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24.11.2011 | Von:
Wenke Apt

Herausforderungen für die Personalgewinnung der Bundeswehr

Bereits heute kann die Bundeswehr ihren Bedarf an Soldaten nicht decken. Als wichtige Risiken gelten generell die demografische Entwicklung, der Anstieg des Bildungsniveaus, der Gesundheitszustand der Jugendlichen und der gesellschaftliche Wertewandel.

Einleitung

Bereits heute kann die Bundeswehr ihren Bedarf an Soldatinnen und Soldaten nicht decken. Seit Jahren sind etwa 7000 Stellen nicht besetzt.[1] Verschiedene Trends im gesellschaftlichen Umfeld der Bundeswehr deuten darauf hin, dass die Herausforderungen der Personalgewinnung in den nächsten Jahren eher noch zunehmen werden.

Als wichtige Risiken gelten generell die demografische Entwicklung, der Anstieg des Bildungsniveaus, der Gesundheitszustand der Jugendlichen und der gesellschaftliche Wertewandel.[2]

Personalbedarf der Streitkräfte

Im Jahr 2010 beschäftigte die Bundeswehr 234650 Soldaten: 188850 Berufs- und Zeitsoldaten, 23500 Grundwehrdienstleistende (GWDL) und 22200 freiwillig länger Wehrdienst Leistende (FWDL). Der strukturell bedingte Ergänzungsbedarf lag jährlich bei rund 25000 Soldaten auf Zeit. Rund ein Drittel davon wurde durch Erstverpflichtungen in der Truppe gedeckt, der Rest durch externe Nachwuchsgewinnung. Im Zuge der Strukturreform der Bundeswehr wurde die Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 ausgesetzt und die Gesamtstärke auf 210550 Soldaten reduziert. Als Freiwilligenarmee stellt die Bundeswehr nun 188000 Berufs- und Zeitsoldaten und 22550 FWDL.[3] Der jährliche Ergänzungsbedarf ist entsprechend auf 18400 Soldaten auf Zeit und 4000 FWDL gesunken.[4] Für die nächsten Jahre sind weitere Umfangsreduzierungen geplant. Die im Rahmen der Strukturreform festgelegte Sollstruktur sieht einen Gesamtumfang von 170000 Berufs- und Zeitsoldaten exklusive einem Anteil von 5000 bis 15000 FWDL vor. Der Ergänzungsbedarf wird damit weiter zurückgehen.[5]

Die Herausforderung der Personalgewinnung bleibt jedoch bestehen. Hauptzielgruppe der Bundeswehr sind ungediente Frauen und Männer mit deutscher Staatsbürgerschaft zwischen 17 und 24 Jahren, die sich in der Orientierungsphase für Ausbildung und Beruf befinden. Dabei wird verstärkt gut ausgebildetes und technisch versiertes Personal mit einer hohen physischen und psychischen Belastbarkeit nachgefragt. Im Bericht des Generalinspekteurs wurde das soldatische Anforderungsprofil zuletzt umfassend umrissen. Demnach werden hervorragend qualifizierte und motivierte Soldaten mit einem hohen Maß an Sozialkompetenz, Führungsstärke und Flexibilität benötigt, die in einem komplexen Umfeld, schnell, vorausschauend und mit der nötigen Umsicht agieren können. Die Soldaten sollten in der Lage sein, den politischen und kulturellen Kontext ihres Einsatzes zu verstehen, ihr Handeln entsprechend anzupassen und auch dem Druck standzuhalten, in kürzester Zeit Entscheidungen treffen zu müssen, die zum Teil von großer persönlicher, militärischer oder politischer Tragweite sind.[6] Da eher junge Soldaten die Hauptlast militärischer Einsätze tragen, sind insbesondere die direkt am Kampf beteiligten Einheiten auf einen kontinuierlichen Nachschub junger, leistungsfähiger und vielseitiger Soldaten angewiesen.

Demografische Entwicklung

Die demografische Entwicklung der Bevölkerung bildet für die militärische Nachwuchsgewinnung eine wesentliche Planungsgrundlage. Sie gibt Auskunft darüber, wie viele Personen sich gegenwärtig und zukünftig in einem rekrutierungsrelevanten Alter befinden. Von besonderem Interesse sind daher Veränderungen in der Altersstruktur und die Entwicklung der Jugendbevölkerung. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die deutsche Bevölkerung von etwa 81,5 Millionen Menschen im Jahr 2010 auf 64,6 Millionen Menschen im Jahr 2060 zurückgehen (minus 21 Prozent) zurückgehen. Die Jugendbevölkerung wird im gleichen Zeitraum um ein Mehrfaches schrumpfen. Beispielhaft ist in Tabelle 1 (s. Tabelle 1 der PDF-Version) die zukünftige demografische Entwicklung der 18- bis 19-jährigen Bevölkerung in Deutschland abgebildet. Ab dem Jahr 2010 sinkt die Größe dieser Bevölkerungsgruppe von 848000 Personen auf 536000 im Jahr 2060 (minus 37 Prozent).

In den einzelnen Regionen Deutschlands wird die demografische Entwicklung sehr unterschiedlich ausfallen. Zwar erwartet West- und Ostdeutschland eine ähnliche demografische Zukunft, allerdings werden die Auswirkungen des demografischen Wandels Ostdeutschland früher und in größerem Ausmaß treffen. Dabei vertieft sich die demografische Spaltung des Landes bereits seit Anfang der 1990er Jahre - durch eine rasch alternde, schrumpfende Bevölkerung in Ostdeutschland und eine zwar ebenfalls alternde, aber weiter wachsende Bevölkerung in Westdeutschland. Die beiden wesentlichen Ursachen für diese Entwicklung sind regionale Fertilitätsunterschiede und Wanderungsbewegungen.

Abbildung 1 (s. Abbildung 1 der PDF-Version) veranschaulicht den relativen Rückgang der Jugendbevölkerung zwischen 2006 und 2060 anhand der rekrutierungsrelevanten Bevölkerungsgruppe der 18-jährigen Männer. Auffällig in der nach Bundesländern differenzierten Darstellung ist der rapide Rückgang in den fünf ostdeutschen Ländern zwischen 2006 und 2012, der auf den so genannten "Wendeknick" zurückzuführen ist. Entsprechend dem Wiederanstieg der Geburtenzahlen ab 1994 wird für den Zeitraum zwischen 2012 und 2018 eine leichte Zunahme der 18-jährigen männlichen Bevölkerung auf 50 bis 60 Prozent des Niveaus von 2006 prognostiziert. In den folgenden Jahren bis etwa 2027 wird sich die Größe dieser Bevölkerungsgruppe stabilisieren. Danach wird der Abwärtstrend wieder an Dynamik gewinnen, und ab 2050 dürfte die Zahl der 18-jährigen Männer in den ostdeutschen Bundesländern bei 35 bis 45 Prozent des Niveaus von 2006 liegen.

In den westdeutschen Bundesländern wird der Rückgang der Jugendbevölkerung gemäßigter verlaufen als in den ostdeutschen. Dabei erwartet man für zwei westdeutsche Länder jedoch eine relativ untypische Entwicklung. Im Saarland wird der Rückgang der Jugendbevölkerung in 15 bis 20 Jahren eine ähnliche Dimension wie in Ostdeutschland erreicht haben. Um das Jahr 2025 wird die Zahl 18-jähriger Männer hier noch etwa 60 Prozent des Bestandes von 2006 aufweisen, und auch danach wird der Abwärtstrend weiter anhalten. Dagegen ist Hamburg das einzige Bundesland, in dem die Bevölkerungsgröße 18-jähriger Männer in etwa 30 Jahren wieder das Niveau von 2006 erreichen wird, bevor sie dann bis zum Ende des Betrachtungszeitraums auf ein Niveau von etwa 75 Prozent des Ausgangsbestandes absinkt. Eine ähnliche Entwicklung - wenn auch auf niedrigerem Niveau - wird für Bremen erwartet. Bei den größeren Flächenländern erscheint die prognostizierte Entwicklung der Jugendbevölkerung in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg vergleichsweise gut.

Bildung

Infolge des wirtschaftlichen Strukturwandels, des technologischen Fortschritts und des gesellschaftlichen Wandels zur tertiären Wissensgesellschaft vollzog sich in Deutschland ab den 1970er Jahren ein Trend zur Höherqualifizierung.[7] Seit Anfang der 1990er Jahre ist jedoch eine weitgehende Bildungsstagnation zu beobachten.[8] Diese äußert sich in begrenzten Fortschritten bei der Verbesserung der Schülerkompetenzen in den Schlüsselbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, einer wachsenden Kluft zwischen den Leistungsschwächsten und -stärksten, einer mangelnden Bildungsintegration von Schülern mit Migrationshintergrund sowie einer anhaltend hohen Schulabbrecher-Quote.[9] Gleichzeitig kam es in den vergangenen Jahren zu sichtbaren Veränderungen in den Schulabschlussquoten: Bezogen auf die Bevölkerung im jeweils typischen Abschlussalter ging die Bedeutung des Hauptschulabschlusses zurück, während sich ein anhaltender Trend zur Mittleren Reife und (Fach-)Hochschulreife abzeichnete (siehe Tabelle 2 der PDF-Version).

Parallel zu diesem Anstieg an höherqualifizierten Schulabschlüssen verlassen jedes Jahr viele Jugendliche die allgemeinbildende Schule ohne einen Abschluss. In der Altersgruppe der 15- bis unter 17-Jährigen beendeten im Jahr 2008 demnach 65000 Schüler die Schule, ohne zumindest über den Hauptschulabschluss zu verfügen. Dies entspricht einer Abgängerquote von knapp acht Prozent. Seit 2004 ist diese Quote leicht rückläufig, dennoch verlässt immer noch ein relativ großer Anteil von Jugendlichen das allgemeinbildende Schulwesen ohne die entscheidende Grundvoraussetzung für die weitere Bildungs- und Erwerbsbiografie.[10] Dabei verlassen mehr Jungen als Mädchen und doppelt so viele Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit die Hauptschule ohne Abschluss.[11]

Der relativ sinkende Hauptschüleranteil und die steigenden Übergangsquoten zum Gymnasium suggerieren zwar ein verbessertes Qualifikationsniveau der heranwachsenden Bevölkerung. Jedoch spiegelt sich dies nur bedingt im erfassten Kompetenzstand der Schüler wider. Bei der PISA-Erhebung aus dem Jahr 2000 lagen die Fähigkeiten deutscher Schüler in den Schlüsselbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften unterhalb des OECD-Durchschnitts.[12]

Zwischen 2000 und 2006 verbesserten sich die Leistungen deutscher Schüler zwar in Mathematik und den Naturwissenschaften; nicht überall gab es jedoch Fortschritte in der Lesekompetenz, und die Leistungsstreuung war in allen drei Kompetenzbereichen immer noch erheblich.[13] Zudem ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und der Schülerleistung in Deutschland ausgeprägter als in anderen OECD-Staaten. Insbesondere Schüler mit Migrationshintergrund haben deutliche Nachteile in der Kompetenzentwicklung. Dabei ist vor allem der Leistungsrückstand der zweiten Zuwanderergeneration beträchtlich und hat sich seit dem Jahr 2000 noch vergrößert.[14]

In den nächsten Jahren wird der demografische Wandel einen deutlichen Rückgang der Absolventenzahlen bedingen (siehe Tabelle 3 der PDF-Version). Laut einer Bildungsvorausberechnung des Bundes wird sich bis zum Jahr 2025 die Zahl der Absolventen beziehungsweise Abgänger um 24 Prozent verringern. Auch unter Berücksichtigung der insgesamt rückläufigen Absolventenzahlen wird die Hauptschule dabei überproportionale Rückgänge verzeichnen (minus 36 Prozent). Die geringste prozentuale Veränderung wird für die Gymnasien prognostiziert (minus 15 Prozent).

Durch die steigende Bildungsbeteiligung hat sich ein größerer Anteil der Jugendlichen eine Studienberechtigung erworben. Die Studienanfängerquote hat sich in den vergangenen Jahren entsprechend erhöht, beispielsweise von 26 Prozent im Jahr 1995[15] auf 34 Prozent im Jahr 2008.[16] Bis zum Jahr 2015 plant der Hochschulpakt der Bundesregierung zusätzliche 275000 Studienanfänger ein. Damit würden Kapazitäten für weitere 64000 Studienanfänger benötigt. Generell wird geschätzt, dass die Nachfrage nach Hochschulbildung mindestens noch bis zum Jahr 2025 auf einem sehr hohen Niveau bleiben wird.[17] Dies würde das Rekrutierungspotential unter jungen Schulabsolventen weiter reduzieren.

Gesundheit

Ungeachtet der fortschreitenden Technologisierung militärischer Aufgaben stellt der Soldatenberuf weiterhin hohe physische Anforderungen.[18] Eine Vielzahl militärischer Tätigkeiten erfordert von den Soldaten ein hohes Maß an konditioneller und motorischer Leistungsfähigkeit, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit. Insbesondere das Heben und Tragen von schweren Lasten sowie die Gewichtsbelastung durch die soldatische Ausrüstung verursachen eine "Lastproblematik", die sich im Einsatz angesichts der hohen Belastungsdauer und extremer Bedingungen in Bezug auf Schlafmangel, Versorgungsengpässe, Klima und Geländebeschaffenheit noch verstärkt.[19] Für die Erfüllung zukünftiger militärischer Aufgaben wird die Bedeutung sogenannter "human factors" wie Alter, Geschlecht sowie Gesundheits- und Trainingszustand der Soldaten weiterhin eine wichtige Rolle spielen.[20] Einsatzeffektivität und -erfolg wären demnach nicht gewährleistet, wenn die soldatischen Leistungsanforderungen nicht in großem Maße mit den Fähigkeiten des verfügbaren Personals übereinstimmten. Allerdings zeichnet sich in diesem Zusammenhang eine Diskrepanz zwischen Personalangebot und -nachfrage ab: Während die physischen und psychischen Anforderungen an die Soldaten bereits sehr hoch sind und aller Voraussicht nach weiter ansteigen werden, deuten empirische Analysen auf erhebliche gesundheitliche Risiken und Defizite in der Bevölkerung hin, insbesondere im rekrutierungsrelevanten Alter.

Dazu zählen die frühe Fixierung gesundheitsschädigender Verhaltensweisen wie Alkohol- und Tabakkonsum, die zunehmende Verbreitung einer bewegungsarmen und kalorienreichen Lebensweise, die steigende Prävalenz von Übergewicht und motorischen Defiziten sowie die große Anzahl Heranwachsender mit allergischen, chronischen oder psychischen Beschwerden. In Anbetracht der verminderten Belastbarkeit und der Vielzahl an Begleiterkrankungen (zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes Typ II) ist die zunehmende Verbreitung von Übergewicht unter Kindern und Heranwachsenden für die militärische Personalgewinnung von besonderer Relevanz.

Vor diesem Hintergrund hat das zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat die physische Leistungsfähigkeit von Bewerbern analysiert und alters- beziehungsweise geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Verbreitung von Übergewicht festgestellt. Insbesondere bei den männlichen Heranwachsenden zwischen 17 und 26 Jahren ist mit zunehmendem Alter ein monotoner Anstieg von Körpergewicht und Body Mass Index (BMI) zu beobachten.[21] Zwar ist hier anzumerken, dass der BMI Körperbau und Muskelmasse nicht berücksichtigt, sodass auch Menschen mit geringem Fettanteil und großer Muskelmasse als übergewichtig gelten können. Allerdings wurde gezeigt, dass die Leistungen männlicher Jugendlicher im Physical Fitness Tests (PFT) - parallel zum BMI-Anstieg - gesunken sind, sodass die BMI-Erhöhung eher auf einen erhöhten Körperfettanteil als auf eine Zunahme der Muskelmasse zurückzuführen sein dürfte.[22] Unterdessen bleibt der BMI weiblicher Bewerber für die Bundeswehr weitgehend konstant und weist keinen altersspezifischen Anstieg auf. Jedoch kommt es bei Frauen ab dem Alter 20 zu einem signifikanten Anstieg der Durchfallquote. Daher handelt es sich bei männlichen Bewerbern um ein "isoliertes Gewichtsproblem" und bei weiblichen Bewerbern um ein "isoliertes Fitnessproblem".[23]

Zwischen 2000 und 2004 erfüllten 37 Prozent der männlichen und 39 Prozent der weiblichen Bewerber für die Bundeswehr die Minimalanforderungen der physischen Leistungsfähigkeit nicht. Insbesondere ab 2001 kam es unter männlichen Bewerbern zu einem signifikanten Anstieg der PFT-Durchfallquoten.[24] Auffällig war dabei der Fitness-Rückgang im obersten Bildungssegment. Die PFT-Durchfallquote von Gymnasiasten stieg innerhalb des Untersuchungszeitraums um mehr als 35 Prozent. Die physischen Leistungsanforderungen im Annahmeverfahren wurden daher weiter gesenkt.[25]

Wertewandel

Darüber hinaus sind die Wertorientierungen der heutigen Jugendlichen nur bedingt mit den soldatischen Anforderungen zu vereinbaren. Laut Shell-Jugendstudie sind im Wertesystem der 12- bis 25-jährigen Bevölkerung vor allem "Private Harmonie" (Familie, Freunde) und "Individualität" (Unabhängigkeit, Entfaltung eigener Kreativität) von großer Bedeutung. Die geringste Wertschätzung erfahren Orientierungen im Komplex "Tradition und Konformität". Insbesondere "an Althergebrachtem festhalten" oder "das tun, was die anderen auch tun" erhalten wenig Zustimmung.[26]

Auch der hohe Stellenwert von Familie unter Jugendlichen ist auffällig. Bereits eine Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte Meinungsbefragung junger Männer hatte gezeigt, dass knapp die Hälfte ein Lebenskonzept der "Balance" bevorzugen, in dem Beruf und Partnerschaft (beziehungsweise Familie) gleich wichtige und miteinander zu vereinbarende Positionen einnehmen. Ein ausschließlich auf Selbstverwirklichung orientiertes Lebenskonzept findet deutlich weniger Zustimmung. Mit dieser Werteorientierung geht eine zukunftsorientierte Handlungs- und Planungsmotivation einher, die auf die Vereinbarkeit von privaten Lebensinhalten und beruflicher Selbstverwirklichung zielt.[27]

Daher ist anzunehmen, dass die Attraktivität des Soldatenberufes aufgrund verschiedener immanenter Charakteristika weiter abnehmen wird. Dazu gehören das Risiko für Leib und Leben, lange einsatzbedingte Abwesenheitszeiten, hohe Anforderungen an die Mobilität des Soldaten und seiner Familie sowie ein hohes Maß an Bürokratie und Rigidität. Diese berufsbezogenen Nachteile werden durch drei gesellschaftliche Tendenzen verschärft: (1) die veränderten Rollenansprüche in modernen Partnerschaften und der damit einhergehende Anspruch beider auf beruflichen Erfolg; (2) die regionale demografische Entwicklung und die infrastrukturelle Ausdünnung im Umfeld vieler Bundeswehr-Standorte (vor allem in Ostdeutschland), was die Integration der Familie weiter erschwert und den Trend zu Wochenendbeziehungen unter Bundeswehrangehörigen verstärkt; und (3) die Schere zwischen dem bevorzugten Bewerberprofil und die für eine solche Persönlichkeitsstruktur vergleichsweise inadäquaten Mglichkeiten der Selbstentfaltung, Mitgestaltung und Karriereentwicklung in der Bundeswehr.

In diesem Kontext sind auch die empirischen Befunde des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr von Interesse. In der regelmäßig durchgeführten Jugendstudie werden Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren unter anderem danach befragt, ob sie sich zumindest für eine gewisse Zeit eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen können, entweder als Soldat oder als ziviler Mitarbeiter. Von den befragten jungen Männern äußern 26 Prozent ein generelles Interesse, für weitere 19 Prozent kommt eine Laufbahn bei der Bundeswehr nur "unter Umständen" infrage. Bei den jungen Frauen liegen die entsprechenden Anteile bei 13 Prozent beziehungsweise 18 Prozent. Damit können sich 55 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen keine Berufstätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen.[28]

Darüber hinaus ist die Interessenlage der Jugendlichen durch einen deutlichen Bildungsgradienten gekennzeichnet - je höher das Bildungsniveau, desto geringer das Interesse an einer beruflichen Tätigkeit in der Bundeswehr. Bei jungen Männern mit Hochschulreife interessieren sich demnach nur 37 Prozent konkret oder unter Umständen für eine entsprechende Laufbahn. Bei denjenigen mit Realschul- oder Hauptschulabschluss ist das Interessentenpotential mit jeweils 50 Prozent beziehungsweise 54 Prozent deutlich größer. Im regionalen Vergleich können sich am ehesten Jugendliche aus Ostdeutschland eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen. Für 52 Prozent der dort befragten Männer stellt die Bundeswehr eine berufliche Option dar, in Süddeutschland gilt dies nur für 39 Prozent der Befragten.[29]

Von den jungen Männern, die sich eine berufliche Tätigkeit bei der Bundeswehr vorstellen können, streben lediglich 50 Prozent eine soldatische Laufbahn an. Bei den befragten Frauen ist der entsprechende Anteil mit 22 Prozent noch wesentlich geringer. Deutlich mehr interessieren sich für eine zivile Tätigkeit (61 Prozent).[30] Ob sich interessierte Jugendliche tatsächlich für eine zivile oder militärische Laufbahn in der Bundeswehr entscheiden, hängt stark von den Einstellungen ihres sozialen Umfeldes ab. Für 70 Prozent ist die Meinung von Familie und Freunden "wichtig" oder "sehr wichtig".[31] Zustimmende Reaktionen werden von jungen Männern insbesondere von Seiten des Vaters und von Freunden erwartet, Ablehnung dagegen von Mutter und Partnerin. Junge Frauen erwarten deutlich weniger Unterstützung im Falle einer militärischen Berufsorientierung, insbesondere von Eltern und Geschwistern.[32]

Nach ihren berufswahlspezifischen Motivstrukturen befragt, betonen Jugendliche ihre "Wachstumsbedürfnisse", welche sich auf die persönliche Weiterentwicklung in einer herausfordernden, verantwortungsvollen und abwechslungsreichen Tätigkeit beziehen, sowie die Bedeutung "sozialer Bedürfnisse" hinsichtlich kollegialer Zusammenarbeit und guter Menschenführung durch Vorgesetzte. Insbesondere Frauen bewerten ihre sozialen Bedürfnisse bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als besonders hoch. "Existentielle Bedürfnisse" wie die Sicherheit des Arbeitsplatzes, gute Bezahlung und umfangreiche Sozialleistungen durch den Arbeitgeber sind zwar ebenfalls wichtig, für das generelle Interesse an einer militärischen Laufbahn jedoch nicht ausschlaggebend. Insbesondere für Jugendliche mit einem höheren Bildungsstand trifft diese differenzierte Bewertung der Berufswahlmotive zu: Sie messen den Wachstumsbedürfnissen eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung bei, sind jedoch skeptisch, diese Bedürfnisse im Rahmen einer Tätigkeit bei der Bundeswehr tatsächlich realisieren zu können.[33]

Fazit

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird das Rekrutierungspotential der Bundeswehr schrumpfen. Neben den generellen Veränderungen in der Altersstruktur sind auch spezifische regionale Unterschiede von Bedeutung. Darüber hinaus stellen die Bildungsentwicklung, die wachsende Zahl übergewichtiger junger Menschen, das Absinken der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit und der gesellschaftliche Wertewandel Unsicherheiten für die zukünftige Personalgewinnung der Bundeswehr dar.

Mögliche Anpassungsstrategien bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Sparzwängen und den Anforderungen an Quantität wie Qualität. Mit einem attraktiveren Dienst- und Laufbahnrecht könnten beispielsweise Anreize für Personen mit Schlüsselqualifikationen gesetzt werden. Durch flexiblere, auf den Bedarf zugeschnittene Zeitverträge könnte die Bundeswehr versuchen, das Personal im einsatzrelevanten Altersband zwischen 20 und 45 Jahren stärker an sich zu binden und sich gleichzeitig besser auf die Erfordernisse des Einsatzes ausrichten. Wichtigste Voraussetzung wäre ein volles Ausschöpfen der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. Laut Soldatengesetz ist für Soldaten eine Verpflichtungszeit (als Soldat auf Zeit) von bis zu 20 Jahren möglich. In der Praxis wird davon jedoch nur selten Gebrauch gemacht.[34] Eine solche Flexibilisierung würde auch den Seiteneinstieg von qualifiziertem Fachpersonal erleichtern und erlauben, eine Person mit einer einsatzrelevanten Qualifikation einzustellen oder weiterzuverpflichten, unabhängig von Alter oder Vorbildung.[35] Auch die vorhandenen demografischen Ressourcen ließen sich durchaus besser nutzen. Zum einen könnte man stärker auf Personen mit trainierbaren physischen und kognitiven Fähigkeiten zurückgreifen. Zum anderen bestünde die Möglichkeit, bisher unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen (Frauen sowie ethnische, kulturelle und religiöse Minderheiten mit deutscher Staatsbürgerschaft) verstärkt anzuwerben und bislang ausgeschlossene Gruppen (Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft sowie Ältere) zu legitimieren. Solche Maßnahmen entsprächen auch dem notwendigen ökonomischen Kalkül. Die Erfahrungen europäischer Bündnispartner wie Belgien, Großbritannien, Luxemburg oder Spanien können dafür wichtige Hinweise liefern. Die beschriebenen Handlungsoptionen deuten jedoch auch auf neue Erfordernisse und Herausforderungen bei der Organisation der Streitkräfte hin. Dies gilt vor allem für die militärische Fort- und Weiterbildung, die Bestrebungen um eine höhere Attraktivität des militärischen Dienstes und letztlich die soldatische Identitätsbildung nach den Konzepten der Inneren Führung.
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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.), Bericht des Generalinspekteurs der Bundeswehr zum Prüfauftrag aus der Kabinettsklausur vom 7. Juni 2010, S. 25.
2.
Vgl. National Audit Office; Recruitment and Retention in the Armed Forces, Ministry of Defence, Report by the Comptroller and Auditor General, HC 1633-I Session 2005-2006 (2006), S. 32.
3.
Bundesministerium der Verteidigung, Antwort auf persönliche Anfrage bei Personal-, Sozial- und Zentralabteilung am 29. September 2011.
4.
Bundesministerium der Verteidigung, Antwort auf persönliche Anfrage bei Personal-, Sozial- und Zentralabteilung am 15. November 2011 (Stand November 2011).
5.
Der zukünftige Ergänzungsbedarf ergibt sich aus der laufenden Feinausplanung der neuen Personalstruktur und liegt erst mit dem neuen Personalstrukturmodell im Jahr 2012 vor.
6.
Vgl. Bundesministerium der Verteidigung (Anm. 1), S. 15.
7.
Vgl. Holger Bonin et al., Zukunft von Bildung und Arbeit. Perspektiven von Arbeitskräftebedarf und -angebot bis 2020, IZA Research Report No. 9/2007.
8.
Vgl. Stefan Hradil, Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, Wiesbaden 2004, S. 141.
9.
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.), Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I, Bielefeld 2008; dies. (Hrsg.), Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel, Bielefeld 2010.
10.
Vgl. Bildung in Deutschland 2010 (Anm. 8), S. 90.
11.
Vgl. Bildung in Deutschland 2008 (Anm. 8), S. 90.
12.
Vgl. ebd., S. 82.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. ebd., S. 85.
15.
Vgl. OECD, Education at a Glance, Paris 2009, S. 60.
16.
Vgl. Bildungsbericht 2010 (Anm. 8), S. 122.
17.
Vgl. ebd., S. 13.
18.
Vgl. Ulrich Rohde et al., Leistungsanforderungen bei typischen soldatischen Einsatzbelastungen, in: Wehrmedizinische Monatsschrift, (2007) 5-6, S. 138-142.
19.
Vgl. ebd., S. 138.
20.
Vgl. ebd., S. 139.
21.
Dieter Leyk et al., Adipositas und Bewegungsmangel in Deutschland: Erste Fakten aus der "Physical-Fitness-Test"-Studie, in: Wehrmedizinische Monatsschrift, (2005) 1, S. 13.
22.
Vgl. ebd., S. 13; Dieter Leyk et al., Physical Performance, Body Weight and BMI of Young Adults in Germany 2000-2004: Results of the Physical-Fitness-Test Study, in: International Journal of Sports Medicine, (2006) 27, S. 644.
23.
Vgl. ebd., S. 646.
24.
Vgl. ebd., S. 644.
25.
Vgl. D. Leyk et al. (Anm. 23), S. 13.
26.
Vgl. Thomas Gensicke, Zeitgeist und Wertorientierungen, in: Shell (Hrsg.), Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M. 2006, S. 178-181.
27.
Vgl. Hanne I. Schaffer, Lebenskonzepte und Zeiterfahrungen junger Männer: Zur Bedeutung gewandelter Lebensvorstellungen für die Bundeswehr, München 1992, S. 16.
28.
Vgl. Thomas Bulmahn et al., Ergebnisse der Jugendstudie 2008 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Strausberg 2010, S. 141.
29.
Vgl. ebd., S. 142.
30.
Vgl. ebd., S. 147.
31.
Vgl. Thomas Bulmahn, Berufswahl Jugendlicher und Interesse an einer Berufstätigkeit bei der Bundeswehr: Ergebnisse der Jugendstudie 2006 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Strausberg 2007, S. 42.
32.
Vgl. ebd., S. 41.
33.
Vgl. ebd., S. 56ff.
34.
Vgl. Falk Tettweiler, Die Bundeswehr soll einsatzorientierter werden: Die Strukturkommission steht vor großen Herausforderungen, unveröffentlichtes Manuskript (2010), S. 3.
35.
Vgl. ebd.