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21.1.2011 | Von:
Matthias Hannemann

"North to the Future" - die Arktis und die Medien

Der Norden als Projektionsfläche

Der Norden oder das, was wir für "den Norden" halten, ist in unseren Köpfen schon immer eine Projektionsfläche gewesen. Auf ihr bilden wir einen Teil unserer Sehnsüchte und Ängste ab, ob man nun an die Geschichte denkt, die Mary Shelley von Victor Frankenstein erzählte (sie lief auf einen Showdown im nordischen white-out hinaus: auf ein Schiff, dessen Kapitän eigentlich aufgebrochen war, um nahe dem Nordpol neue Seepassagen zu erschließen), an Jules Vernes "Abenteuer des Kapitän Hatteras" oder an den Abenteurer Fridtjof Nansen, der seinem Bestseller "In Nacht und Eis" Ende des 19. Jahrhunderts den Ratschlag voranstellte: "Und willst Du den menschlichen Geist in seinem edelsten Kampfe gegen Aberglauben und Finsternis sehen, so lies die Geschichte der arktischen Reisen." Vor allem kommen wir von der antiken Vorstellung nicht los, als bewege sich die Zivilisation zwangsläufig von Süd nach Nord. Selbst im offiziellen Motto des US-Bundesstaates Alaska finden sich Reste von ihr wieder: North to the Future.

So war es auch in früheren Umbruchs- und Modernisierungszeiten, sowohl in Nordamerika, wo der Goldrausch am Klondike River Ende des 19. Jahrhunderts Alaska zu Bedeutung verhalf, als auch im Norden Europas, das sich zeitgleich an die Erzvorkommen in Orten wie Kiruna in Schweden und die Rohstoffe auf Spitzbergen heranmachte. Stets wurde die Arktis, sobald es die Weltpolitik zuließ, als Region der Zukunft porträtiert. Und stets war dieser Hinweis mit einer deutlichen Erregtheit verbunden. Als ginge es hier gar nicht um die Arktis. Als brauche man bloß einen Kompass, um den eigenen Standort zu verorten.

Schon im "Nordland"-vernarrten Kaiserreich, das Polar-Abenteurern wie Nansen Heldenstatus zusprach und zugleich Cecil Rhodes' Parole "expansion is everything" huldigte, machten Publikationen wie das "Deutsch-Nordische Jahrbuch 1914" auf die wirtschaftliche Bedeutung des Nordens aufmerksam; eine Reaktion auch darauf, dass der Rest der Welt bereits verteilt schien. Nach dem Ersten Weltkrieg erschien das Werk eines kanadischen Arktis-Enthusiasten, Vilhjalmur Stefanssons "Neuland im Norden - Die Bedeutung der Arktis für Siedlung, Verkehr und Wirtschaft der Zukunft", das über Besiedlungs- und Erwerbsmöglichkeiten im Norden nachdachte; seine Gedanken kamen um Jahrzehnte zu früh, faszinierten aber eine Gesellschaft, die von der Neuordnung der Welt träumte, nach Visionen gierte und jede Aktivität in der Arktis als "neuen Akt der Menschheitsgeschichte"[4] begriff. Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Europa abermals vom "Erdteil der Zukunft" (Vitalis Pantenburg) und einem "kolonialen Nordland" die Rede. Ernst Hermann beschrieb das Nordpolarmeer als "das Mittelmeer von morgen", August Hoppe sprach vom "Nördlichen Utopia". Auch sie unterschätzten, wie groß allein die klimatischen Herausforderungen der Arktis waren.

Und dieses Muster galt noch in den 1970er Jahren, als John Dysons Buch "Heiße Arktis" die heftige, gleichermaßen Träume wie Albträume auslösende Debatte um die Erdölgewinnung in Alaska zu erläutern versuchte. Sie regte trotzdem auch andernorts die Phantasie an: "Um Verwicklungen mit der Sowjetunion auszuweichen", hieß es 1979 im "Merian", "hat Norwegen die Erschließung der Öl- und Gasquellen vor Nordnorwegen in die Zukunft verschoben. Es liegen aber Anhaltspunkte dafür vor, daß dort reichere Schätze winken als im norwegischen Teil der Nordsee (...). Die Sowjetunion indessen sondiert schon bei multinationalen Gesellschaften nach Möglichkeiten, den Eismeerboden technisch zu erschließen."

Nein, das Thema Arktis hätte in den vergangenen Jahren kaum die zu beobachtende Dynamik aufnehmen können, wäre die Sehnsucht nach den "Wundern des Nordens"[5] nicht so tief in unserem Denken verankert.

Fußnoten

4.
Roald Amundsen, Die Jagd nach dem Nordpol, Berlin 1925, S. 9. Wie sehr die Arktis-Politik immer auch ein nationalistisches Thema war, zeigt Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 394-399.
5.
Es versteht sich von selbst, dass nunmehr auch an die Werke des schwedischen Bischofs Olaus Magnus (1490-1557) erinnert wurde, der in der Hoffnung auf gegenreformatorische Kräfte auf die Bedeutung des Nordens hinwies. Vgl. Olaus Magnus, Die Wunder des Nordens. Erschlossen von Elena Balzamo und Reinhard Kaiser, Frankfurt/M. 2006.