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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Wirkung in Freiwilligendiensten - die Theorie

Mit Weltwärts schwappen nicht nur Millionen Euro, sondern auch Terminologien, Trends und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit in ein Politik- und Arbeitsfeld, das historisch eher der Jugendpolitik zugehörig ist. Einer dieser Trends ist die wirkungsorientierte Planung, Durchführung und Evaluation von (entwicklungs-)politischen Maßnahmen. Die Freiwilligendienstszene hat sich rasch an den mit Weltwärts verbundenen Geldsegen gewöhnt, Teile von ihr fremdeln jedoch noch etwas mit den damit verbundenen Rechenschaftspflichten und der Debatte um die Wirksamkeit ihres Handelns.

Wirkung soll hier gängig definiert werden als die Veränderung eines Zustandes oder einer Verhaltensweise aufgrund einer Intervention. Dabei muss ein ursächlicher, zumindest aber plausibler Zusammenhang zwischen der Veränderung und der Intervention herstellbar sein. Doch vor der Wirkung stehen Input und Output, veranschaulicht am Beispiel eines Freiwilligendienstes: Input sind die materiellen und personellen Ressourcen, die dafür zur Verfügung gestellt werden, wie finanzielle Förderung, organisatorische und pädagogische Infrastruktur von Trägern und Einsatzstellen und nicht zuletzt die Arbeitskraft der Freiwilligen. Der Output besteht beispielsweise in der Anzahl der durch den Freiwilligen in einem Gesundheitsprojekt behandelten Kranken. Doch damit ist noch nichts über die Qualität der Behandlung, also der Intervention, gesagt. Das entscheidende Qualitätsmerkmal besteht vielmehr darin, ob und in welchem Ausmaß die intendierten Wirkungen erzielt werden.[2] In diesem Beispiel bestünde die Wirkung in einem verbesserten Gesundheitszustand der behandelten Patienten.

Dieses Schema - auf Input folgt Output folgt Wirkung - ist konzeptionelle Grundlage unzähliger Evaluationen und Policy-Analysen in unterschiedlichen Politikfeldern. Das genannte Beispiel stellt jedoch nur einen Ausschnitt der im Rahmen von Freiwilligendiensten ablaufenden Wirkungsprozesse dar - die Realität ist komplexer und vielfältiger. Aus dem Verständnis des Freiwilligendienstes als Lerndienst erwächst hinsichtlich des Wirkungsmechanismus eine Dyade aus Bewirken und Bewirkt-Werden als besonderes Charakteristikum und gleichzeitig konstituierendes Merkmal von Freiwilligendiensten: Einerseits sollen natürlich die Einsatzstellen beziehungsweise deren Klienten oder "Endbegünstigte" aus der Tätigkeit der Freiwilligen einen Nutzen ziehen; im Beispiel oben also das Gesundheitsprojekt beziehungsweise die Patienten. Andererseits stehen, insbesondere bei den internationalen Diensten, die Freiwilligen selbst im Mittelpunkt der Wirkungsbemühungen. Daraus ergibt sich die kuriose Situation, dass sich in der Person der Freiwilligen zugleich Efficiens (das Bewirkende) und Efficiendum (das zu Bewirkende) vereinigen, ihr Handeln ist - je nach Perspektive - Input und Output zugleich. Für die internationalen Dienste kommt hinzu, so zumindest explizit im Fall Weltwärts, dass die Freiwilligen nach ihrer Rückkehr auch in Deutschland "ihre Auslandserfahrungen aktiv in der Gesellschaft einbringen"[3] sollen. Damit stehen die Freiwilligen im Zentrum eines dreistufigen Wirkungsmodells (siehe Abbildung der PDF-Version).

Die Stufen 1 und 2 verlaufen synchron: Die Freiwilligen wirken durch ihre Tätigkeit in der Einsatzstelle und veranlassen durch ihre pure Anwesenheit informelle Lernprozesse in ihrem gesellschaftlichen Mikroumfeld (Stufe 1). Gleichzeitig durchlaufen sie selbst Lernerfahrungen, die zurückzuführen sind auf ihre Tätigkeit und auf die Interaktion mit ihrem Mikroumfeld (Stufe 2). Die Gesamtheit der während des Dienstes gemachten Erfahrungen wiederum wirkt als Motivator und Katalysator für ein Engagement auch nach dem Dienst (Stufe 3).

Die synchrone Dyade aus aktiv Bewirken und passiv Bewirkt-Werden, oft noch zusätzlich verbunden mit dem Ziel eines zeitlich nachgelagerten Engagements, ist charakteristisch für Freiwilligendienste. Seine theoretische Fundierung erfährt dieses Modell durch die Sozialtheorie der Reziprozität, die auf die Theorie der Gabe des französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss zurückgeht.[4] Demnach ist jedes Geben mit einer Gegengabe verknüpft, wodurch soziale Beziehungen entstehen und die klassische Dichotomie aus Altruismus und Egoismus aufgehoben wird.

Fußnoten

2.
Vgl. Reinhard Stockmann, Evaluation und Qualitätsentwicklung. Eine Grundlage für wirkungsorientiertes Qualitätsmanagement, Münster u.a. 2006, S. 101.
3.
Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Hrsg.), Richtlinie zur Umsetzung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes "weltwärts", Bonn 2007, S. 6.
4.
Vgl. Alain Caillé, Anthropologie der Gabe, Frankfurt/M.-New York 2008; Frank Adloff/Steffen Mau, Vom Geben und Nehmen: Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt/M.-New York 2005; Marcel Mauss, Die Gabe - Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1990.