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10.1.2011 | Von:
Uwe Hasebrink
Claudia Lampert

Kinder und Jugendliche im Web 2.0 - Befunde, Chancen und Risiken

Typologie onlinebezogener Risiken

Im Rahmen des Verbundprojekts "EU Kids Online" wurde der Versuch unternommen, mögliche Onlinerisiken genauer zu spezifizieren (s. Tabelle 3 der PDF-Version). Hierzu wurde eine Klassifikation entwickelt, in der verschiedene Risikobereiche - unabhängig von ihrer Verbreitung - systematisch erfasst wurden. In diese Klassifikation fließen zwei Dimensionen ein: zum einen verschiedene problematische Inhaltsbereiche (Gewalt, Sexualität, kommerzielle Ziele, Werte), die auch aus anderen Medien bekannt sind, mit denen Heranwachsende während der Onlinenutzung in Berührung kommen können (content); zum anderen zwei Risikobereiche, die sich aus der Rolle als "Beteiligte" an Interaktionsprozessen ergeben. Indem problematische Einträge auf Pinnwänden veröffentlicht oder gewalthaltige oder sexuelle Texte oder Bilder zugeschickt werden können, besteht für Nutzer das Risiko, zum Opfer von Nutzungsweisen Anderer zu werden (contact). Sie können jedoch auch selbst zum Akteur bzw. Täter werden und problematische Inhalte verbreiten, sei es an einzelne Personen oder an eine breitere community gerichtet (conduct).[13] Aus der Kombination der verschiedenen Dimensionen ergeben sich insgesamt zwölf Risikobereiche, denen sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der Forschung unterschiedliche Beachtung geschenkt wird.[14]

Daneben gibt es noch weitere Risikobereiche, die sich entweder durch die Dauer der Nutzung ergeben (exzessive Mediennutzung, Online-Sucht) oder durch die langfristigen, häufig unterschätzten Wirkungen der Online-Kommunikation, die insbesondere mit der Bereitstellung persönlicher Daten im Netz einhergehen (können). Bezüglich dieser Risiken besteht sowohl auf Seiten der Heranwachsenden, als auch auf Seiten der Eltern ein vergleichsweise geringes Bewusstsein.

"EU Kids Online" zufolge haben schon acht Prozent der 6- bis 16-jährigen deutschen Kinder unangenehme Erfahrungen im Internet gemacht (im europäischen Durchschnitt liegt der Anteil bei zwölf Prozent). 13 Prozent der Kinder in Deutschland haben in den vergangenen zwölf Monaten Bilder mit sexuellem oder pornografischen Inhalten gesehen, darunter fünf Prozent, die diese Bilder online gesehen haben - der Kontakt mit solchen Inhalten kommt also bisher überwiegend über andere Medien, insbesondere das Fernsehen zustande. 19 Prozent der 9- bis 16-jährigen Internetnutzer haben bereits Online-Nachrichten mit sexuellem Inhalt gesehen oder zugeschickt bekommen (sexting). Vier Prozent der Kinder gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres gemeine oder verletzende Nachrichten online erhalten zu haben (cyberbullying).

Der aktuellen "JIM-Studie" zufolge hatten schon mehr Jugendliche negative Erfahrungen im Internet: So gaben jeweils 15 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen an, dass schon einmal peinliche oder beleidigende Bilder oder Videos oder falsche oder beleidigende Informationen über sie im Internet verbreitet worden seien.

In der Studie "Heranwachsen mit dem Social Web" gaben sogar 28 Prozent der 12- bis 24-Jährigen an, dass sie im Internet schon einmal belästigt worden seien. Der Anteil ist unter weiblichen Befragten sowie unter Personen mit Hauptschulhintergrund etwas höher. 13 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben schon einmal erlebt, dass andere Personen problematische Informationen über sie selbst ins Internet gestellt haben; hier ist der Anteil unter den männlichen Befragten sowie unter denen mit Hauptschulhintergrund etwas höher.

Einige Studien gehen über die Frage nach den Erfahrungen mit bestimmten Risikobereichen hinaus und untersuchen, wie die Erfahrungen von den Befragten empfunden wurden. So zeigt etwa "EU Kids Online", dass zwar vergleichsweise wenige Jugendliche eigene Erfahrungen mit cyberbullying gemacht haben, diese Vorfälle aber von einem Großteil der Betroffenen als sehr verletzend empfunden wurden.

Die Wahrscheinlichkeit für Kinder und Jugendliche, mit den genannten Risiken konfrontiert zu werden, steht in engem Zusammenhang mit der allgemeinen Onlinenutzung: Je mehr und je intensiver die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeiten des Internets nutzen, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit verschiedenen Risiken in Berührung kommen. So sind etwa deutsche Kinder und Jugendliche im europäischen Vergleich Onlinerisiken seltener ausgesetzt; dies ist aber zum Teil Resultat der Tatsache, dass sie das Internet bisher vergleichsweise weniger häufig und weniger vielfältig nutzen und damit auch die darin steckenden Chancen weniger ausschöpfen.[15] Dieser plausible Zusammenhang ist für Überlegungen über Möglichkeiten der Förderung eines sicheren Umgangs mit dem Internet relevant, da die Begrenzung von Risiken eben nicht losgelöst von den damit möglicherweise verloren gehenden Chancen betrieben werden sollte.

Fußnoten

13.
Vgl. Uwe Hasebrink et al., Comparing children's online opportunities and risks across Europe: cross-national comparisons for EU Kids Online, London 2009. Siehe hierzu auch Ulrike Behrens/Lucie Höhler, Mobile Risiken - Jugendschutzrelevante Aspekte von Handys und Spielekonsolen, in: medien + erziehung, (2007) 3, S. 20-26, die in ähnlicher Weise die Risikobereiche content, contact und commerce unterscheiden.
14.
Eine Bestandsaufnahme der in Europa verfügbaren Studien (im Zeitraum von 2000 bis 2006) zeigte, dass zu den Themen "Gewalt" und "Sexualität" die größte Anzahl an Studien vorliegt, während bezüglich der anderen Risikobereiche noch großer Forschungsbedarf besteht.
15.
Vgl. S. Livingstone et al. (Anm. 1).