APUZ Dossier Bild

21.1.2011 | Von:
Christoph Seidler

Die traditionellen Arktis-Bewohner und der Klimawandel

Die traditionellen Arktis-Bewohner lassen sich nicht pauschal als "Gewinner" oder "Verlierer" der Veränderungen in ihrer Heimat porträtieren. Für viele ändern sich die Lebensumstände durch den Klimawandel aber rapide.

Einleitung

Die Order, welche die Brücke der "Polarstern" im August 2010 erreichte, war eindeutig: Auf keinen Fall solle das deutsche Forschungsschiff in kanadische Hoheitsgewässer fahren, teilte das zuständige Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) mit. Statt auf den Lancaster Sound solle die "Polarstern" nun Kurs auf Grönland nehmen. Eigentlich hatten die Wissenschaftler an Bord herausfinden wollen, wie sich Nordamerika und Grönland vor rund 60 Millionen Jahren getrennt haben. Dazu wollten sie unter anderem Schallwellen ins Wasser senden und so Informationen zur Beschaffenheit des Untergrunds sammeln. Doch daraus wurde nichts. Ein innerkanadischer Rechtsstreit hatte die geplanten Arbeiten kurzfristig unmöglich gemacht. Geklagt hatte die Qikiqtani Inuit Association (QIA), eine Organisation, die sich im kanadischen Territorium Nunavut darum kümmert, die Rechte der traditionellen Arktis-Bewohner durchzusetzen. Die Inuit aus der Gegend um den Lancaster Sound hatten sich von der Zentralregierung in Ottawa übergangen gefühlt. Sie fürchteten, die Forschungen könnten die Tiere in ihren traditionellen Jagdgebieten stören - und damit einen Teil der Nahrungsgrundlage gefährden. Konkret ging es um Narwale, Belugas und Grönlandwale, aber auch Walrosse und Eisbären.

Der Streit um die "Polarstern"-Expedition zeigt exemplarisch, dass die Interessen der traditionellen Bewohner in der Arktis oft noch immer zu wenig beachtet werden. Spätestens seit eine Tauchbootexpedition 2007 eine russische Fahne am Nordpol absetzte, ist die Arktis in den Blickpunkt weltweiten Interesses gerückt. Die Anrainerstaaten bereiten große Gebietsforderungen bei den Vereinten Nationen (UN) vor, dabei geht es um Meeresboden, der bisher zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehörte.[1] Niemand kann sich aber ernsthaft mit der Zukunft der Arktis befassen, ohne die Lage der traditionellen Bewohner im Blick zu haben.

Allerdings ist die Situation durchaus komplex. Das beginnt bereits mit dem Umstand, dass es den traditionellen Arktis-Bewohner gar nicht gibt. Insgesamt leben etwa vier Millionen Menschen in der Region. Etwa zehn Prozent werden zur indigenen Bevölkerung gezählt.[2] Die Besiedlung der Arktis erfolgte vor Tausenden von Jahren durch mehrere Volksgruppen aus verschiedensten Teilen der Nordhalbkugel. Deswegen gibt es bis heute zahllose verschiedene Gruppen traditioneller Arktis-Bewohner. Zu den wichtigsten zählen:
  • USA (Alaska): Inupiat, Yupik, Aleuten;
  • Grönland: Inuit;
  • Kanada: Inuit, Inupiat;
  • Skandinavien: Samen;
  • Russland: Samen, Yupik, Tschuktschen, Ewenken, Nentzen.
Die allermeisten indigenen Bewohner der Arktis sind in der einen oder anderen Form vom Klimawandel betroffen. Doch die verschiedenen Volksgruppen haben durchaus unterschiedliche Interessen, zum Beispiel was die Frage der Rohstoffausbeutung angeht. Während einige zusätzliche Schäden an der fragilen arktischen Umwelt fürchten, sehen andere eine Chance auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und bessere soziale Bedingungen in ihren Siedlungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul Arthur Berkman/Oran R. Young, Governance and Environmental Change in the Arctic Ocean, in: Science, 324 (2009), S. 339f.; Christoph Seidler, Arktisches Monopoly, München 2009.
2.
Vgl. Timo Koivurova et al., Background Paper - Indigenous Peoples in the Arctic, Rovaniemi 2008, S. 3.