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21.1.2011 | Von:
Valur Ingimundarson

Die Kartierung der Arktis: Bodenschätze, Großmachtpolitik und multilaterale Governance

Schlussfolgerung

Meine Ausführungen haben gezeigt, dass es aufgrund des unwegsamen Geländes, der komplizierten Förderung von Schiefergas und der hohen Erschließungs- und Produktionskosten höchst unsicher ist, ob das enorme Potenzial der arktischen Gasvorkommen in absehbarer Zukunft rentabel ausgeschöpft werden kann. Nichts weist darauf hin, dass die arktischen Ressourcen die überragende Bedeutung der Ölvorkommen in den Golfstaaten schmälern könnten.[27] Dennoch hat dies einige Staaten nicht davon abgehalten, Gebietsansprüche oder Forderungen nach politischer Einflussnahme in der Arktis zu erheben. Wie gezeigt wurde, herrscht in Bezug auf die governance der Arktis beträchtliche Unsicherheit, da es keine wirksamen multilateralen Mechanismen gibt, um potenzielle Meinungsverschiedenheiten beilegen oder die Region verwalten und bewirtschaften zu können.

Die Auseinandersetzungen über die Arktis sind derzeit noch handhabbar. Mit Blick auf die potenziell zu gewinnenden Rohstoffe ist der Medien-Hype über den Lomonossow-Rücken ungerechtfertigt. Laut US Geological Survey birgt er keine wertvollen Bodenschätze,[28] und angesichts seiner Abgelegenheit wäre eine Erschließung sehr kostspielig. Beim Streit um die Hans-Insel geht es ausschließlich um die Felseninsel selbst, nicht um die sie umgebenden Gewässer. Die meisten Öl- und Gasvorkommen befinden sich ohnehin in nicht umstrittenen Gebieten, in den "Ausschließlichen Wirtschaftszonen" der jeweiligen Staaten.

Eine Ausnahme ist die Auseinandersetzung zwischen den USA und Kanada über die Seegrenze in der Beaufortsee. Aber angesichts der bestehenden amerikanisch-kanadischen Sicherheitsgemeinschaft gibt es keinen Grund anzunehmen, dass der Streit eskalieren wird. Das Gleiche lässt sich über die Auseinandersetzungen um die Nordwestpassage sagen. Während Russland am meisten in der Arktis zu gewinnen hätte und zuweilen kämpferische Rhetorik bemüht,[29] um seine Gebietsansprüche zu bekunden, hat es sich bis jetzt an internationales Recht gehalten.

Ein worst case scenario für die Arktis setzt eine drastische Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und der NATO einerseits sowie Russland andererseits voraus, was aber unwahrscheinlich ist, da beide Seiten grundsätzlich um deren Verbesserung bemüht sind. Auch eine denkbare Verquickung der Arktis-Angelegenheiten mit anderen internationalen Auseinandersetzungen ist bislang ausgeblieben. (Eine Möglichkeit dazu hätte etwa der Georgienkrieg 2008 geboten, der jedoch keine längerfristigen Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hatte.)

Was sich derzeit in der Arktis abspielt, ist kein militärischer Aufmarsch und keine militärische Kraftprobe; vielmehr bereiten sich alle Seiten darauf vor, im Vielklang der Stimmen festzulegen, wie die im Wandel befindliche Region in Zukunft politisch und rechtlich gestaltet werden soll. Momentan gibt es in der Arktis wenige Spannungen, da die Hauptakteure sich an die geltenden internationalen Regeln halten. Aber das beharrliche Argument der "Identität", das unterschwellig im Diskurs über sich überschneidende Hoheitsansprüche und in nationalistischen Phrasen mitschwingt, wirkt nicht gerade begünstigend auf die zwischenstaatliche Zusammenarbeit, so dass das langfristige Risiko eines geopolitischen Konflikts sehr viel größer ist.

Dieser Artikel basiert auf einem Bericht des Autorsfür das Europäische Parlament: The Geopolitics of the Arctic, Brüssel 2010 (online: http://tepsa.be/Valur%20Ingimundarson.pdf). Dank für Unterstützung gilt dem EDDA-Center of Excellence und dem University of Iceland Research Fund. Übersetzung aus dem Englischen für APuZ: Dr. Juliane Lochner, Leipzig.

Fußnoten

27.
Vgl. New Survey of Arctic's mineral riches could stoke international strife, in: The Guardian vom 29.5.2009, online: www.guardian.co.uk/environment/2009/
may/29/survey-arctic-gas-oil-reserves (3.1.2011).
28.
Vgl. P.S. Hilde (Anm. 6).
29.
Vgl. Russia warns of war within a decade over Arctic oil and gas, in: The Times vom 14.5.2009, online: www.timesonline.co.uk/tol/news/
environment/article6283130.ece (3.1.2011).