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21.1.2011 | Von:
Arved Fuchs

Nordpoldämmerung - Essay

Der Expeditionsleiter Arved Fuchs beschreibt die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensbedingungen in der Arktis. Innerhalb weniger Jahre werden die charakteristischen Merkmale dieser Region verloren sein.

Einleitung

Die "Nordostpassage", jener legendäre Seeweg entlang der Nordküste Sibiriens ohne nennenswerte Eisfelder - das war eine Vorstellung, die nicht in mein Bild von der Arktis passte. Dreimal waren wir in den 1990er Jahren mit unserem Segelschiff "Dagmar Aaen" am Eis gescheitert. Drei Sommer, in denen wir auf ziemlich drastische Art und Weise lernten, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Trotzdem versuchten wir es im Jahre 2002 ein viertes Mal, wenn auch ein wenig kleinlauter. Es gelang auf Anhieb. Dort, wo uns in den Jahren zuvor Eisfelder den Weg versperrt hatten, gab es offenes Wasser. Die Passage lag nahezu eisfrei vor uns. Wir kamen aus dem Staunen kaum heraus. Alles nur Zufall? Eine Laune der Natur, die uns gewähren ließ? Oder waren das bereits Anzeichen eines sich immer deutlicher abzeichnenden Klimawandels in der Arktis, vor dem damals nur mit leisen Tönen von einigen Wissenschaftlern und Gremien gewarnt wurde? Ich war jedenfalls misstrauisch geworden und beschloss, intensiver zu recherchieren.

Die altgedienten Eismeerkapitäne der Moskauer "Hauptverwaltung des Nördlichen Seeweges" waren sich einig: "Alles nur Panikmache, Ihr habt einfach Glück gehabt. Wartet mal ab, in den nächsten Jahren wird alles wieder so, wie es früher war!" Aber sie sollten sich irren. Das Jahr 2002 war kein "Einreißer", keine Laune der Natur. Es zeichnete sich deutlich eine Tendenz ab. Natürlich ist die Eisbildung jährlichen Schwankungen unterworfen, aber die sich abzeichnende Entwicklung war unmissverständlich in ihrer Aussage: Das arktische Meereis nahm im Sommer sowohl in der Ausdehnung wie auch in der Mächtigkeit ab. Und zwar in einer Geschwindigkeit, mit der offenbar keiner gerechnet hatte. Auswirkungen auf die küstennahen Anrainer wie Alaska, Sibirien, Grönland und Kanada waren inzwischen unverkennbar. Während man sich in Europa eher zaghaft des Problems annahm, waren die Folgen des Klimawandels in der Lebenswirklichkeit zahlreicher indigener Völker längst angekommen.

Sensibilisiert durch die Erfahrungen der "Nordostpassage", entschlossen wir uns 2003, durch die "Nordwestpassage" zu fahren. Bereits 1993 hatten wir sie im Verlauf einer Expedition kennengelernt, als noch kaum jemand von "Klimawandel" gesprochen hatte. Die "Nordwestpassage" ist gewissermaßen das Pendant zur russischen "Nordostpassage". Sie führt nördlich der amerikanischen und kanadischen Küste entlang. 100 Jahre nach ihrer Erstbefahrung durch den Norweger Roald Amundsen (1872-1928) und zehn Jahre nach unserer eigenen Fahrt wollten wir Vergleiche anstellen, ob sich für uns feststellbar etwas verändert hatte. Sollten wir vorher noch Zweifel an den Auswirkungen des Klimawandels gehabt haben, dann wurden diese im Sommer 2003 gründlich ausgeräumt. Unsere Eindrücke mögen nach wissenschaftlichen Maßstäben zwar nicht repräsentativ gewesen sein, aber wir waren Beobachter mit einem fast 30-jährigen Erfahrungshorizont im arktischen Raum. Dieser Zeitraum ist erd- oder klimageschichtlich nicht einmal ein Wimpernschlag - doch umso erschreckender war die Klarheit, mit der wir die Veränderungen wahrnahmen.