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12.4.2011 | Von:
Simone Wörner
Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Bis zum Verbot: Anfänge in Deutschland

Der Frauenfußball hat in Deutschland keine so weit zurück reichende Tradition wie in England oder Frankreich. Als das Spiel nach Deutschland kam, fehlte es ihm zunächst generell an Akzeptanz, denn auch für Männer galt Fußball im Vergleich zum Turnen als zu kämpferisch, leistungsorientiert und undeutsch.[18] Abhandlungen über sinnvolle Leibesübungen für Frauen kreisten während des Kaiserreiches vor allem um die Frage, wie die weibliche Gesundheit und Anmut durch sportliche Betätigung gefördert werden könne. Ein Umdenken begann erst in der Zeit der Weimarer Republik. In dieser Aufbruchstimmung kam es zum Durchbruch des Frauensports, und es gab kaum eine Disziplin, in der Frauen sich nicht versuchten.

Ab Mitte der 1920er Jahre wurde dann die Frage, ob Frauen Fußball spielen sollten oder nicht, von Männern in Sportzeitschriften mit den aus der Geschlechterdifferenz abgeleiteten körperlichen und psychologischen Argumenten diskutiert.[19] Eine häufig wiederkehrende Begründung gegen Frauenfußball, die etwa innerhalb des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB) angeführt wurde, war die Vorstellung, dass die Wettkampfidee mit dem weiblichen Wesen unvereinbar sei. Zugleich wurden ab Ende der 1920er Jahre in der Fußballsparte des ATSB weibliche Mitglieder aufgeführt.[20] Die Tatsache, dass diese Fragen diskutiert wurden, lässt vermuten, dass Frauen bereits tatsächlich in einem bemerkbaren Ausmaß Fußball gespielt haben.

Aufgrund seines Namens galt bislang der Erste Deutsche Damen-Fußball-Club (1. DDFC), den Lotte Specht 1930 in Frankfurt am Main gründete, als Wiege des deutschen Frauenfußballs. Doch es ist davon auszugehen, dass Frauen bereits in den 1920er Jahren mehr oder weniger sichtbar für die Öffentlichkeit Fußball spielten. In der offiziellen Form eines Fußballvereins mit Spielen vor Zuschauern, die Lotte Specht zu etablieren versuchte, wurde dem Fußballspiel der Frauen jedoch noch mit schärfster Kritik begegnet, was unter anderem eine Ursache dafür war, dass sich der DDFC nach einem Jahr schon wieder auflöste.[21]

Auch während des Nationalsozialismus galt Fußball als männlicher Kampfsport, der sich für Frauen nicht eigne. 1936 teilte der DFB als gleichgeschalteter Verband im Fachamt Fußball in einer Mitteilung des Fußball-Pressedienstes mit, dass Fußball zu den Sportarten gehöre, die dem Wesen der Frau nicht entsprächen.[22]

Ein wirkliches Verbot folgte aber erst in den 1950er Jahren. Vor allem nach der von Deutschland gewonnenen Weltmeisterschaft 1954 wuchs die allgemeine Fußballbegeisterung von Männern und Frauen. Bald schon wurden ähnliche Diskussionen wie 1921 geführt, ob Fußball ein Sport für Frauen sei. So waren es neben "grundsätzlichen Erwägungen" auch "ästhetische Gründe",[23] die den DFB dazu bewogen, auf seinem Bundestag in Berlin am 30. November 1955 einstimmig zu beschließen, "a) unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, b) unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, c) unseren Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten."[24]

Hierbei bediente sich der DFB einer ähnlichen Strategie, wie sie die englische FA 1921 verfolgt hatte: Durch die (männliche) Kontrolle über die Plätze sollte die Kontrolle über die Fußballspielerinnen und damit deren Exklusion aus diesem Sport erreicht werden. Die Gesetzeslage in den 1950er Jahren zeigt ein vergleichbares Bild männlicher Einflussnahme: Das Gleichberechtigungsgesetz, das am 1. Juli 1958 in Kraft trat, passte immerhin das Ehe- und Familienrecht an das Grundgesetz an, in dem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen festgeschrieben ist (Art. 3, Abs. 2). Frauen wurde nun unter anderem die Berufstätigkeit zugestanden, allerdings unter der Voraussetzung, dass ihre innerfamiliären Verpflichtungen nicht darunter zu leiden hatten.

Wissenschaftliche Schützenhilfe fand der DFB für sein Verbot unter anderem bei Medizinern wie Albert Zapp, der - mit ähnlicher Argumentation wie sie bereits im 19. Jahrhundert vorgetragen worden war - die Schädlichkeit von Leistungssport für Frauen auf das Fußballspiel übertrug.[25] Auch der niederländische Psychologe Fred J.J. Buytendijk diagnostizierte das Treten als typisch männlich: "Ob darum das Getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich. Im Fußballspiel zeigt sich in spielender Form das Grundschema der männlichen Neigungen und der Werte der männlichen Welt."[26]

Fußnoten

18.
Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling, Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports, Göttingen 2000, S. 65.
19.
Vgl. Walter Huit, Soll das weibliche Geschlecht Fußball spielen?, in: Sport und Sonne, (1925) 6, S. 24ff.; Georg Bendix, Die Fußballerin, in: Die Freie Turnerin, (1925) 3, S. 3f.
20.
Vgl. Sigrid Block, Frauen und Mädchen in der Arbeitersportbewegung, Münster 1987, S. 185ff.
21.
Vgl. E. Hoffmann/J. Nendza (Anm. 3), S. 24.
22.
Vgl. Pressemitteilung des DFB vom 5.3.1936, DFB-Archiv, Frankfurt/M.
23.
Vgl. E. Hoffmann/J. Nendza (Anm. 3), S. 28.
24.
Niederschrift über den ordentlichen Bundestag des DFB am 30.7.1955 in Berlin, S. 12, DFB-Archiv, Frankfurt/M.
25.
Vgl. Dietmar Osses, Fußball, weiblich, in: Franz-Josef Brüggemeier et al. (Hrsg.), Der Ball ist rund. Die Fußballausstellung, Essen 2000, S. 298-309, S. 300.
26.
Fred J.J. Buytendijk, Das Fußballspiel. Eine psychologische Studie, Würzburg 1953, S. 20.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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