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21.1.2011 | Von:
Matthias Hannemann

"North to the Future" - die Arktis und die Medien

Der Traum vom Aufbruch

Woher stammt die Heftigkeit, mit der die Öffentlichkeit auf diese Nachricht reagierte? War sie nur ein Reflex aus Zeiten des Kalten Krieges? Wie kommt es, dass sich seit Mitte 2007 nicht nur politische Artikel, sondern auch auffällig viele Fernsehdokumentationen und Bücher mit dem Norden beschäftigen? Dergleichen geschieht nicht auf Knopfdruck der Politiker, die für die Strategiepapiere der Arktis-Anrainer verantwortlich zeichnen. Anders als der politische Aktivismus lässt sich der mediale Arktis-Hype auch nicht mit einem breiten Bewusstsein dafür erklären, dass die Rohstoffpreise steigen, weil die derzeit verfügbaren Rohstoffmengen immer knapper werden. Die Gründe für das plötzliche und starke öffentliche Interesse an der Arktis scheinen kulturell tief verwurzelt und psychologisch motiviert zu sein und reichen dabei über die Sehnsucht nach Einsamkeit und Stille hinaus, die sich in den Jahren seit der Internet-Revolution wieder verstärkt geltend macht.[3]

Auffällig stark jedenfalls gleichen die Bilder, die gegenwärtig von der Arktis gezeichnet werden, den sinnstiftenden Bildern, wie sie in den USA mit dem "Treck nach Westen" verbunden sind. Fast gleichnishaft erzählen auch sie von Wildnis und Zivilisation. Sie verherrlichen die Pioniere der Technik und die Helden der Einsamkeit. Sie loten aus, wo die Grenzen des Machbaren liegen. Fast wöchentlich gab es in den vergangenen Wintern entsprechende Fernsehdokumentationen zu sehen. Sie berichteten von Truckern und Fischern Alaskas ebenso wie von der "Sehnsucht Grönland" und von Wissenschaftlern auf Spitzbergen, die mit dem Gewehr auf dem Rücken zur Arbeit gehen. Auch im britischen und norwegischen Fernsehprogramm ("71 Degrees North", "Himmelblå") schlägt sich die neue Nordland-Sehnsucht nieder. In allen diesen Bildern und Berichten wird die Sehnsucht bedient, noch einmal einen wirklichen Aufbruch erleben zu dürfen - den Aufbruch in eine bislang vermeintlich unberührte Region, in der man noch Pläne schmieden, Spuren hinterlassen und Grenzen verschieben kann. Als hätte uns Clio, die Muse der Geschichte, just im Augenblick der weltweiten Ratlosigkeiten noch einmal einen weißen Bogen Papier gegönnt, um eine neue Welt zu schaffen.

Fußnoten

3.
Vgl. Marie Tièche, Kinnvika 80 Grad Nord: Eine Frau, ein Mann und die Einsamkeit der Polarnacht, München 2007; den Kinofilm "Into the Wild" (USA 2007); durchaus auch Hape Kerkeling, Ein Mann, ein Fjord, München 2009.