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10.1.2011 | Von:
Uwe Hasebrink
Claudia Lampert

Kinder und Jugendliche im Web 2.0 - Befunde, Chancen und Risiken

Faszination social networking sites

Social networking sites scheinen die Kommunikationsbedürfnisse Jugendlicher im besonderen Maße zu bedienen, weshalb es sich lohnt, der Frage nachzugehen, was diese Netzwerkplattformen auszeichnet und was Heranwachsende daran fasziniert. Die Angebote erinnern an klassische Freundschaftsbücher, in denen man sich anhand vorgegebener Kriterien auf einigen Seiten präsentieren konnte. In ähnlicher Weise legen die Nutzer auf Netzwerkplattformen ein Profil an, in dem sie Angaben zu sich selbst, ihren Vorlieben, Interessen und anderem mehr machen. Im Gegensatz zum klassischen Freundschaftsbuch ermöglichen es die interaktiven Dienste des Internets darüber hinaus, Kontakt zu anderen Mitgliedern der Netzwerkplattform aufzunehmen und diese in Form von "Kontakten" oder "Freunden" explizit zu machen. Auf diese Weise entsteht die Abbildung eines sozialen Netzwerks, innerhalb dessen beispielsweise Texte, Fotos und Videos ausgetauscht oder auch Spiele gespielt werden können.

Ende 2008 hatten die 12- bis 24-jährigen Nutzer von Netzwerkplattformen durchschnittlich 131 bestätigte Kontakte auf derjenigen Netzwerkplattform, die sie am häufigsten nutzen. Hinsichtlich der Zusammensetzung der persönlichen Netzwerke zeigt sich, dass der Großteil der im Internet expliziten sozialen Beziehungen eher entfernte Bekannte umfasst, zu denen aber auch außerhalb des Internets eine Beziehung besteht bzw. die man auch schon einmal offline getroffen hat. Lediglich 15 Prozent gaben an, die meisten ihrer Kontakte seien auch tatsächlich enge Freunde.[9]

Unter den verschiedenen Funktionen, die Netzwerkplattformen bieten, werden insbesondere die kommunikativen Möglichkeiten bevorzugt genutzt (s. Tabelle 1 der PDF-Version). Zwei Drittel der Nutzer schreiben zumindest einmal pro Woche plattforminterne Nachrichten an andere Mitglieder, und 54 Prozent hinterlassen auf den Pinnwänden anderer eine Nachricht. Die gezielte Suche nach Personen oder Informationen, die Aktualisierung des eigenen Profils oder das Hochladen von Bildern scheinen im Vergleich dazu weniger bedeutsam zu sein. Unter den Personen mit gymnasialem Hintergrund sind die Nutzungshäufigkeiten der meisten Funktionen etwas niedriger, sieht man von der Ausnahme des Schreibens auf Profil-Pinnwände ab. Besonders auffällige geschlechts- oder bildungsspezifische Unterschiede zeichnen sich nicht ab; die Haupt- und Realschüler stöbern stärker auf den Seiten Anderer, wobei der Anteil der Hauptschüler, die Einträge auf den aufgesuchten Seiten hinterlassen, geringer ausfällt.

Mit der starken Fokussierung auf Kommunikation ist auch verbunden, dass der Großteil der Nutzer besonderen Wert auf eine authentische Selbstdarstellung legt. 65 Prozent wollen sich ihren Bekannten und Freunden so zeigen, wie sie wirklich sind, und nur drei Prozent geben an, auch andere Profile erstellt zu haben, in denen sie sich gänzlich anders darstellen bzw. inszenieren.[10] Je nach gewählter Selbstpräsentationsstrategie, angebotsbezogenen Einstellungsoptionen, den vorherrschenden sozialen Regeln und Normen innerhalb eines Angebots sowie der eigenen Risikoabwägung werden persönliche Informationen unterschiedlich großzügig oder sparsam preisgegeben, wobei die Nutzer häufig der Meinung sind, jeweils nur ein sehr oberflächliches Bild von sich zu zeigen.[11]

68 Prozent geben an, darauf zu achten, dass im Internet keine Informationen über sie zu finden sind, die ihnen schaden könnten, und mehr als die Hälfte (55%) gibt an, zumindest bestimmte Informationen nur den bestätigten Freunden bzw. Kontakten zugänglich zu machen (s. Tabelle 2 der PDF-Version). Die Jungen scheinen diesbezüglich etwas freizügiger mit ihren personenbezogenen Informationen umzugehen, während ein Großteil der Mädchen ihre Informationen nur Freunden bzw. Kontakten zugänglich macht. Hinsichtlich des Bildungshintergrundes ist lediglich bemerkenswert, dass die Hauptschüler persönliche Informationen innerhalb eines engeren Kreises veröffentlichen und auch weniger fake-Profile haben als die Nutzer mit etwas höherem Bildungshintergrund.

Die Befunde geben einige Anhaltspunkte im Hinblick auf die Frage, was Heranwachsende an den sozialen Netzwerken fasziniert. Die Möglichkeiten der (authentischen) Selbstdarstellung, des Beziehungsaufbaus bzw. der Beziehungspflege korrespondieren mit grundlegenden Entwicklungsaufgaben, mit denen sich die Heranwachsenden insbesondere im Rahmen ihrer Identitätsentwicklung auseinandersetzen (Wer bin ich und in welcher Beziehung stehe ich zu meinen Bekannten und Freunden?). Das heißt, die Anwendungen des social web und insbesondere die Netzwerkplattformen stellen medial vermittelte Kommunikations- und Interaktionsräume zur Verfügung, in denen Nutzer sich mit Entwicklungsaufgaben auseinandersetzen bzw. "Identitätsarbeit" leisten können.[12] Die Erweiterung des Kommunikations- und Erfahrungsraumes ist allerdings auch immer mit dem potenziellen Risiko verbunden, ungewollt auf problematische Inhalte zu stoßen oder unangenehme zwischenmenschliche Erfahrungen zu machen.

Fußnoten

9.
Vgl. U. Hasebrink/W. Rohde (Anm. 2); Klaus Neumann-Braun/Ulla P. Autenrieth (Hrsg.), Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web, Baden-Baden 2011. Der JIM-Studie 2010 zufolge haben die 12- bis 19-Jährigen durchschnittlich 159 Freunde. Auch hierbei handelt es sich überwiegend um Personen, welche die Jugendlichen persönlich kennen.
10.
Vgl. U. Hasebrink/W. Rohde (Anm. 2).
11.
Vgl. Ulrike Wagner/Niels Brüggen/Christa Gebel, Persönliche Informationen in aller Öffentlichkeit? Jugendliche und ihr Perspektive auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte in Sozialen Netzwerken, München 2010 (online: www.jff.de).
12.
Vgl. ebd.; Ingrid Paus-Hasebrink/Jan-Hinrik Schmidt/Uwe Hasebrink, Zur Erforschung der Rolle des Social Web im Alltag von Heranwachsenden, in: J.H. Schmidt (Anm. 1), S. 13-40.