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24.11.2011 | Von:
Wenke Apt

Herausforderungen für die Personalgewinnung der Bundeswehr

Gesundheit

Ungeachtet der fortschreitenden Technologisierung militärischer Aufgaben stellt der Soldatenberuf weiterhin hohe physische Anforderungen.[18] Eine Vielzahl militärischer Tätigkeiten erfordert von den Soldaten ein hohes Maß an konditioneller und motorischer Leistungsfähigkeit, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit. Insbesondere das Heben und Tragen von schweren Lasten sowie die Gewichtsbelastung durch die soldatische Ausrüstung verursachen eine "Lastproblematik", die sich im Einsatz angesichts der hohen Belastungsdauer und extremer Bedingungen in Bezug auf Schlafmangel, Versorgungsengpässe, Klima und Geländebeschaffenheit noch verstärkt.[19] Für die Erfüllung zukünftiger militärischer Aufgaben wird die Bedeutung sogenannter "human factors" wie Alter, Geschlecht sowie Gesundheits- und Trainingszustand der Soldaten weiterhin eine wichtige Rolle spielen.[20] Einsatzeffektivität und -erfolg wären demnach nicht gewährleistet, wenn die soldatischen Leistungsanforderungen nicht in großem Maße mit den Fähigkeiten des verfügbaren Personals übereinstimmten. Allerdings zeichnet sich in diesem Zusammenhang eine Diskrepanz zwischen Personalangebot und -nachfrage ab: Während die physischen und psychischen Anforderungen an die Soldaten bereits sehr hoch sind und aller Voraussicht nach weiter ansteigen werden, deuten empirische Analysen auf erhebliche gesundheitliche Risiken und Defizite in der Bevölkerung hin, insbesondere im rekrutierungsrelevanten Alter.

Dazu zählen die frühe Fixierung gesundheitsschädigender Verhaltensweisen wie Alkohol- und Tabakkonsum, die zunehmende Verbreitung einer bewegungsarmen und kalorienreichen Lebensweise, die steigende Prävalenz von Übergewicht und motorischen Defiziten sowie die große Anzahl Heranwachsender mit allergischen, chronischen oder psychischen Beschwerden. In Anbetracht der verminderten Belastbarkeit und der Vielzahl an Begleiterkrankungen (zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes Typ II) ist die zunehmende Verbreitung von Übergewicht unter Kindern und Heranwachsenden für die militärische Personalgewinnung von besonderer Relevanz.

Vor diesem Hintergrund hat das zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat die physische Leistungsfähigkeit von Bewerbern analysiert und alters- beziehungsweise geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Verbreitung von Übergewicht festgestellt. Insbesondere bei den männlichen Heranwachsenden zwischen 17 und 26 Jahren ist mit zunehmendem Alter ein monotoner Anstieg von Körpergewicht und Body Mass Index (BMI) zu beobachten.[21] Zwar ist hier anzumerken, dass der BMI Körperbau und Muskelmasse nicht berücksichtigt, sodass auch Menschen mit geringem Fettanteil und großer Muskelmasse als übergewichtig gelten können. Allerdings wurde gezeigt, dass die Leistungen männlicher Jugendlicher im Physical Fitness Tests (PFT) - parallel zum BMI-Anstieg - gesunken sind, sodass die BMI-Erhöhung eher auf einen erhöhten Körperfettanteil als auf eine Zunahme der Muskelmasse zurückzuführen sein dürfte.[22] Unterdessen bleibt der BMI weiblicher Bewerber für die Bundeswehr weitgehend konstant und weist keinen altersspezifischen Anstieg auf. Jedoch kommt es bei Frauen ab dem Alter 20 zu einem signifikanten Anstieg der Durchfallquote. Daher handelt es sich bei männlichen Bewerbern um ein "isoliertes Gewichtsproblem" und bei weiblichen Bewerbern um ein "isoliertes Fitnessproblem".[23]

Zwischen 2000 und 2004 erfüllten 37 Prozent der männlichen und 39 Prozent der weiblichen Bewerber für die Bundeswehr die Minimalanforderungen der physischen Leistungsfähigkeit nicht. Insbesondere ab 2001 kam es unter männlichen Bewerbern zu einem signifikanten Anstieg der PFT-Durchfallquoten.[24] Auffällig war dabei der Fitness-Rückgang im obersten Bildungssegment. Die PFT-Durchfallquote von Gymnasiasten stieg innerhalb des Untersuchungszeitraums um mehr als 35 Prozent. Die physischen Leistungsanforderungen im Annahmeverfahren wurden daher weiter gesenkt.[25]

Fußnoten

18.
Vgl. Ulrich Rohde et al., Leistungsanforderungen bei typischen soldatischen Einsatzbelastungen, in: Wehrmedizinische Monatsschrift, (2007) 5-6, S. 138-142.
19.
Vgl. ebd., S. 138.
20.
Vgl. ebd., S. 139.
21.
Dieter Leyk et al., Adipositas und Bewegungsmangel in Deutschland: Erste Fakten aus der "Physical-Fitness-Test"-Studie, in: Wehrmedizinische Monatsschrift, (2005) 1, S. 13.
22.
Vgl. ebd., S. 13; Dieter Leyk et al., Physical Performance, Body Weight and BMI of Young Adults in Germany 2000-2004: Results of the Physical-Fitness-Test Study, in: International Journal of Sports Medicine, (2006) 27, S. 644.
23.
Vgl. ebd., S. 646.
24.
Vgl. ebd., S. 644.
25.
Vgl. D. Leyk et al. (Anm. 23), S. 13.