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12.12.2011 | Von:
Alex Gertschen

Das bessere Leben, erträumt und erlitten* - Reportage

Dem Krebseimer entkommen

Die United Farm Workers of America (UFWA) sind die wichtigste Landarbeitergewerkschaft in Kalifornien. Haben sich die Gebrüder Gomez ihr angeschlossen? Sie haben nicht einmal von ihr gehört. Die relativ guten Arbeitsbeziehungen in den Kleinbetrieben Nordkaliforniens seien ein Grund für die fehlende Präsenz der UFWA in dieser Gegend, sagt Juan-Miguel Rubio, ein Gewerkschaftsfunktionär, der vor 15 Jahren illegal eingewandert ist. Wir sitzen in einem mexikanischen Restaurant in Santa Rosa, eine knappe Autostunde nördlich von San Francisco. Die UFWA seien im Weinanbau des nahen Napa Valley und im Gemüseanbau des Central Valley zwischen San Francisco und Los Angeles stark engagiert, fährt Rubio fort. "Dort sind riesige Unternehmen tätig, bei denen die Arbeitsbedingungen tendenziell schlecht sind und es am meisten zu verteilen gibt." Doch die Gewerkschaft ist schmächtig. Von den gut 400000 Agrararbeitern in Kalifornien gehören ihr bloß 5000 an. Dass 80 Prozent der Arbeiter "illegale Einwanderer" seien, bringe sie in eine noch schwächere Position, sagt Rubio. Natürlich komme es so zu Ausbeutung. Laut den UFWA sind auf den Feldern des Sun State seit 2005 mindestens 16 Personen allein an den Folgen der Hitze gestorben.

Javier Gomez verknüpft sein Schicksal nicht mit jenem eines Kollektivs. Er schreibt es seinen individuellen Anstrengungen zu, dass ihn das Glück, die McGowans als Arbeitgeber zu haben, nicht verlassen habe. Als Mitglied einer benachteiligten Klasse sieht er sich nicht. Das Kollektiv, dem er sich am meisten verbunden fühlt, ist seine Nation. Auch in Mexiko hat der Nationalismus über alle andere Großideologien und -identitäten gesiegt. Angesichts seiner Landsleute kann seine erklärte Liebe zum Vaterland aber schon leiden. Davon zeugen die Bemerkungen über seine ehemaligen Mitbewohner in Hamilton. Dafür sprechen seine Erfahrungen, die er auf seinen Wanderungen durch Südkalifornien gemacht hat. "In Los Angeles fühlt man sich wie in Mexiko. Überall sind Bettler und Betrunkene zu sehen", sagt er nachdenklich.

In Mexiko kennt jedes Kind die teoría del cangrejo, nach der sich die Menschen wie die Krebse in einem Eimer verhalten: Ist einer drauf und dran, über den Rand in die Freiheit zu gelangen, ziehen ihn die anderen wieder hinunter. Die Metapher verweist darauf, dass sich mexikanische Auswanderer im Gegensatz etwa zu kubanischen oder chinesischen viel seltener organisieren, gegenseitig unterstützen und so rasch sozial aufsteigen. Dass die Mexikaner in den USA und insbesondere in Kalifornien dennoch Ängste hervorrufen, hat mit ihrer Zahl und der Vergangenheit zu tun. 32 Millionen Einwohner gaben beim US-Zensus 2010 an, mexikanischer Herkunft zu sein. In Kalifornien machen die hispanics, die fast ausschließlich aus dem südlichen Nachbarland stammen, 38 Prozent der Bevölkerung aus, im Süden des Gliedstaates gar die Hälfte. Die politische Sprengkraft dieser demografischen Fakten wird durch einen Umstand erhöht, den Javier bei der Fahrt durch die fruchtbare Landschaft etwas nostalgisch und eher beiläufig erwähnt: "Das alles gehörte einmal zu Mexiko."