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24.11.2011 | Von:
Heiko Biehl
Bastian Giegerich
Alexandra Jonas

Aussetzung der Wehrpflicht. Erfahrungen und Lehren westlicher Partnerstaaten

Militärische Personalgewinnung in Freiwilligenarmeen

Das jahrzehntelange Festhalten an der Wehrpflicht erklärt sich, obwohl deren sicherheitspolitische Legitimation durch den Umbau der Bundeswehr von einer Verteidigungs- zu einer Kriseninterventionsarmee zunehmend erodierte, nicht zuletzt aus den Befürchtungen, die viele politisch und militärisch Verantwortliche hegten und hegen. So eilt Freiwilligenarmeen der Ruf voraus, sie seien Sammelbecken sozialer Unterschichten, die aufgrund von mangelnder Kompetenz und Disziplin zu einem gesellschaftlichen wie sicherheitspolitischen Risiko werden können. Zuletzt hat der Historiker Michael Wolffsohn die damit verbundenen Ängste aktualisiert und der Freiwilligenarmee Bundeswehr eine Zukunft als - kurz zusammengefasst - "verostete Prekariatsarmee" vorausgesagt.[3]

Ein Blick in die Personalstruktur der Partnerarmeen, die ihr Personal ohne Wehrpflicht rekrutieren, rechtfertigt diese überspitzten Annahmen jedoch nicht, sondern lässt ein differenziertes Bild erkennen. Zunächst ist zu beachten, dass sich die Rekrutierung einer Freiwilligenarmee naturgemäß anders gestaltet als die einer Wehrpflichtarmee. Während letztere einen Teil der Bürger schlichtweg dazu zwingt, als Soldat zu dienen, muss erstere viel intensiver um Nachwuchs werben. Dabei steht sie in Konkurrenz zu anderen staatlichen wie zivilen Arbeitgebern und muss (arbeits-)marktfähige Angebote und Anreize aufbieten. Dies führt dazu, dass die Personalausgaben von Freiwilligenarmeen (pro Soldat gerechnet) zumeist deutlich über denjenigen von Wehrpflichtarmeen liegen. Die mit der Aussetzung der Wehrpflicht verknüpfte Hoffnung, Kosten einzusparen, eine Friedensdividende einzustreichen und mehr Mittel für militärische Investitionen zur Verfügung zu haben, kann sich deshalb auch kaum erfüllen.[4]

Mit Blick auf die Rekrutierungserfolge zeigt der Vergleich der Partnerstaaten und -armeen unterschiedliche Entwicklungen und Muster. Es gibt Armeen, denen es schwer fiel und fällt, die eigenen Rekrutierungsansprüche in Zahl und Qualität zu erreichen. Die US-Streitkräfte in den 1970er Jahren sind ein paradigmatisches Beispiel hierfür.[5] Auch die spanischen Streitkräfte mussten zwischenzeitlich ihre Anforderungen, die unter anderem an den Intelligenzquotienten eines Bewerbers geknüpft waren, senken und lösten damit ein verheerendes Echo aus.[6] Des Weiteren wurde in Spanien die Höchstgrenze für Ausländer unter den Rekruten von zwei auf sieben Prozent erhöht, um Rekrutierungsproblemen zu begegnen.[7] Diese Beispiele werden hierzulande gerne kolportiert und halten sich in den Debatten - oftmals ohne neuere Entwicklungen wahrzunehmen.[8]

So sind die US-Streitkräfte gegenwärtig keineswegs mehr ein Sammelbecken sozialer Unterschichten und Minderheiten, sondern bilden die Zusammensetzung der Gesellschaft recht gut ab. Afroamerikaner sind in den US-Streitkräften zwar leicht über-, Hispanics dagegen unterrepräsentiert, während Angloamerikaner in der Armee wie in der Bevölkerung die Mehrheit stellen.[9] Das Bildungsniveau der US-Soldaten liegt über dem der amerikanischen Bevölkerung. Während die Streitkräfte fast ausschließlich Frauen und Männer mit High-School-Diplomen rekrutieren, haben in den USA etwa 30 Prozent der jungen Erwachsenen keinen solchen Abschluss.[10] In den vergangenen Jahren haben die US-Streitkräfte zudem ihre selbst gesetzten Rekrutierungsziele weitgehend erreicht, wobei es gewisse Differenzen zwischen den Teilstreitkräften gibt und es dem Heer für gewöhnlich am schwersten fällt, ausreichend Personal zu gewinnen und zu binden.

Unmittelbar nach dem Ende der Wehrpflicht standen auch die Streitkräfte in Großbritannien vor einem massiven Problem bei der Personalgewinnung. Rekrutierungsziele wurden regelmäßig verfehlt, teilweise um über zehn Prozent. Dauerhaft abmildern ließen sich diese Schwierigkeiten erst durch eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen für die Soldaten und Soldatinnen.[11] Mittlerweile scheint sich das Rekrutierungsproblem in absoluten Zahlen in Großbritannien in Grenzen zu halten. Die offiziellen Statistiken weisen für 2010 - gemessen am Bedarf - ein Defizit von 0,5 Prozent aus. Dieses lag allerdings in jüngerer Zeit (2007-2008) auch schon bei drei Prozent und mehr. Der britischen Marine fällt es im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften schwerer, ihren Bedarf zu decken. Ethnische Minderheiten sind in den britischen Streitkräften insgesamt unterrepräsentiert: 2010 lag ihr Anteil bei 6,6 Prozent der Soldaten und Soldatinnen. Unter den Mannschaften des Heeres ist ihr Anteil mit über zehn Prozent am höchsten. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind sie damit aber immer noch unterrepräsentiert.[12]

In Frankreich gestaltete sich die Rekrutierung von Spezialisten, beispielsweise Informatikern oder Kommunikationstechnikern, aufgrund von Konkurrenzangeboten aus der freien Wirtschaft wiederholt als schwierig. Dennoch lässt sich generell feststellen, dass der Personalbedarf der französischen Streitkräfte gedeckt werden kann und das Personaldefizit bisher nie über 2,2 Prozent (im Jahr 2005) lag, wenngleich die Zahl der Bewerber für Unteroffiziersposten und Mannschaftsdienstgrade rückläufig ist und für diese Berufsgruppen bei ungefähr drei (Unteroffiziere) beziehungsweise unter zwei (Mannschaften) Bewerbern pro Dienstposten liegt.[13] In Spanien lässt nicht zuletzt die exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit den Dienst in den Streitkräften attraktiv erscheinen.[14] Auch Belgien weist mittlerweile keine gravierenden Lücken in der Personalgewinnung mehr auf.[15] In der Tschechischen Republik wurden demgegenüber in den vergangenen Jahren regelmäßig die gesetzten Rekrutierungsziele verfehlt.[16]

In der Gesamtschau stellt sich die personelle Situation von Freiwilligenarmeen somit besser dar, als hierzulande oftmals wahrgenommen und kolportiert. Doch worauf sind die relativen Erfolge der Freiwilligenarmeen in den vergangenen Jahren zurückzuführen? Welche Muster in Rekrutierungsstrategien und Personalpolitik sind zu erkennen?

Zunächst ist festzuhalten, dass die westlichen Streitkräfte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ihre Umfänge erheblich reduziert haben und daher eine viel kleinere Zahl an Soldaten benötigen. Auch die Bundeswehr hat gegenwärtig nur noch halb so viele Soldaten wie 1989, nach der Neuausrichtung wird es nur noch ein gutes Drittel sein. In Frankreich und Großbritannien bewegt sich die Gesamtstärke der Streitkräfte verglichen mit 1989 auf ein Niveau von 50 Prozent zu. In den USA fiel die Reduzierung geringer aus, und die Zahl der Soldaten und Soldatinnen liegt heute auf ungefähr 75 Prozent des Niveaus von 1989. Infolge dieser reduzierten Umfänge benötigen die Streitkräfte natürlich auch eine kleinere Zahl an Bewerbern, um ihren Personalbedarf in quantitativer wie qualitativer Hinsicht zu decken.

In der Personalgewinnung setzen die westlichen Streitkräfte vor allem auf drei Anreizvarianten: Erstens machen sie finanzielle Angebote - neben den regulären Sold treten weitere Vergünstigungen wie freie Heilfürsorge, spezielle Kredite und Rabatte sowie (Weiter-)Verpflichtungsprämien. Zweitens haben die Soldaten die Chance, sich innerhalb oder außerhalb der Streitkräfte aus- und weiterzubilden. Die vielfältigen Bildungsangebote umschließen zivil verwertbare Qualifikationen, die von kurzen Lehrgängen über Berufsausbildungen bis hin zu Studiengängen reichen. Von den erworbenen Kompetenzen und Qualifikationen profitieren Streitkräfte wie Soldaten gleichermaßen. Die Streitkräfte verfügen über kompetentere Soldaten, ziehen insbesondere bildungsbewusste Bürgerinnen und Bürger an und dienen diesen als Vehikel des sozialen Aufstiegs. Drittens bietet der Soldatenberuf die Aussicht auf soziale Anerkennung. Dabei ergänzen sich militärspezifische Anreize wie Kameradschaft und Esprit de Corps sowie gesellschaftliche Anerkennung und soziales Renommee. Gerade wenn die Streitkräfte ein hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen (was derzeit in nahezu allen westlichen Staaten der Fall ist[17] ) und der Soldatenberuf gesellschaftlich geschätzt ist (was für den Offiziersberuf weithin zutrifft, nicht aber für Unteroffiziere und Mannschaften), dann fällt es den Streitkräften in der Regel leichter, geeignetes Personal zu gewinnen.

Durch diesen Mix von Angeboten gelingt es, Personal aus allen sozialen Schichten und Milieus zu gewinnen. Es bestehen aber in vielen westlichen Freiwilligenarmeen regionale Schwerpunkte der Personalgewinnung: in den USA der Süden,[18] in Italien der Süden und in Deutschland die ostdeutschen Bundesländer - also oftmals sozioökonomisch schwächere Regionen. Hier sind die Streitkräfte ein attraktiver Arbeitgeber, nicht zuletzt aufgrund mangelnder Alternativen. Dies darf allerdings nicht mit fehlenden sozioökonomischen oder Bildungsressourcen auf der individuellen Ebene gleichgesetzt werden. Auch wenn viele westliche Streitkräfte einen überproportionalen Anteil ihres Personals aus strukturschwachen Gegenden gewinnen, lässt dies keine Rückschlüsse auf dessen Qualifikation zu.

Insgesamt wäre die Personalsituation in den westlichen Streitkräften sicherlich problematischer, wenn diese sich nicht für Bevölkerungsgruppen geöffnet hätten, denen lange Zeit der Weg in die Streitkräfte versperrt war. An erster Stelle sind in diesem Zusammenhang Frauen zu nennen. Diese können mittlerweile in den westlichen Armeen ihren Dienst verrichten. Allerdings bestehen in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Einschränkungen hinsichtlich der militärischen Verwendungen - die komplette Öffnung, wie sie die Bundeswehr 2001 vollzogen hat, ist im internationalen Vergleich eher die Ausnahme. In einigen NATO-Armeen stellen Frauen, dessen ungeachtet, einen wesentlichen Teil des Personals. In Frankreich, Kanada, Lettland, Portugal, Slowenien und Ungarn sind es nach NATO-Angaben jeweils zwischen 14 und 23 Prozent. Demgegenüber stehen Italien, Polen und Rumänien mit jeweils drei Prozent oder weniger am anderen Ende der Skala.[19]

Einige Streitkräfte haben in den vergangenen Jahren auch die Restriktionen für die Anerkennung und Verwendung homosexueller Soldaten reduziert. Zwar gab es stets Homosexuelle in den Streitkräften, doch deren militärische und rechtliche Anerkennung hat sich erst in letzter Zeit vollzogen und ist noch nicht in allen Streitkräften durchgesetzt. Weiterhin schließen sich in den vergangenen Jahren vermehrt Personen mit Migrationshintergrund und Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten den Streitkräften an, da diese für sie eine attraktive Integrations- und Aufstiegsinstanz darstellen. Noch einen Schritt weiter gegangen ist die belgische Armee, die EU-Ausländer als Soldaten aufnimmt, sowie die spanischen Streitkräfte, in denen Südamerikaner dienen und dadurch die spanische Staatsangehörigkeit erlangen können.[20]

Die diversen Erweiterungen ihres Rekrutierungspools sind ein wesentlicher Garant für die derzeit recht günstige personelle Situation der meisten westlichen Streitkräfte. Der Verzicht auf gezielte Ausgrenzungen erhöht das Potenzial geeigneter Soldaten, auch wenn diese Veränderungen nicht alleine den Rekrutierungsbemühungen, sondern ebenso sicherheitspolitischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Entwicklungen geschuldet sind.

Wie diese Veränderungen, die eine kulturelle Pluralisierung in den westlichen Streitkräften mit sich bringen, zu bewerten sind, darüber gehen die Auffassungen auseinander: Militärische Traditionalisten sehen darin nicht nur den Verlust von bewährten Standards, der zu militärischen Funktions- und Fähigkeitseinbußen führe. Für sie sind die Entwicklungen oft Ursache und Ausdruck einer gesellschaftlichen Marginalisierung des Militärs.[21] Progressive Stimmen erachten hingegen die Anpassung der militärischen Personalstruktur an die Zusammensetzung der Bevölkerung als normative Notwendigkeit, die zugleich funktionale Vorteile aufweist. Denn den Streitkräften stünden nun vielfältigere Fähigkeiten zur Verfügung, die gerade in den komplexen Einsätzen der Gegenwart gefordert seien. Zudem sei es einer Demokratie angemessen, dass alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen Zugang zu den Streitkräften haben.[22] Sozial repräsentative Streitkräfte erhöhten die Legitimation in der heimischen Gesellschaft wie in den Einsatzländern gleichermaßen. In der Folge dienten sie der Einbindung der Freiwilligenarmeen in die zivile Gesellschaft.

Fußnoten

3.
Vgl. Michael Wolffsohn, Das Militär verostet, in: Die Welt vom 5.4.2011. Verteidigungsminister de Maizière hat die Thesen Wolffsohns entschieden zurückgewiesen. Vgl. Thomas de Maizière, Die Bundeswehr ist keine Unterschichtenarmee, in: Die Welt vom 12.4.2011.
4.
Vgl. D. Buch (Anm. 1), S. 47.
5.
Vgl. Morris Janowitz/Charles C. Moskos, Racial Composition in the All-Volunteer Force, in: Armed Forces & Society, 1 (1974) 1, S. 109-123; Beth Bailey, America's Army. Making the All-Volunteer Force, Cambridge-London 2009, S. 88ff.
6.
Vgl. Beatriz Frieyro de Lara, The Professionalization Process of the Spanish Armed Forces, in: T. Szvircsev Tresch/C. Leuprecht (Anm. 1), S. 88.
7.
Vgl. B. Giegerich/A. Nicoll (Anm. 2), S. 62.
8.
Vgl. Egon Ramms, Der Soldatenberuf muss akzeptiert werden, online: www.heute.de/ZDFheute/inhalt/19/0,3672,
8240275,00.html (25.5.2011).
9.
Vgl. Army Profile, Army demographics FY 10. Department of the Army, Office of Army Demographics, Washington 2010; B. Bailey (Anm. 5), S. 254ff.; Jason K. Dempsey, Our Army. Soldiers, Politics, and American Civil-Military Relations, Princeton-Oxford 2010, S. 37; Rand Corporation, The Evolution of the All-Volunteer Force, Research Brief, Santa Monica u.a. 2006, S. 2.
10.
Vgl. B. Bailey (Anm. 5), S. 253; J.K. Dempsey (Anm. 9), S. 38; Rand Corporation (Anm. 9), S. 2.
11.
Vgl. C.Williams/B. H. Seibert (Anm. 1), S. 16-17.
12.
Vgl. Defence Analytical Services and Advice, UK Defence Statistics 2010, online: www.dasa.mod.uk/modintranet/UKDS/
UKDS2010/chapter2.php (10.10.2011).
13.
Vgl. C. Williams/B. H. Seibert (Anm. 1), S. 13-15.
14.
Vgl. B. Frieyro de Lara (Anm. 6).
15.
Vgl. Philippe Manigart, Ending the Draft. The Case of Belgium, unveröffentlichtes Manuskript 2011.
16.
Vgl. Bohuslav Pernica/Tomá Zipfel, Czech Armed Forces' Professionalization versus the Labour Market, in: T. Szvircsev Tresch/C. Leuprecht (Anm. 1), S. 165-180.
17.
Vgl. Heiko Biehl, Das Ansehen des Soldatenberufs. Vertrauen in die Berufsgruppe der Militärs, in: if. Zeitschrift für Innere Führung, 53 (2009) 3, S. 52-55.
18.
Vgl. B. Bailey (Anm. 5), S. 259; J.K. Dempsey (Anm. 9), S. 42.
19.
Vgl. Anita Schjolset, NATO and the Women: Exploring the Gender Gap in the Armed Forces, Peace Research Institute Oslo (PRIO), Oslo 2010, S. 28.
20.
Vgl. B. Frieyro de Lara (Anm. 6), S. 181-193.
21.
Vgl. Martin van Creveld, Frauen und Krieg, Hamburg 2001.
22.
Vgl. Christian Leuprecht, Socially Representative Armed Forces. A Demographic Imperative, in: T. Szvircsev Tresch/ders. (Anm. 1), S. 35-54.