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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Wirkung auf die Freiwilligen

Die Freiwilligen als das zu Bewirkende, das Efficiendum, stehen im Mittelpunkt des Interesses von Wissenschaft und Praxis,[10] eine logische Folge des Verständnisses von Freiwilligendiensten als Lerndienste. Doch wer sind diese Freiwilligen überhaupt? Die meisten haben gerade ihre Schulzeit beendet und leisten ihren Freiwilligendienst in nahezu direktem Anschluss daran.[11] Stellvertretend für alle Freiwilligendienste gilt die Aussage, dass weder die Bewerberstruktur noch die tatsächliche Zusammensetzung der Freiwilligen "die bundesrepublikanische Realität der Jugendlichen widerspiegelt".[12] Im Vergleich zur Wohnbevölkerung in Deutschland haben Freiwillige überproportional oft das Abitur oder eine andere Hochschulzugangsberechtigung erworben, stammen überproportional oft aus höheren sozialen Schichten mit gutem materiellen Lebensstandard, haben häufiger die deutsche Staatsangehörigkeit, kommen (im Fall Weltwärts) häufiger aus den westdeutschen Bundesländern und sind häufiger weiblich.[13] Das heißt im Umkehrschluss: Ehemalige Haupt- und Realschüler, Jugendliche aus niedrigeren sozialen Milieus, Jugendliche mit Migrationshintergrund, Ostdeutsche und Männer sind unterrepräsentiert. Letzteres lässt sich noch teilweise erklären mit der Wehrpflicht, die zum Zeitpunkt aller zitierten Erhebungen noch in Kraft war und vielen Männern den Zivil- oder Wehrdienst als Pflichtdienst bescherte.

Die Hintergründe dieser ungleichen Teilnehmerstruktur können hier weder tiefer analysiert noch bewertet werden. Aus den Freiwilligensurveys wissen wir, dass Engagementverhalten größtenteils mit den in der erstgenannten Auflistung erwähnten Attributen positiv korreliert (Ausnahme: Frauen).[14] Beispiel Schulabschluss: Jugendliche mit Abitur interessieren sich eher für Freiwilligendienste als Hauptschüler und bewerben sich daher häufiger (Selbstselektion). Diese Verzerrung scheint verstärkt zu werden durch die Auswahlprozesse vieler Träger (Fremdselektion). Methodisch ist dies nicht ganz einfach zu erfassen, aber in einem Fall ist es empirisch belegt: Das Auswahlverfahren wirkt als Katalysator, um die ohnehin schon hohe Abiturientenquote bei den Bewerbern in eine noch höhere Abiturientenquote bei den tatsächlich ausgewählten Freiwilligen zu verwandeln.[15] Auch im Fall von Weltwärts ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der Abiturientenanteil von 97 Prozent die Bewerberstruktur exakt widerspiegelt, was zumindest im Aggregat eine ähnliche Abiturientenaffinität auch der Weltwärts-Entsendeorganisationen nahe legt.

Zurück zu den Wirkungen: Freiwilligendienste sind keine Lernorte der formalen, sondern der informellen beziehungsweise nicht-formalen Bildung. In diesem Kontext manifestiert sich Lernen (und auch Wirkung) als Veränderung in Wissen, Verhalten und Einstellung. Der Kompetenzerwerb der Freiwilligen beginnt mit der Aneignung von Qualifikationen, die für die Durchführung der täglichen Arbeit in der Einsatzstelle wichtig sind. Im Gegensatz zu schulischem Lernen sind nun die Lernprozesse "auf inhaltlich und zeitlich enge Verknüpfung zwischen Lernen und Handeln hin angelegt".[16] Für viele Freiwillige ist der Beginn des Dienstes auch gleichbedeutend mit dem erstmaligen intensiveren Kontakt zur Berufswelt, womit auch die soziale, kommunikative und verbindliche Zuordnung in Mitarbeiter- und Teamstrukturen einhergeht - ein Neuland, das folglich Lern- und Orientierungsprozesse auslöst.[17] Neben dem konkreten, nicht nur für die aktuelle Tätigkeit, sondern gegebenenfalls auch für die weitere berufliche Laufbahn wichtigen berufsqualifizierenden Wissen steht bei den Freiwilligen die Persönlichkeitsentwicklung ganz weit oben auf der Liste der Wirkungen, und zwar sowohl bei den nationalen als auch bei den internationalen Diensten.

Im FSJ beispielsweise sehen die Freiwilligen die Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung vor allem darin, dass sie selbstständiger in der Arbeit geworden sind, selbstsicherer in ihrem Auftreten und dass sie eher bereit sind, für andere Verantwortung zu übernehmen.[18] Ähnlich schätzen die FSJ Kultur-Freiwilligen den Kompetenzerwerb in den Dimensionen Eigenverantwortung, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein am höchsten ein.[19] Im Europäischen Freiwilligendienst wurde die Kompetenz, sich in unsicheren und neuen Situationen zurechtfinden zu können, von den Freiwilligen als wichtigste Lernerfahrung eingestuft.[20] In ähnlicher Weise berichtet die Weltwärts-Evaluation, versehen mit dem methodischen Plus einer zumindest approximativen Längsschnittstudie, von gestiegener Handlungskompetenz der Freiwilligen genauso wie von einem gewachsenen Selbstbewusstsein, höherer Selbstständigkeit und größerem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Interessanterweise attribuieren dabei nicht alle Befragten diesen Kompetenzgewinn direkt ihrer Projektarbeit, sondern machen dafür auch das selbstständige Wohnen und Reisen im Land verantwortlich.[21] "Mehr Selbsterkenntnis" als "Voraussetzung für interkulturelles, globales und persönlichkeitsbezogenes Lernen" fasst eine Studie die Wirkungen auf Weltwärts-Freiwillige in Südafrika zusammen.[22] Im FSJ Kultur wird insgesamt von den Freiwilligen der Erwerb von "personalen" Kompetenzen im Rückblick etwas wichtiger bewertet als der Zuwachs an Sozialkompetenzen und viel wichtiger als die neu erworbenen Methodenkompetenzen.[23] Gerade im Bereich Persönlichkeitsentwicklung gilt es jedoch zu bedenken: Ob mit oder ohne Freiwilligendienst - es ist relativ schwierig, sich in diesem jugendlichen Alter über einen Zeitraum von einem Jahr nicht persönlich weiterzuentwickeln.

Ein weiteres wichtiges Lernfeld betrifft den Bereich der Berufsorientierung. Die Erwartung, während des Dienstes ein neues Berufsfeld kennenzulernen, erfüllt sich für nahezu alle Freiwilligen (stellvertretend: 96 Prozent im FSJ, 91 Prozent im FÖJ) und bewirkt in allen Dienstarten eine Klärung des eigenen Berufsziels, das heißt, das ursprüngliche Berufsbild wird entweder bestärkt oder verworfen; der Dienst hat aber in jedem Fall einen "maßgeblichen Einfluss" darauf.[24] Dies kann sich auch darin äußern, dass am Ende eine bewusste Entscheidung gegen das im Dienst kennengelernte Berufsfeld getroffen wird: So sinkt beispielsweise bei den Weltwärts-Freiwilligen das grundsätzliche Interesse an einer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit von 91 Prozent vor dem Dienst auf 84 Prozent danach.[25] Ein immer noch hoher Wert, den das Entwicklungsministerium als Geldgeber, das den Dienst auch als "Nachwuchsförderung im entwicklungspolitischen Berufsfeld"[26] verstanden wissen will, wohl eher in der Rubrik "nicht-intendierte Wirkungen" verbucht. Neben der Berufsorientierung erwarten manche Freiwillige, dass sich durch den Dienst ihre Zugangschancen zu Ausbildung und Beruf erhöhen; eine Erwartung, die sich in ihrer eigenen Wahrnehmung erfüllt.[27]

Aufgrund der Tätigkeit im Ausland sind einige Wirkungen den internationalen Freiwilligendiensten vorbehalten. Die Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse ist wichtiger Teil der Motivationslage der Freiwilligen für einen solchen Dienst, und es ist wenig überraschend, dass der Zuwachs an Sprachkompetenz empirisch auch eintritt.[28] Etwas abstrakter sind die interkulturellen Kompetenzen, die erworben und der Lerndimension "Einstellung" zugeordnet werden. Dazu gehört unter anderem die Fähigkeit, "sich verstehend und kooperierend auf andere Orientierungen und Deutungsmuster des Gastlandes einzulassen und gegebenenfalls die eigenen zu relativieren und zu hinterfragen".[29] In dem Zusammenhang werden manche Freiwillige regelrecht zum Fan ihres Gastlandes, gewinnen gleichzeitig Verständnis für die Schwierigkeiten in Deutschland lebender Ausländer oder lernen auch das eigene Heimatland stärker schätzen.[30] Auch Weltwärts-Freiwillige entwickeln während des Dienstes ein Bewusstsein für kulturelle Unterschiede und vorhandene Vorurteile.[31] Im Fall der "Bereitschaft zur Perspektivübernahme" (verstanden als Bereitschaft, Perspektiven anderer Personen einzunehmen beziehungsweise Fragen von unterschiedlichen Seiten zu betrachten) ging die persönliche Entwicklung der Freiwilligen sogar so weit, dass sich ihr Referenzrahmen während des Dienstes stark verschob: Der Anteil derer, die hier eine hohe Selbsteinschätzung vornahmen, sank von 71 Prozent vor dem Dienst auf 41 Prozent danach. Dies wird interpretiert als eine Korrektur der naiv überhöhten Selbsteinschätzung vor dem Dienst, "die in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Lebensumständen auf ein realistischeres Niveau gebracht"[32] wurde. Auch die Untersuchungen zum Nord-Süd-Verständnis, etwa bezüglich der ungleichen Verteilung von Armut und Reichtum, zeigen, dass die Freiwilligen hier eine dynamische und komplexe Entwicklung durchmachen, gespeist durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten vor Ort.[33]

Fußnoten

10.
Vgl. G. Possart (Anm. 6), S. 37.
11.
Vgl. Andrea Rahrbach/Werner Wüstendörfer/Thomas Arnold, Untersuchung zum Freiwilligen Sozialen Jahr, Stuttgart u.a. 1998, S. 76; Roland Becker et al., Lern- und Bildungsprozesse im europäischen Freiwilligendienst. Band 1: Jugend für Europa - Deutsche Agentur Jugend, Bonn 2000, S. 10; Dietrich Engels/Martina Leucht/Gerhard Machalowski, Evaluation des freiwilligen sozialen Jahres und des freiwilligen ökologischen Jahres, Wiesbaden 2008, S. 139; BMZ (Hrsg.), Evaluierung "Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst Weltwärts". Hauptbericht, Hamburg 2011, S. 37. (Der Verfasser dieses Artikels war bis März 2011 in seiner ehemaligen Funktion als Mitarbeiter des Weltwärts-Sekretariat Mitglied der Referenzgruppe zur Begleitung der Weltwärts-Evaluierung)
12.
Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) (Hrsg.), EngagementPLUSTatkraft. Empirische Ergebnisse aus dem Engagementfeld Kultur, Berlin-Remscheid 2007, S. 10.
13.
Die Anteile variieren nach Dienstart und Stichprobe; die Abiturientenquote etwa zwischen 47 und 97 Prozent. Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11); Jürgen E. Schwab/Michael Stegmann, Das freiwillige Engagement im FSJ aus Sicht von Teilnehmer(inne)n, in: Marianne Schmidle/Uwe Slüter (Hrsg.), Das Freiwillige Soziale Jahr zeigt Wirkung, Düsseldorf 2010; A. Rahrbach et al. 1998 (Anm. 11); R. Becker et al. (Anm. 11); BKJ (Anm. 12); BMZ (Anm. 11).
14.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Zusammenfassung, München 2010, S. 4.
15.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 13-14.
16.
J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 22.
17.
Vgl. ebd., S. 23.
18.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 169.
19.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 20.
20.
Vgl. R. Becker et. al. (Anm. 11), S. 32.
21.
Vgl. BMZ 2011 (Anm. 11), S. 41.
22.
Brigitte Schwinge, Verkehrte Welten: Über die Umkehrung der Verhältnisse von Geben und Nehmen. Der Weltwärts-Freiwilligendienst als Selbstbehandlung im Kulturkontakt zwischen Deutschland und Südafrika, Bonn 2011, S. 7.
23.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 19.
24.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 164, S. 166.
25.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 38.
26.
BMZ (Anm. 3), S. 4.
27.
Vgl. J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 43.
28.
Vgl. R. Becker et al. (Anm. 11), S. 28; A. Rahrbach et al. 1998 (Anm. 11), S. 293; BMZ (Anm. 11), S. 33; Deutsche Unesco-Kommission (Hrsg.), Erster "Kulturweit"-Bericht 2009-2010, Berlin 2011, S. 22.
29.
R. Becker et al. (Anm. 11), S. 40.
30.
Vgl. ebd., S. 40-41.
31.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 36.
32.
Ebd., S. 35.
33.
Ebd., S. 37.