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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Wirkung in Freiwilligendiensten - die Empirie

Die Wirkungsdiskussion wurde lange Zeit gar nicht, und wenn, dann überwiegend akademisch und recht abgekoppelt von der Praxis geführt. Zaghafte Annäherungen an die praktische Arbeit erfuhr die Wirkungsdebatte durch Überlegungen, im Rahmen von Qualitätsmanagement-Instrumenten wie dem QUIFD-Gütesiegelverfahren[5] neben Struktur- und Prozess- auch Ergebnisqualität, also Wirkungen, ins Visier zu nehmen, sowie durch den bereits skizzierten Spillover-Effekt aus der Entwicklungszusammenarbeit, ausgelöst durch die Einführung von Weltwärts. Die Wirkungsdebatte wurde von den Praktikern zunächst eher verhalten aufgenommen; heute schwankt die Szene zwischen Überzeugungstätern auf der einen und offener Ablehnung auf der anderen Seite. Die meisten werden eine Haltung zwischen diesen beiden Polen einnehmen. Kritiker der Wirkungsorientierung befürchten Tendenzen, Engagement zu ökonomisieren und utilitarisieren, führen normativ-methodische Gründe ins Feld ("Menschen kann man nicht messen") oder interpretieren den staatlichen Ruf nach Wirkung als unzulässige Einmischung in die zivilgesellschaftliche Durchführungshoheit der Dienste.

Wenn sich in diesem Abschnitt die Befunde eher auf der Output- und weniger auf der Wirkungsebene befinden sollten, ist dies nicht dem Konzept Input-Output-Wirkung anzulasten. Es veranschaulicht vielmehr den Entwicklungsbedarf, den Freiwilligendienste bezüglich Evaluation und Wirkungsorientierung teilweise noch aufweisen. Und es ist ein Indikator für die Komplexität und den Aufwand, der mit der Durchführung von wirkungsorientierten Evaluationen verbunden ist.[6] Das ganze Dilemma verdeutlicht eine Meta-Studie über die bisherige Wirkungsforschung zu Freiwilligendiensten in Europa. Das traurige Fazit nach der Analyse von 40 Veröffentlichungen: "Stop wasting money on traditional evaluation approaches which provide at best anecdotal evidence of voluntary service impact."[7] Teil der Problematik ist die fehlende Wissenschaftlichkeit der Studien: Nur wenige der 40 näher untersuchten Arbeiten halten den wissenschaftlichen Ansprüchen an ein akzeptables Forschungsdesigns stand.[8] Freiwilligendienste sind nur in Ausnahmefällen ein Studienobjekt unabhängiger, etwa universitärer, Forschung. Die meisten Erkenntnisse stammen aus grauer Literatur oder Evaluationen, die entweder durch die jeweiligen Förderer oder Programmverantwortlichen in Auftrag gegeben oder sogar selbst von ihnen durchgeführt wurden. Neben mangelnden finanziellen und fachlichen Ressourcen sowie forschungspraktischen Herausforderungen in der Erfüllung sozialwissenschaftlicher Standards besteht das Hauptproblem der Wirkungsforschung in Freiwilligendiensten in einem mangelnden oder eindimensionalen Methodenverständnis vieler relevanter Akteure. Gepaart mit den genannten Schwierigkeiten führt dies zu Problemen wie fehlende Kontrollgruppen (kein Vergleich mit Nicht-Freiwilligen möglich); dem Vorherrschen von Querschnitt- über Längsschnittdesigns (kein Vorher-Nachher-Vergleich möglich); zur Vernachlässigung quantitativer Methoden, die über rein deskriptive Statistik hinausgehen, sowie im Bereich der internationalen Dienste zu einem Evaluationsverständnis, das sich zu oft mit anekdotischer Evidenz zufrieden gibt. Die Aussagen vieler Studien sind daher leider mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Eines hingegen macht Hoffnung: "You get the impact you program for."[9] Das heißt: Wirkung ist nicht nur ex post rekonstruierbar, sondern auch ex ante steuerbar. Eine Botschaft, die sich die Akteure, die für die Steuerung von Freiwilligendiensten verantwortlich sind, sowohl auf politischer als auch auf Durchführungsebene zu Herzen nehmen sollten.

Fußnoten

5.
Qualität in Freiwilligendiensten, online: www.quifd.de (24.10.2011).
6.
Vgl. Gloria Possart, Wirkungen von Freiwilligendiensten. Ein Beitrag zur Qualifizierung der Praxis, Masterthesis an der Alice Salomon Fachhochschule Berlin, 2006, S. 56.
7.
Steve Powell/Esad Bratovi, The impact of long-term youth voluntary service in Europe: A review of published and unpublished research studies, Brüssel 2007, S. 7.
8.
Vgl. ebd., S. 22-24.
9.
Ebd., S. 42.