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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Wirkung in den Einsatzstellen

Die Stufe 2 im Wirkungsmodell bezeichnet die Wirkungen der Freiwilligen auf die Einsatzstellen. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände sind die FSJ-Freiwilligen "in ihrer Hilfe- und Unterstützungsfunktion für unsere Dienste und Einrichtungen, für deren Mitarbeiter(innen) aber auch für deren Kund(in)nen wichtig. Durch sie sind eine Entlastung der Fachkräfte, zusätzliche Angebote und damit mehr Zeit für persönliche Ansprache und Zuwendung möglich. Die FSJ-Freiwilligen bringen eine zusätzliche Qualität ein, als junge Menschen, mit dem Blick von außen, mit frischem Elan. Und das ist eine Bereicherung für jede Einrichtung."[34] Diese Charakterisierung darf als stellvertretend für viele Einsatzstellen im Inland gelten. Die FSJ/FÖJ-Evaluation zeigt, dass es Einsatzstellen auch um Kostenreduzierung und um Arbeitsentlastung geht, Freiwillige aber auch zur Verbesserung des Arbeitsklimas beitragen. Im FSJ Kultur benennen Einsatzstellen ebenfalls vorrangig die inhaltlichen Nutzenargumente von Freiwilligen, "die letztlich Einfluss auf die internen operativen Prozesse haben":[35] qualitätsvolle Arbeitsunterstützung, positive Arbeitsatmosphäre, zielgruppennahe Perspektive und neue Impulse.

Daneben wird von den Einsatzstellen ein weiterer Aspekt erstaunlich oft genannt: Personalgewinnung. Für FSJ- und FÖJ-Einsatzstellen ist dieser Aspekt sogar am wichtigsten,[36] da gute Freiwillige immer auch gute potentielle Mitarbeiter sind. Dabei muss sich die Rekrutierungsfunktion des Dienstes nicht auf hauptamtliche Mitarbeiter beschränken. Ehemalige Freiwillige werden auch identifiziert als potentielle Ehrenamtliche, Spender, Befürworter von Investitionen im sozialen Bereich und nicht zuletzt als Wähler(!).[37] Das Urteil der Einsatzstellen bezüglich der besseren Versorgung der jeweiligen Zielgruppe, also letztlich der Endbegünstigten, erscheint zwiespältig: 46 (FSJ) beziehungsweise 49 Prozent (FÖJ) beurteilen den Nutzen in dieser Hinsicht (eher) groß, mehr als die Hälfte jedoch als (eher) gering.[38]

Im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Weltwärts werden die Startbedingungen für eine sachliche Wirkungsdebatte schon allein dadurch erschwert, dass die Mittel für den Dienst aus dem Etat des Entwicklungsministeriums stammen. Die breite Öffentlichkeit und Teile der Fachöffentlichkeit leiten daraus einen Wirkungsanspruch an Weltwärts ab, der sich mindestens zu messen habe mit dem anderer Instrumente der sogenannten personellen Zusammenarbeit. Das ist in Anbetracht des jugendlichen Alters und der Qualifikationen der meisten Weltwärts-Freiwilligen unangemessen. Problematischer ist jedoch, so eine Weltwärts-Studie zu Südafrika, dass die Freiwilligen diese Erwartungshaltung oft annehmen und mit sich in die Einsatzstellen tragen, die wiederum mit soviel Wirkungs- und Tatendrang auch überfordert sein können.[39]

Ein weiterer elementarer Unterschied zu den nationalen Diensten besteht darin, dass die Einsatzstellen im Ausland eine enorme Integrations- und Betreuungsarbeit leisten, die insbesondere zu Beginn des Dienstes Ressourcen wie Zeit und Nerven kostet. Aus Sicht der Einsatzstellen schmälert dies zumindest vordergründig den Netto-Nutzen des Dienstes. Dass dieser grundsätzlich negativ sei, wie gelegentlich behauptet wird,[40] ist hingegen nicht nur reziprozitätstheoretisch nicht haltbar, sondern vor allem empirisch nirgends belegt. Im Gegenteil, Befragungen von Einsatzstellen ergeben, "dass diese einen weitaus stärkeren Nutzen von den Freiwilligen verspüren, als die Freiwilligen bisweilen glauben".[41] Kulturweit-Einsatzstellen attribuieren den Freiwilligen jedenfalls nahezu unisono einen (nicht näher definierten) Mehrwert.[42] Auf Ebene der Stärkung der Handlungskompetenz der Einsatzstellen kann der Nutzen darin bestehen, dass die Freiwilligen Wissen und Kompetenzen, beispielsweise Kenntnisse im IT-Bereich oder in Unterrichtsmethoden, in die Projekte einbringen. "Hierbei werden bestehende Abläufe und Praktiken hinterfragt und aus einer anderen kulturellen Perspektive betrachtet, wie beispielsweise Unterrichtsformen, Gewalt gegenüber Kindern oder den Umgang mit HIV-Infizierten. Dieser durch informellen interkulturellen Austausch erzeugte Wissenstransfer führt vereinzelt dazu, dass Abläufe in der Einsatzstelle angepasst werden. Beispielsweise werden Unterrichtssätze verändert, Hygienemaßnahmen intensiviert oder Organisationsstrukturen innerhalb der Einsatzstelle optimiert."[43] Auf einer anderen Ebene befinden sich solche Wirkungen, nach denen die Anwesenheit der Freiwilligen für die Einsatzstellen mit einem Zugewinn an Sichtbarkeit, Reputation und Bedeutung verbunden ist, der sich nützlich erweisen kann etwa im Umgang mit Behörden.[44]

Eine weitere Wirkung der Kategorie Symbolik kehrt das Bild der Hilfe um: Einsatzstellen erfahren sich nicht nur als Hilfeempfänger, sondern auch als Hilfeleister. "Gerade die emotionale Unterstützung und informelle Ausbildung, die viele Mitglieder der Einsatzstellen den Freiwilligen anbieten, wirkt sich positiv auf das Selbstverständnis solcher Organisationen aus. Die Verkehrserfahrung, einem reichen, technologisch hoch entwickelten Land wie Deutschland über die Ausbildung seiner Jugend Hilfe zukommen zu lassen, leistet einen nachhaltigen Beitrag für das Selbstbewusstsein der lokalen Organisationen."[45]

Systematische Untersuchungen hinsichtlich der Wirkung der Freiwilligen auf die Endbegünstigten sind mir nicht bekannt. Immerhin geben 89 Prozent der befragten Weltwärts-Einsatzstellen an, dass deren jeweilige Zielgruppe vom Einsatz der Weltwärts-Freiwilligen profitiere.[46] Anekdoten berichten von Fällen wie dem in Indien, wo das von Freiwilligen eingeführte "Schulbesuchsdokumentationssystem" (eine simple Strichliste) die Anwesenheit der Schüler im Unterricht deutlich und dauerhaft erhöht hat. Den Freiwilligen ist es damit gelungen, einen Punkt in der Wirkungs-Königsdisziplin zu erzielen: eine Verhaltensänderung der Zielgruppe. Es steht zu vermuten, dass es in anderen Weltwärts-Einsatzstellen zu ähnlichen Effekten kommt, die niemals dokumentiert werden. Letztlich können es auch die kleinen, zwischenmenschlichen Begegnungen zwischen Freiwilligen und Endbegünstigten sein, die eine besondere Wirkung entfalten.[47]

Fußnoten

34.
Theresia Wunderlich, Was erwarten die Wohlfahrtsverbände vom Freiwilligen Sozialen Jahr?, in: M. Schmidle/U. Slüter (Anm. 13), S. 64.
35.
BKJ (Anm. 12).
36.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 158.
37.
Vgl. T. Wunderlich (Anm. 34), S. 68.
38.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 158.
39.
Vgl. B. Schwinge (Anm. 22), S. 9, S. 117.
40.
Vgl. Jana Rosenboom, Weltwärts - Lernen für die Weltgesellschaft, in: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 32 (2009) 1, S. 31-33, hier: S. 33.
41.
B. Schwinge (Anm. 22), S. 10.
42.
Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 20.
43.
BMZ (Anm. 11), S. 54.
44.
Vgl. ebd., S. 62; Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 22.
45.
B. Schwinge (Anm. 22), S. 10.
46.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 51.
47.
Vgl. B. Schwinge (Anm. 22), S. 114.