APUZ Dossier Bild

12.4.2011 | Von:
Simone Wörner
Nina Holsten

Frauenfußball - zurück aus dem Abseits

Bis zur Aufhebung des Verbots

Es zeigte sich rasch, dass das Verbot nur begrenzt Wirkung hatte, denn Frauenfußball fand während der gesamten Verbotszeit trotzdem statt. Vor allem in den Hochburgen im Ruhrgebiet und in Süddeutschland trafen sich Frauenmannschaften zu Begegnungen. Oftmals gingen die frauenfußballerischen Aktivitäten in den 1950er Jahren auf männliche Organisatoren zurück. Der Essener Kaufmann Willi Ruppert beispielsweise gründete 1956 den "Westdeutschen Damen-Fußball-Verband e.V.", später den "Deutschen Damen-Fußball-Bund e.V." und organisierte Länderbegegnungen einzelner Mannschaften gegen Teams aus den Niederlanden, was auf großes Publikumsinteresses stieß. Der DFB versuchte gegen diesen "Wildwuchs" vorzugehen. 1957 etwa befasste sich der Deutsche Städtetag mit einer Drohung des DFB gegenüber der Stadt Frankfurt am Main, keine größeren Männerfußballbegegnungen mehr "nach Frankfurt zu legen, wenn nicht ein derzeit angesetztes Damenfußballspiel abgesagt würde". Der Städtetag indes sah keinen Handlungsbedarf.[27]

Gegen Ende der 1960er Jahre gab es zahlreiche Frauenfußballmannschaften, Schätzungen belaufen sich auf eine Zahl zwischen 40000 und 60000 Frauen und Mädchen, die teils verbotenerweise in DFB-Vereinen wie dem SC Bad Neuenahr oder der TuS Wörrstadt Fußball spielten oder neue gründeten, wie zum Beispiel den Frankfurter Frauenfußballverein in der SG Oberst-Schiel. Doch nicht zuletzt die Befürchtung, dass sich die Fußballerinnen einem anderen Verband anschließen könnten, bewog die DFB-Spitze schließlich dazu, ihre ablehnende Haltung zu überdenken. "In der politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre in der Bundesrepublik nach 1968, das die Adenauerära auch kulturell beendet hatte, war angesichts sozialliberaler Reformpolitik und neuer Frauenbewegung die verbandsrechtliche Diskriminierung des Frauenfußballs nicht mehr haltbar."[28]

Kurz nachdem im Sommer 1970 in Italien eine erste inoffizielle Frauenfußball-WM stattgefunden hatte, an der auch Spielerinnen vom SC 07 Bad Neuenahr und dem SV Illertissen für Deutschland angetreten waren, kam es am 31. Oktober 1970 auf dem DFB-Bundestag zum "Wunder von Travemünde" - die Delegierten beschlossen auf Antrag des DFB-Vorstands mit zwei Gegenstimmen, Frauenfußball zuzulassen: "a) Der im Jahre 1955 gefasste Beschluss Spiele von Frauenfußball-Mannschaften nicht zu gestatten, wird aufgehoben. b) Der DFB-Vorstand wird beauftragt, die erforderlichen Richtlinien zur Durchführung von Frauenfußballspielen aufzustellen und deren Annahme zu empfehlen."[29]

Was auf den ersten Blick wie der gewonnene Kampf um die Teilhabe am Fußballsport scheint, entpuppt sich auf den zweiten als Fortführung von Exklusionsstrategien. Denn es durfte zwar gespielt werden, und ein geordneter Spielbetrieb wurde ebenfalls auf den Weg gebracht, aber die Regeln, nach denen gespielt werden sollte, waren Sonderregeln - "Damenregeln" eben. Diese sahen ein kleineres Spielfeld, einen Jugendball, eine kürzere Spielzeit, eine Winterpause, ein Verbot von Stollenschuhen und die Erlaubnis absichtlichen Handspiels zum Schutz vor schmerzhaften Begegnungen mit dem Ball (Schutzhand) vor. Mit der Aufhebung des Verbots wurde demnach nicht Fußball für Frauen geöffnet, sondern Frauenfußball als andere Sportart eingeführt.

Fußnoten

27.
Niederschrift über die 12. Sitzung des Sportausschusses am 10./11.7.1957 in Berlin, Landesarchiv Berlin, Signatur: B Rep. 142-09 Az.: 5-95-00-12, S. 5.
28.
F. Brändle/C. Koller (Anm. 16), S. 225.
29.
Niederschrift über den 22. ordentlichen Bundestag des DFB am 31.10.1970 in Travemünde, S. 10, DFB-Archiv, Frankfurt/M.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Fußball - mehr als ein Spiel

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart geworden, die weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Die Geschichte des Fußballs, seine Fans, aber auch sein Stellenwert für Politik, Wirtschaft und Medien sind Thema dieses Heftes.

Mehr lesen