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12.12.2011 | Von:
Alex Gertschen

Das bessere Leben, erträumt und erlitten* - Reportage

California is different

Die irischen Vorfahren der McGowans errichteten 1835 ihre erste Ranch in Kalifornien tatsächlich auf mexikanischem Boden - in Alta California (Oberkalifornien). Während die Halbinsel Baja California (Niederkalifornien) vom Dominikanerorden christianisiert worden war, hatte der spanische Vizekönig in Mexiko-Stadt das Gebiet nördlich davon den Franziskanern zugeschlagen. Dem Heiligen Franz von Assisi zu Ehren errichteten die Mönche 1776 die Mission San Francisco, der Keim der heutigen Weltstadt. Als Mexiko 1821 von den spanischen Kolonialherren die Unabhängigkeit erlangte, wurde Oberkalifornien Teil eines riesigen und kaum bevölkerten Landes mit einem fragilen Staat. Der geografischen Expansion der vor Energie strotzenden und von missionarischem Sendungsbewusstsein berauschten USA hatte Mexiko nichts entgegenzusetzen. Erst verlor es das Gebiet des heutigen Texas, das sich 1836 mit Unterstützung Washingtons für unabhängig erklärte, und nach dem Krieg von 1846/1847 musste es auch die nachmaligen US-Gliedstaaten Arizona, New Mexico und Kalifornien an die USA abtreten.

Der Lateinamerikanist Barry Carr erzählt in seinem Büro an der University of California in Berkeley, Kalifornien habe seine spanisch-mexikanische Vergangenheit ab den 1920er Jahren wiederentdeckt - als Mittel der Reisewerbung. "California is different", habe das Motto gelautet. Versprochen wurde die sichere und bequeme Erkundung einer fremdländisch anmutenden, weil nicht angelsächsisch geprägten Gegend Amerikas. Mit Blick auf den verstärkten Autotourismus wurden die verfallenen Missionen renoviert und mit Straßen erschlossen. "Es war ein sehr oberflächlicher Gebrauch der Geschichte", befindet Carr. Der Enthusiasmus, mit dem das kulturelle Erbe für die Touristen aufgefrischt wurde, kontrastierte mit dem Argwohn gegenüber den mexikanischen Arbeitern, die von der Landwirtschaft seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in immer größerer Zahl angeheuert wurden.

Erst vor wenigen Wochen hat der kalifornische Gouverneur Jerry Brown mehrere Gesetzesreformen zugunsten von illegalen Immigranten und deren Kindern unterzeichnet. College-Studenten ohne gültige Papiere dürfen fortan private und staatliche Stipendien beantragen. Lokalbehörden ist künftig untersagt, Arbeitgeber zur Benutzung von "E-Verify" zu zwingen, einer Datenbank der Bundesregierung zur Überprüfung des Aufenthaltsstatus von Arbeitnehmern. Die Rechte von Landarbeitern und ihren Gewerkschaften, allen voran der UFWA, werden gestärkt. Browns demokratische Parteikollegen loben, leistungsstarke und dringend benötigte Studenten und Arbeiter würden endlich belohnt. Die republikanische Opposition dagegen grollt, alle ehrlichen Einwanderer müssten sich wie Idioten vorkommen. Der Politologe Dan Schnur von der University of Southern California bemerkt in einer Zeitung, die Gesetzesänderungen hätten erstaunlich wenig Staub aufgewirbelt: "Vor fünf Jahren wären sie riskant und vor 15 oder 20 Jahren glatter politischer Selbstmord gewesen."

Mit den Reformen grenzt sich Kalifornien eben nicht nur gegen den rechtskonservativen Furor ab, der seit dem vergangenen Jahr Bundesstaaten wie Alabama, Arizona, Georgia oder South Carolina laut der "New York Times" in einem Wettbewerb um die restriktivsten Einwanderungsgesetze hat "Amok" laufen lassen. Die politische Geste bedeutet auch eine Abkehr von der eigenen Vergangenheit. Die 1990er Jahre waren in Kalifornien ein Jahrzehnt offen ausgetragener ethnischer Spannungen. Am berühmtesten und berüchtigtsten war der Fall des Schwarzen Rodney King, der 1991 von weißen Streifenpolizisten grundlos geprügelt wurde, was wochenlange Unruhen in Los Angeles auslöste. Im selben Jahr erschossen zwei asiatische Ladenbetreiber vermeintliche schwarze Diebe und kamen praktisch straflos davon. Diese Dynamik erfasste auch die Mexikaner - und wurde von ihnen angetrieben.

Am 8. November 1994 stimmten 59 Prozent der kalifornischen Wähler für die Annahme der "Save Our State" genannten Initiative, die die Abschaffung zahlreicher Rechte von "illegalen Einwanderern" verlangte, aber letztlich auf juristischem Wege an ihrer teilweisen Verfassungswidrigkeit scheitern sollte. Dass am Vorabend in Los Angeles 700000 Menschen gegen sie protestiert und etliche von ihnen die mexikanische Fahne geschwenkt hatten, vertiefte bei vielen die Angst vor einem Identitätswandel Kaliforniens. Das Gespenst der reconquista ging um, lange bevor 2004 der Politologe Samuel Huntington in seinem kontrovers diskutierten Buch "Who are we?" vor ihr warnen sollte. Als am 15. Februar 1998 die Fußballnationalteams der USA und Mexikos im Los Angeles Coliseum aufeinandertrafen, wurden Hymne und Mannschaft der Gastgeber mit Schmähungen überzogen. Die weißen Amerikaner waren unter den 91000 Zuschauern eine Minderheit. Am folgenden 2. Juni befürworteten 61 Prozent der Kalifornier eine Volksinitiative, mit der bilinguale Programme an öffentlichen Schulen de facto beendet und durch Intensivunterricht in Englisch ersetzt wurden. Beobachter werteten dies auch als ein Ausrufezeichen gegen die Verbreitung der spanischen Sprache.

Zahlreiche Weiße zogen in diesen Jahren vom Süden in den Norden Kaliforniens, wo noch heute die angelsächsischen Protestanten die Norm sind. Mit 14 Prozent ist der hispanische Bevölkerungsanteil in Butte County, in dem Chico liegt, recht gering. Ob dies ein Grund ist, weshalb sich Javier nie vor Anfeindungen oder gar Razzien gefürchtet hat? Die Tatsache, dass Alabama, wo Latinos bloß vier Prozent der Einwohner ausmachen, das bisher strengste Gesetz gegen illegale Einwanderer verabschiedet hat, lässt Zweifel an diesem Zusammenhang aufkommen. Wieso also erscheint der weiße Nachbar, der sich vor einigen Jahren fürchterlich daran störte, dass Francisco mexikanische Musik hörte und deshalb wegzog, nicht als Beleg von verbreiteter Fremdenfeindlichkeit, sondern höchstens von einem nicht gänzlich ungetrübten Zusammenleben?

"Die meisten Kalifornier leben erst seit wenigen Generationen hier. Das Bewusstsein, dass letztlich alle Einwanderer sind, ist dadurch noch ausgeprägter als anderswo", begründet der Historiker Barry Carr. Zudem seien die Demokraten in Kalifornien - in wachsendem Maße dank der hispanischen Wählerschaft - traditionell stark. Farmer Henry McGowan, der von den veritablen Hetzjagden gegen Latinos in anderen Bundesstaaten noch nie gehört haben will, reibt sich den Schweiß von der hohen Stirn und sagt mit einem Grinsen: "In Alabama ist doch völlig egal, ob die Migranten fliehen! Was geht dort deshalb schon kaputt? Wenn die Politiker aber uns die Mexikaner vertreiben, kriegen sie mit der Agrarlobby ein echtes Problem. Nein, mit der wollen sie sich nicht anlegen." Er selber beschäftige ohnehin nur Arbeiter mit gültigen Papieren, sagt er. Die fällige Buße von 10000 Dollar pro "Illegalem" wolle er nicht riskieren.

Eine Frage, die ich mir schon im Sommer beim Besuch der Familie Gomez Villanueva im Süden von Mexiko-Stadt gestellt habe,[1] war, wie lange wohl Javier noch die Daseinshärten eines Wanderarbeiters würde aushalten wollen. Wäre es nicht an der Zeit, den kleinen Wohlstand im Kreise der Familie zu genießen? "Ich kann doch nicht jetzt aufhören, wenn sie mir ein Arbeitsvisum für zehn Jahre geben werden!", antwortet er beim Abschied in Chico recht verständnislos.

* * Zweiter Teil; der erste Teil der Reportage ist im Themenheft "Mexiko" erschienen: APuZ, (2011) 40–42, S. 42–46, online: www.bpb.de/CD1T3B.

Fußnoten

1.
Vgl. den ersten Teil der Reportage in: APuZ, (2011) 40-42, S. 42-46.