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21.1.2011 | Von:
Matthias Hannemann

"North to the Future" - die Arktis und die Medien

Viele mediale Bilder von der Arktis bedienen die Sehnsucht, noch einmal einen wirklichen Aufbruch erleben zu dürfen. Doch diese Projektionen verstellen zum Teil den Blick auf die Realität.

Einleitung

Unter den Dokumenten, die im Zuge des "Wikileaks"-Skandals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, befand sich auch ein Schreiben der amerikanischen Botschaft in Oslo zum Thema Arktis. Vertraulich berichtet es von einem Gespräch, das der Botschafter am 13. Februar 2006 mit Eivind Reiten führte. Reiten war Ende der 1980er Jahre Öl- und Energieminister Norwegens. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Reiten Generaldirektor des Energie-Riesen Norsk Hydro, tätig im Erdgas- und Erdölgeschäft, und in dieser Eigenschaft glaubte Reiten, die Amerikaner an die New Frontier im Norden erinnern zu müssen: Die Zukunft der Energiewirtschaft liege in der Arktis. Zwar sei die Industrie in einigen Gegenden wie Alaska und Sibirien bereits aktiv. Nun aber stehe ein wirklicher Entwicklungsschub gen Norden an, in die Barentssee beispielsweise, in der auch Russland große Gasfelder erschließen wolle: "Reiten said it would be a 'disaster' if ten years pass and nothing happens to develop the Barents." Der Schritt nach Norden sei dabei nicht nur für Norwegen eine Frage nationaler Interessen. Vielmehr sei er auch für die Energieversorgung der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in Europa entscheidend: "The policy choices we make today will help shape how the regions resources are developed, or not developed, over the next twenty years. We need to develop a vision of what the Barents should look like in twenty years (...) and work towards its realization."[1]

Das Dokument ist nicht nur deshalb interessant, weil derartige Gespräche im Normalfall der Öffentlichkeit verborgen bleiben, sondern auch, weil es von der geringen internationalen Aufmerksamkeit zeugt, die dem Thema Arktis noch zu Beginn des Jahres 2006 zuteil wurde. Das änderte sich bekanntlich kurz darauf. Zwar blieb die ausformulierte Arktis-Strategie, mit der die Norweger im Folgewinter an die Öffentlichkeit traten, trotz einiger begleitender Interviews zunächst noch weitgehend unbemerkt, ebenso der mit deutschem Know-how vorangetriebene Bau einer Flüssiggas-Fabrik vor dem norwegischen Hammerfest und die imperiale Rhetorik, mit der Wladimir Putin im Frühsommer 2007 Besitzansprüche in der Arktis anmeldete.[2] Dann aber, im August, fuhren russische Forscher zum Nordpol, um dort ein Titan-Fähnchen am Meeresboden anzubringen. Diese Nachricht elektrisierte die Weltöffentlichkeit - so sehr, dass man die Reaktionen fast mit dem "Sputnik-Schock" des Oktober 1957 vergleichen möchte.

Fußnoten

1.
Zit. nach: www.aftenposten.no/spesial/wikileaks
dokumenter (5.1.2011).
2.
Vgl. Russia claims the North Pole, in: Time (Online), 12.7.2007.