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12.12.2011 | Von:
Alex Gertschen

Das bessere Leben, erträumt und erlitten* - Reportage

Gewohnheiten aus dem pueblo

Bis vor vier Jahren hatte Javier im nahen Städtchen Hamilton mit mexikanischen Arbeitskollegen eine Wohnung geteilt. Doch hätten diese oft übermäßig getrunken und Marihuana geraucht. Obwohl ihm viel an Geselligkeit und Freundschaften liege, sei ihm dies gegen den Strich gegangen. Viele Landsleute, die wie er meist ländlichen und einfachen Verhältnissen entstammen, führten sich wie in ihrem pueblo, ihrem Heimatdorf, auf. Sie setzten sich betrunken ans Steuer, verursachten Unfälle und meinten, alles mit Geld regeln zu können. "Aber hier müssen die Gesetze eingehalten werden", meint Javier. Deshalb nehme er immer eine Decke mit, um nach einem Fest im Auto zu schlafen. Deshalb achte er peinlich darauf, dass die Verkehrspolizei an seinem alten Buick nichts zu beanstanden habe. Und deshalb bezahle er stets pünktlich Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Bei seinem Visumantrag sei ausschlaggebend gewesen, dass er sich nie etwas zuschulden habe kommen lassen, berichtet Javier nicht ohne Stolz. Die illegale Überquerung der Grenze ist für ihn kein moralisches, schuldbehaftetes Problem. Er muss arbeiten, Geld verdienen.

Am folgenden Tag arbeitet Javier nicht, wie während der Ernte von Montag bis Samstag üblich, von 7 bis 19 Uhr. Es ist Sonntag. Darum kann er mich bereits am frühen Nachmittag durch die Baumplantagen der McGowans fahren. Seitdem ihm sein jüngerer Bruder Francisco 1986 Arbeit bei dieser Farmerfamilie besorgt hat, schuftet Javier in ihren Diensten. Damals pflanzten die McGowans im südlich von Chico gelegenen Gemeindehauptort Butte City Reis an. Dieser wurde an die Brauerei Anheuser Busch geliefert, weshalb Budweiser noch heute Javiers bevorzugtes Feierabendbier ist. Erst putzte er die Geräte, dann brachte ihm Francisco die Bedienung der Maschinen bei. Als sich die McGowans auf den Anbau von Pflaumen, Mandeln und Nüssen in Chico beschränkten, musste Javier erneut angelernt werden. Mittlerweile fest etabliert, verdient er 12,50 Dollar pro Stunde. Ein Anfänger erhält acht Dollar. "Ich könnte wie andere Kollegen bis zu 20 verdienen. Dazu müsste ich jedoch Englisch sprechen, fügt Javier hinzu. Sein Patron Richard McGowan habe ihm angeboten, den Unterricht und gar den Lohnausfall zu bezahlen. Aber mit dieser Sprache stehe er auf Kriegsfuß.

Weil Richard McGowans Betrieb am Sonntagnachmittag ruht, suchen wir die nahe gelegene Anlage von dessen Bruder Henry auf. Zwei Mexikaner lenken die Baumnüsse von großen Containern auf ein Förderband, an dem vier Mexikanerinnen stehen, um die minderwertigen Stücke auszusortieren. Danach werden die Nüsse maschinell gewaschen, getrocknet und auf einen Lastwagen verladen. Henry McGowan gräbt mit einem Traktor das Wasser ab, das aus der Waschanlage sickert. In Butte City war er Javiers Arbeitgeber gewesen. Als er ihn sieht, steigt er unverzüglich herunter und kommt zu uns herüber. "Ohne die Mexikaner funktionierte die kalifornische Landwirtschaft nicht", sagt er, ein kleiner, kräftiger und sympathischer Mittfünfziger. Seit 20 Jahren habe er keinen weißen Amerikaner mehr beschäftigt. "Die suchen spätestens nach zwei Tagen das Weite. Sie halten die Hitze und die Härte der Arbeit einfach nicht aus."

Hat sich Javier nie ausgebeutet gefühlt? Er verneint entschieden. Die McGowans hätten ihn immer gut behandelt. Sie seien harte Arbeiter, die selber Hand anlegten. Deshalb verzichteten sie auf fremde Gutsverwalter. Solche mayordomos seien oft selbst mexikanischer Abstammung, die ihre Stellung ihrer Zweisprachigkeit verdankten. Obwohl ihre Vorfahren ebenfalls illegal eingewandert seien, fühlten sie sich den einfachen Landarbeitern, den campesinos, überlegen. Meistens seien sie es, welche die Arbeiter rücksichtslos behandelten. Weil in Chico kleine Familienbetriebe überwögen, seien die Arbeitsbedingungen relativ gut. Selbstredend denkt Javier dabei an sein kurzes Erwerbsleben in Mexiko, nicht an die Verdienstmöglichkeiten und Annehmlichkeiten im drei Fahrstunden entfernten Silicon Valley.

Die Zufriedenheit hängt eben vom Maßstab ab. Javiers Bruder Francisco, den wir im Südwesten Chicos besuchen, sagt, er habe den amerikanischen Traum verwirklicht. Da er als damals Lediger nicht wie Javier alljährlich nach Mexiko zurückkehrte, erfüllte er 1986 die Bedingungen, um von einer Amnestie der Regierung Ronald Reagans zu profitieren und seinen Aufenthaltsstatus zu legalisieren. Ein zinsloses Darlehen des Staates erlaubte ihm vor elf Jahren, ein kleines Reihenhaus zu erstehen. Doch seinen drei Kindern, hier geboren und somit US-amerikanische Staatsbürger, solle es später noch besser gehen: "Mit ihrer Ausbildung können sie etwas anderes anstreben, eine Anstellung in einem Büro, mit Klimaanlage", erzählt er in seinem Wohnzimmer, mit den Füßen in Filzpantoffeln und dem Blick auf den Fernseher gerichtet. Es läuft der lauthals kommentierte clásico der mexikanischen Fußballmeisterschaft zwischen Club América aus der Hauptstadt und Chivas aus Guadalajara.

Während Javier in Gedanken dauernd in Mexiko weilt, hat Francisco in Chico Wurzeln geschlagen. Ansprüche und Lebensweise der Nordamerikaner sind ihm wegen der Kinder weit weniger fremd. Aber sehen er oder seine Ehefrau fern, dann nur auf mexikanischen oder spanischsprachigen US-Kanälen. Wie sehr die rund 49 Millionen in den USA lebenden Latinos ihrer Herkunftskultur und -sprache verbunden bleiben, hat sich zwei Tage zuvor bei der Vergabe der Übertragungsrechte für die nächsten Fußballweltmeisterschaften gezeigt. Während der englischsprachige Sender Fox News 400 Millionen US-Dollar bezahlte, waren sie Telemundo, der ganz auf die fußballverrückten hispanics ausgerichtet ist, 600 Millionen wert. Francisco hat draußen an der Eingangstüre einen Anschlag angebracht, auf dem geschrieben steht: "Dies ist ein katholisches Haus. Es lebe die Jungfrau von Guadalupe!" Er hofft, die mexikanische Nationalheilige verscheuche die hartnäckigen Hausmissionare der Mormonen, Evangelikalen und Zeugen Jehovas.