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10.1.2011 | Von:
Margreth Lünenborg
Claudia Töpper

Gezielte Grenzverletzungen - Castingshows und Werteempfinden

Performatives Reality-TV als Format

Castingshows lassen sich dem "performativen Realitätsfernsehen" zuordnen. Bei Formaten dieser Art handelt es sich nicht um fiktive Erzählungen mit professionellen Darstellern, sondern um Sendungen, die in das Leben von "echten" Menschen eingreifen und es verändern. Performative Reality-TV-Formate geben somit ein Versprechen auf authentische Darstellungen. Sie haben zwar einen realen Hintergrund, stellen aber selbstverständlich eine medienspezifische, dramaturgische Konstruktion dar. Kandidatinnen und Kandidaten werden gezielt auf konflikthafte Polarisierung gecastet, Schnitt und Auswahl der gezeigten Szenen sind bewusst gewählt, um möglichst spannend, emotional und dramatisch zu erzählen. Daneben sollen gezielte Grenzüberschreitungen im Rahmen der Programme für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen. Provokationen jeglicher Art gehören mittlerweile zum festen Repertoire der Castingshows. Das Fernsehpublikum wird dadurch zum voyeuristischen Beobachter moralischer Grenzverletzungen. Die ethischen Probleme der Sendeformate ergeben sich in diesem Fall aus einer doppelten Verantwortung: einerseits gegenüber den agierenden Protagonisten und deren möglicher seelischer Beschädigung, besonders, wenn es sich um Kinder und Jugendliche handelt, sowie andererseits gegenüber dem Fernsehpublikum.

Hohe Einschaltquoten verbunden mit kostengünstiger Produktion haben Reality-TV zu einem erfolgreichen Format vorrangig bei privat-kommerziellen Fernsehanbietern gemacht. Mittlerweile finden Ausstrahlungen auch zur abendlichen prime time statt. Dabei stellen insbesondere Castingshows in Bezug auf ihren Bekanntheitsgrad und ihre Einschaltquoten erfolgreiche Programme dar, die nicht nur werktags hohe Zuschauerzahlen erzielen, sondern zum Bestandteil der klassischen Samstagabendunterhaltung geworden sind. Nicht allein aufgrund ihrer Popularität, sondern auch wegen ihres Programmumfangs nehmen sie damit eine besondere Stellung ein.

Den Beginn eines Booms dieser neuen Castingshows kennzeichnete die Ausstrahlung von "Popstars" auf RTL2 im Jahr 2000. Die Show, in der eine Mädchenband gesucht wurde, erreichte insbesondere in der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen hohe Marktanteile. 2002 folgte auch RTL der mittlerweile weltweiten Castingwelle und produzierte "Deutschland sucht den Superstar", das auf dem amerikanischen Vorbild "Pop Idol" beruht. Der Erfolg der Sendung zog die Ausstrahlung einer Reihe unterschiedlicher Castingshows nach sich: allgemeine Talentwettbewerbe wie zum Beispiel "Das Supertalent" (RTL) oder "Star Search" (ProSieben), Gesangswettbewerbe wie "Die deutsche Stimme" (ZDF) oder "Ich Tarzan, Du Jane" (Sat.1), Tanzwettbewerbe wie "DanceStar" (VIVA) oder "You can dance" (Sat.1), Modelwettbewerbe wie "Germany's Next Topmodel" (ProSieben) und Schauspielwettbewerbe wie "Bully sucht die starken Männer" (ProSieben) oder "Mission Hollywood" (RTL). Daneben drang das Castingprinzip auch in andere Fernsehsendungen ein. Es gab Castings für Mentalisten ("The next Uri Geller", ProSieben), für Politiker ("Ich kann Kanzler", ZDF), Azubis und Jobbewerber ("Deine Chance! Drei Bewerber, ein Job", ProSieben) oder für Ehe- und Beziehungspartner ("Guilia in Love", ProSieben).

In der Programmgeschichte des Fernsehens stellen Castingshows jedoch keine Revolution dar, sondern knüpfen an die Traditionslinie der Talentwettbewerbe an. Bereits in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren zeigten sowohl ARD und ZDF als auch das Fernsehen der DDR Unterhaltungsshows, in denen Kandidaten ihre Talente unter Beweis stellen konnten.[6] In den heutigen Castingshows treten nicht nur die Kandidaten mit ihren künstlerischen Darbietungen in Erscheinung, sondern auch ihre Konflikte mit den jeweiligen Jurymitgliedern und anderen Kandidaten, ihr persönliches Umfeld und ihre Entwicklung im Rahmen des Coachings werden thematisiert. Castingshows bieten durch eine Mixtur aus Comedy, Soap und Elementen des Musikfernsehens Unterhaltung für ein sehr breites und heterogenes Publikum.

Durch Telefonabstimmungen werden die Zuschauer in den Auswahlprozess der Kandidaten einbezogen. Dieses partizipative Moment stärkt die Rückbindung an die Fangemeinde. Zugleich ist es Bestandteil neuer Finanzierungsstrategien, die neben der crossmedialen Vermarktung der Sendungen über vielfältige Medienangebote (Zeitschriftenmagazine zur Sendung, Internetangebote, Verkauf der Musik-CDs) zum wirtschaftlichen Erfolg der Sendungen beitragen. Exponierte Sponsorings, umfangreiche PR-Arbeit und Berichterstattung in diversen Zeitungen stilisieren die heutigen Castingshows zu übergreifenden Medienereignissen.[7]

Fußnoten

6.
Zum Beispiel "Toi Toi Toi - Der erste Schritt ins Rampenlicht" (ARD 1957), "Und Ihr Steckenpferd" (ZDF 1963) oder "Wer will der kann - Die Talentprobe für jedermann" (ARD 1964). In der DDR gab es "Die waren noch nie da" (DFF 1957) und "Herzklopfen kostenlos" (DFF 1958). Vgl. Tanja Thomas, Showtime für das "unternehmerische Selbst" - Reflexionen über Reality-TV als Vergesellschaftungsmodus, in: Lothar Mikos/Dagmar Hoffmann (Hrsg.), Mediennutzung, Identität und Identifikationen. Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen, Weinheim-München 2007.
7.
Vgl. Knut Hickethier, "'Bild' erklärt den Daniel" oder "Wo ist Küblböcks Brille?" - Medienkritik zur Fernsehshow "Deutschland sucht den Superstar" (2003), in: Ralph Weiß (Hrsg.), Zur Kritik der Medienkritik. Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten, Berlin 2005, S. 339.