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24.11.2011 | Von:
Wenke Apt

Herausforderungen für die Personalgewinnung der Bundeswehr

Wertewandel

Darüber hinaus sind die Wertorientierungen der heutigen Jugendlichen nur bedingt mit den soldatischen Anforderungen zu vereinbaren. Laut Shell-Jugendstudie sind im Wertesystem der 12- bis 25-jährigen Bevölkerung vor allem "Private Harmonie" (Familie, Freunde) und "Individualität" (Unabhängigkeit, Entfaltung eigener Kreativität) von großer Bedeutung. Die geringste Wertschätzung erfahren Orientierungen im Komplex "Tradition und Konformität". Insbesondere "an Althergebrachtem festhalten" oder "das tun, was die anderen auch tun" erhalten wenig Zustimmung.[26]

Auch der hohe Stellenwert von Familie unter Jugendlichen ist auffällig. Bereits eine Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte Meinungsbefragung junger Männer hatte gezeigt, dass knapp die Hälfte ein Lebenskonzept der "Balance" bevorzugen, in dem Beruf und Partnerschaft (beziehungsweise Familie) gleich wichtige und miteinander zu vereinbarende Positionen einnehmen. Ein ausschließlich auf Selbstverwirklichung orientiertes Lebenskonzept findet deutlich weniger Zustimmung. Mit dieser Werteorientierung geht eine zukunftsorientierte Handlungs- und Planungsmotivation einher, die auf die Vereinbarkeit von privaten Lebensinhalten und beruflicher Selbstverwirklichung zielt.[27]

Daher ist anzunehmen, dass die Attraktivität des Soldatenberufes aufgrund verschiedener immanenter Charakteristika weiter abnehmen wird. Dazu gehören das Risiko für Leib und Leben, lange einsatzbedingte Abwesenheitszeiten, hohe Anforderungen an die Mobilität des Soldaten und seiner Familie sowie ein hohes Maß an Bürokratie und Rigidität. Diese berufsbezogenen Nachteile werden durch drei gesellschaftliche Tendenzen verschärft: (1) die veränderten Rollenansprüche in modernen Partnerschaften und der damit einhergehende Anspruch beider auf beruflichen Erfolg; (2) die regionale demografische Entwicklung und die infrastrukturelle Ausdünnung im Umfeld vieler Bundeswehr-Standorte (vor allem in Ostdeutschland), was die Integration der Familie weiter erschwert und den Trend zu Wochenendbeziehungen unter Bundeswehrangehörigen verstärkt; und (3) die Schere zwischen dem bevorzugten Bewerberprofil und die für eine solche Persönlichkeitsstruktur vergleichsweise inadäquaten Mglichkeiten der Selbstentfaltung, Mitgestaltung und Karriereentwicklung in der Bundeswehr.

In diesem Kontext sind auch die empirischen Befunde des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr von Interesse. In der regelmäßig durchgeführten Jugendstudie werden Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren unter anderem danach befragt, ob sie sich zumindest für eine gewisse Zeit eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen können, entweder als Soldat oder als ziviler Mitarbeiter. Von den befragten jungen Männern äußern 26 Prozent ein generelles Interesse, für weitere 19 Prozent kommt eine Laufbahn bei der Bundeswehr nur "unter Umständen" infrage. Bei den jungen Frauen liegen die entsprechenden Anteile bei 13 Prozent beziehungsweise 18 Prozent. Damit können sich 55 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen keine Berufstätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen.[28]

Darüber hinaus ist die Interessenlage der Jugendlichen durch einen deutlichen Bildungsgradienten gekennzeichnet - je höher das Bildungsniveau, desto geringer das Interesse an einer beruflichen Tätigkeit in der Bundeswehr. Bei jungen Männern mit Hochschulreife interessieren sich demnach nur 37 Prozent konkret oder unter Umständen für eine entsprechende Laufbahn. Bei denjenigen mit Realschul- oder Hauptschulabschluss ist das Interessentenpotential mit jeweils 50 Prozent beziehungsweise 54 Prozent deutlich größer. Im regionalen Vergleich können sich am ehesten Jugendliche aus Ostdeutschland eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen. Für 52 Prozent der dort befragten Männer stellt die Bundeswehr eine berufliche Option dar, in Süddeutschland gilt dies nur für 39 Prozent der Befragten.[29]

Von den jungen Männern, die sich eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen können, streben lediglich 50 Prozent eine soldatische Laufbahn an. Bei den befragten Frauen ist der entsprechende Anteil mit 22 Prozent noch wesentlich geringer. Deutlich mehr interessieren sich für eine zivile Tätigkeit (61 Prozent).[30] Ob sich interessierte Jugendliche tatsächlich für eine zivile oder militärische Laufbahn in der Bundeswehr entscheiden, hängt stark von den Einstellungen ihres sozialen Umfeldes ab. Für 70 Prozent ist die Meinung von Familie und Freunden "wichtig" oder "sehr wichtig".[31] Zustimmende Reaktionen werden von jungen Männern insbesondere von Seiten des Vaters und von Freunden erwartet, Ablehnung dagegen von Mutter und Partnerin. Junge Frauen erwarten deutlich weniger Unterstützung im Falle einer militärischen Berufsorientierung, insbesondere von Eltern und Geschwistern.[32]

Nach ihren berufswahlspezifischen Motivstrukturen befragt, betonen Jugendliche ihre "Wachstumsbedürfnisse", welche sich auf die persönliche Weiterentwicklung in einer herausfordernden, verantwortungsvollen und abwechslungsreichen Tätigkeit beziehen, sowie die Bedeutung "sozialer Bedürfnisse" hinsichtlich kollegialer Zusammenarbeit und guter Menschenführung durch Vorgesetzte. Insbesondere Frauen bewerten ihre sozialen Bedürfnisse bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als besonders hoch. "Existentielle Bedürfnisse" wie die Sicherheit des Arbeitsplatzes, gute Bezahlung und umfangreiche Sozialleistungen durch den Arbeitgeber sind zwar ebenfalls wichtig, für das generelle Interesse an einer militärischen Laufbahn jedoch nicht ausschlaggebend. Insbesondere für Jugendliche mit einem höheren Bildungsstand trifft diese differenzierte Bewertung der Berufswahlmotive zu: Sie messen den Wachstumsbedürfnissen eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung bei, sind jedoch skeptisch, diese Bedürfnisse im Rahmen einer Tätigkeit bei der Bundeswehr tatsächlich realisieren zu können.[33]

Fußnoten

26.
Vgl. Thomas Gensicke, Zeitgeist und Wertorientierungen, in: Shell (Hrsg.), Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2006, S. 178-181.
27.
Vgl. Hanne I. Schaffer, Lebenskonzepte und Zeiterfahrungen junger Männer: Zur Bedeutung gewandelter Lebensvorstellungen für die Bundeswehr, München 1992, S. 16.
28.
Vgl. Thomas Bulmahn et al., Ergebnisse der Jugendstudie 2008 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Strausberg 2010, S. 141.
29.
Vgl. ebd., S. 142.
30.
Vgl. ebd., S. 147.
31.
Vgl. Thomas Bulmahn, Berufswahl Jugendlicher und Interesse an einer Berufstätigkeit bei der Bundeswehr: Ergebnisse der Jugendstudie 2006 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Strausberg 2007, S. 42.
32.
Vgl. ebd., S. 41.
33.
Vgl. ebd., S. 56ff.