauenfußballmannschaften, und die Football Association (FA) stellte den Frauen wegen der großen Zuschauernachfrage Plätze und Infrastruktur zur Verfügung. Die Eintrittsgelder der Spiele wurden ausschließlich für wohltätige Zwecke verwendet. Das bekannteste Frauenteam dieser Zeit waren die "Dick Kerr's Ladies", die 1917 von den Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik in Preston gegründet worden war. Sie spielten am 26. Dezember 1920 in Everton vor 50000 Zuschauern gegen die "St. Helen Ladies", im selben Jahr in Paris vor 20000 Zuschauern gegen eine französische Frauenfußballauswahl und gewannen 1922 auf einer Tour durch die USA und Kanada gegen Männerteams. Ende 1921 hatte fast jede größere Stadt in England ein eigenes Frauenfußballteam; durch den regelmäßigen Spielbetrieb kam es zu Leistungssteigerungen und Professionalisierungstendenzen.[12]

Parallel zu dieser Entwicklung im Frauenfußball wurden Frauen verstärkt für die Erwerbsarbeit mobilisiert, um die im Krieg dienenden Männer zu ersetzen. Viele Frauen machten durch die Aufwertung der Frauenarbeit und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit die Erfahrung von Freiheit.[13] Doch die Vermutung, der Erste Weltkrieg habe die Beziehung zwischen den Geschlechtern von Grund auf umgewälzt und eine emanzipatorische Wirkung gehabt, haben Historikerinnen widerlegt.[14]

Nach dem Krieg verwiesen die zurückgekehrten Männer die Frauen in vielen Gesellschaftsbereichen wieder auf ihren ursprünglichen Platz in der Familie zurück. Sowohl in Deutschland als auch in England fehlte es an Akzeptanz für die Erwerbsarbeit von Frauen, lediglich in Frankreich schien eine tolerantere Haltung gegenüber berufstätigen Frauen möglich zu sein.[15] Ob dies auch den unterschiedlichen Umgang in Frankreich und England mit dem Frauenfußball erklärt, wäre zu überprüfen.

In England schuf die FA 1921 für den Frauenfußball unüberwindbare Hindernisse, indem sie ihren Mitgliedsverbänden verbot, auf ihren Plätzen Frauenfußballspiele auszutragen. Als offizielle Begründung für diese Entscheidung wurden angebliche Unregelmäßigkeiten bei den für wohltätige Zwecke bestimmten Eintrittsgeldern angegeben.[16] In Frankreich konnten die Frauen dagegen zunächst ungehindert von Verboten Fußball spielen, gesellschaftlich stießen sie aber auch hier auf eher ablehnende Reaktionen. Im Wettbewerb um die französische Frauenfußballmeisterschaft, der bis Anfang der 1930er Jahre ausgetragen wurde, war vor allem das 1917/1918 gegründete Team von Fémina Sport Paris erfolgreich, das den Titel mehrmals gewann und auch regelmäßig eine große Anzahl Spielerinnen für die Auswahl bei internationalen Begegnungen stellte. Ende der 1920er Jahre fehlte es den Frauenfußballvereinen jedoch an Nachwuchs, das Interesse der Zuschauer ließ nach und im Zuge der Weltwirtschaftskrise stellten die Sportdachverbände die staatlichen Zuschüsse ein, die den Spielbetrieb außerhalb Paris ermöglicht hatten.[17]

Fußnoten

12.
Vgl. M. Müller (Anm. 10), S. 74.
13.
Vgl. Francoise Thébaud, Der erste Weltkrieg. Triumph der Geschlechtertrennung, in: Georges Duby/Michelle Perrot (Hrsg.), Geschichte der Frauen, Paris 1995, S. 33-91, S. 52.
14.
Vgl. ebd., S. 35.
15.
Vgl. ebd., S. 61.
16.
Vgl. Fabian Brändle/Christian Koller, Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs, Zürich 2002, S. 219.
17.
Vgl. Gertrud Pfister, Von Suffragetten, Megären und Mannweibern - Frauenfußballgeschichten im internationalen Vergleich, in: Ulrike Röger (Hrsg.), Frauen am Ball: Analysen und Perspektiven der Genderforschung, Hamburg, 2008, S. 11-16.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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