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24.11.2011 | Von:
Harald Kujat

Das Ende der Wehrpflicht - Essay

Die Bundeswehr wird eine andere werden

Seit ihrer Gründung vor 56 Jahren gehört die Innere Führung mit dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform und dem Führen nach Auftrag zum Wesenskern der Bundeswehr. Im Zusammenhang mit dem Ende der Wehrpflicht wurde daher auch die Besorgnis geäußert, die Bundeswehr könnte ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft verlieren und zu einer "Unterschichtenarmee" werden. Unbestritten hat die Wehrpflicht die Bundeswehr ganz entscheidend geprägt. Viele Offiziere haben ihren Dienst als Wehrpflichtige begonnen, andere haben sich nur deshalb zum Dienst in den Streitkräften verpflichtet, weil die Wehrpflicht so entscheidend das innere Gefüge geprägt hat. Und nicht zuletzt hat sich die große Zahl von Reservisten als eine lebendige Klammer zwischen den Streitkräften und der Gesellschaft bewährt. Dass so viele junge Männer ihren Wehrdienst ableisteten und eine große Zahl später noch als Reservisten mit ihren Einheiten in Verbindung blieb, bedeutete auch eine Form der demokratischen Kontrolle von innen. Die Bundeswehr war durch die Wehrpflicht eine offene Armee in einer offenen Gesellschaft.

Das positive Klima in der Bundeswehr hat dazu beigetragen, dass sie zeitweise über 50 Prozent ihres Regenerationsbedarfs aus Wehrdienstleistenden rekrutieren konnte. Sie war in der vorteilhaften Lage, aus einem großen Potential die am besten Geeigneten auszuwählen. Und dies, nachdem sich die Bewerber bereits in der Truppe bewährt hatten. Dabei konnten die Streitkräfte auf ein breites Spektrum nach Herkunft, Bildung und Ausbildung zurückgreifen. Die Wehrpflicht war somit ein wichtiger Garant für die Qualität der Zeit- und Berufssoldaten. Mehr noch: Was die deutschen Streitkräfte gegenüber unseren Verbündeten auszeichnet, die Führungsphilosophie des Führens nach Auftrag, setzt den intelligenten, eigenverantwortlich und selbstständig handelnden Soldaten voraus. Die Bundeswehr wird daher auch in der Erziehung und Ausbildung große Anstrengungen unternehmen müssen, wenn sie diesen Anspruch aufrechterhalten will.

Die vielen Generationen von Wehrdienstleistenden und Reservisten sind immer auch für die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft wichtig gewesen. Das war insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung der Bundeswehr vor dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrung ein Wesensmerkmal der Streitkräfte. Hinzu kamen noch vor zehn Jahren über 600 Standorte, in denen die Bundeswehrangehörigen mit ihren Familien soziale Kontakte in allen Lebensbereichen unterhielten. Nicht zuletzt waren es jedoch die vielen Millionen Wehrdienstleistenden, die einer engen Verzahnung von Bundeswehr und Gesellschaft "dienten".

Nun bedeutet das Ende der Wehrpflicht nicht, dass die Bundeswehr ein Staat im Staate wird, an den Rand der Gesellschaft rückt und sich von ihr abschottet und isoliert. Die Innere Führung und das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform sind nicht gefährdet. Aber die Bundeswehr wird eine andere werden. Sie wird nicht mehr das ganze Spektrum der Gesellschaft repräsentieren, sondern nur einen Ausschnitt davon. Die Zahl derjenigen, die ihre in der Bundeswehr gesammelten Lebenserfahrungen in die zivile Gesellschaft mit zurücknehmen, wird sehr gering sein. Damit wird auch das Verständnis dessen schwinden, was den Beruf des Soldaten ausmacht: die vorbehaltlose Bereitschaft, Verantwortung und Risiken für die Gemeinschaft zu übernehmen und die damit verbundenen Härten und Gefahren zu ertragen.

Die Bundeswehr wird sich daher noch mehr als bisher um Interesse und Verständnis der Gesellschaft bemühen müssen. Wenn ihr allerdings die Politik die ideelle und materielle Unterstützung zukommen lässt, die Voraussetzung für die Erfüllung ihres Auftrages ist, wird sie auch nach dem Ende der Wehrpflicht eine offene Armee in einer offenen Gesellschaft sein.