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21.1.2011 | Von:
Matthias Hannemann

"North to the Future" - die Arktis und die Medien

Auftritt der Propagandisten

Es gibt, das klingt schon beim Blick auf die krisenhaften 1970er Jahre an, allerdings auch handfeste Gründe für den Blick nach Norden. Sie hängen heute vor allem mit dem globalen Tauwetter, mit der Suche nach Rohstoffen, dem Erstarken Russlands und einem gewaltigen PR-Aktivismus aller Beteiligten zusammen, der mit den alten, romantischen Klischees vom Norden zu spielen versteht. Den Anfang machten die Umweltaktivisten. Auf ihrer Suche nach Bildern, die der Weltöffentlichkeit die Auswirkungen des Klimawandels vermitteln und Emotionen wecken konnten, griffen sie zu Hochglanzaufnahmen von tropfendem Schmelzwasser, krachenden Eisbergen, nachdenklichen Inuit und verzweifelten Eisbärfamilien fernab ihrer Scholle. Die Medienmaschinerie erhielt Motive und Metaphern, die jedem Kind verdeutlichten, wie schnell sich die Lebensbedingungen auf der Erde ändern könnten.

Die mediale Stilisierung des Nordens als Klima-Frühwarnsystem kurbelte nicht nur einen Kreuzfahrt-Tourismus in der Arktis an, der vor einigen Jahren noch für unvorstellbar gehalten worden wäre. Sie sorgte vielmehr dafür, dass sich auch Politikerinnen und Politiker wie Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel im Norden fotografieren lassen wollten, um Problembereitschaft und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren; Edelpromis wie die drei nordischen Thronfolger, B-Promis wie Fernsehmoderatoren und Filmstars und "Alpha-Präsidenten" wie Wladimir Putin hielten es nicht anders.

Vor allem aber bereitete die Sensibilisierung für den Zustand der Arktis dem russischen Propaganda-Coup den Boden: Von Russland war, was den Norden betraf, in der westlichen Hemisphäre kaum die Rede, seit die Überreste der sowjetischen Nordmeerflotte im Hafen von Murmansk wie Gespenster vor sich hinrosteten. Mit der Tauchfahrt im Sommer 2007 änderte sich das schlagartig. Russland platzte mitten in die sensiblen Eisbär-Meditationen des Westens hinein - ganz zum Schrecken all jener, die das Geschehen in der Arktis bis dahin nicht verfolgt hatten, und unter dem Applaus seiner Nationalisten. Scheinbar über Nacht kehrte damit die Geopolitik in die Arktis zurück: Der Umweltschutz hatte die Arktis als bedrohtes, bis dahin unberührtes Paradies präsentiert. Jetzt brach die Machtpolitik in diese Kulisse ein und nutzte die Aufmerksamkeit, um die Entdeckung eines Wirtschaftsraums mit Potenzial bekannt zu geben. Geografen brachen auf, um den Norden neu zu vermessen. Ingenieure brachen auf, um ihn neu zu erschließen. Militärs brachen auf, um sich für etwaige Kampf- und Rettungseinsätze im Norden vorzubereiten.

Von den Politikern der Arktis-Anrainerstaaten gar nicht erst zu reden. Die unternahmen nun alles, um sich bei diesem "Arktischen Monopoly"[6] still und heimlich in Position zu bringen. Dazu gehört auch eine mehr oder minder subtile Pressepolitik, zu der gezielte Journalisten-Einladungen in die Arktis zählen. Das Fernsehen, teils im Verbund mit Unternehmen wie Statoil (der Energie-Gigant trug mit erheblichen Zuschüssen zum Erfolg einer "Norsk Polarhistorie" im norwegischen Fernsehen bei, die auch in Buchform an die polaren Traditionen und nationalen Aufgaben erinnert), und die großen Nachrichtenmagazine griffen das Thema dankbar auf. "Der Kampf um den Nordpol"[7] war eben auch für sie ein Kampf um Aufmerksamkeit.

Fußnoten

6.
Christoph Seidler, Arktisches Monopoly. Der Kampf um die Rohstoffe der Polarregion, München 2009.
7.
Der Spiegel, Nr. 38 vom 15.9.2008, S. 160-168.