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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Wirkung nach dem Dienst

Die dritte Wirkungsstufe betrifft das Engagement nach dem Engagement - schließlich endet auch in den Augen vieler, insbesondere internationaler Freiwilliger ein Freiwilligendienst nicht mit dem letzten Tag in der Einsatzstelle. Die Haltung, dass gerade entwicklungspolitische Freiwilligendienste vornehmlich eine Saat sind, die erst nach dem eigentlichen Dienst aufgeht, ist weit verbreitet. Das Gesamtbild der Forschungsergebnisse zum nachgelagerten Engagement insbesondere der Freiwilligen, die ihren Dienst in Deutschland geleistet haben, ist uneindeutig. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, das Engagement ursächlich dem Freiwilligendienst zu attribuieren. Wer sich vor dem Dienst engagiert hat, tut dies womöglich auch nach dem Dienst.

"Engagement" ist zwar eigentlich der Wirkungsdimension "Verhalten" zugeordnet, doch manche Studien begnügen sich damit, die Einstellung oder zukünftige Intentionen zu Engagement abzufragen, so in einer Studie zum FSJ Kultur: "The majority of answers provided by adolescents regarding the program's impact on their attitude towards volunteering and civic service showed a positive tendency. The program actually had a sustainable impact on the volunteers' attitude towards civic service and volunteering, and it also influenced their future intentions to provide further voluntary support."[48] Die gleiche Studie gewinnt jedoch durch eine Vergleichsgruppe, die zeigt, dass die Engagementbereitschaft der FSJ Kultur-Freiwilligen deutlich höher ist als bei Schülern oder Studenten.

Geht es um konkretes Handeln, setzen ehemalige FSJ-Freiwillige ihre Engagementbereitschaft zwar häufiger in die Tat um als Befragte repräsentativer Untersuchungen; allerdings gehen laut zweier FSJ-Studien die tatsächlichen Engagementquoten im Vorher-Nachher-Vergleich sogar etwas zurück.[49] Dies muss jedoch auch vor dem Hintergrund der besonderen biografischen Umbruchsituation der ehemaligen Freiwilligen interpretiert werden (Umzug, Studium, Ausbildung). Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, dass die Engagement-Veränderung (nicht notwendigerweise die absoluten Zahlen) bei ehemaligen Hauptschülern größer ist als bei Realschülern und dort wiederum größer als bei Abiturienten.[50] Demnach entfalten Freiwilligendienste genau bei der Gruppe die größte Wirkung, die einen extrem erschwerten Zugang zu Freiwilligendiensten hat und nur einen kleinen Teil der Freiwilligen stellt.

Der Einfluss eines Dienstes im Ausland auf gesellschaftliches Engagement scheint grundsätzlich etwas größer zu sein als bei Inlandsdiensten.[51] Das Engagement der ehemaligen Auslandsfreiwilligen zeichnet sich aus durch eine große Vielfalt[52] und durch den Wunsch nach Autonomie: Ehemalige internationale Freiwillige möchten eher etwas Eigenes auf die Beine stellen, statt sich in bestehenden Strukturen zu engagieren. Die tatsächliche Engagementquote bei den Weltwärts-Rückkehrern ist mit 64 Prozent beträchtlich; die Engagementbereitschaft der noch nicht Engagierten liegt sogar bei 84 Prozent.[53] Die Studie zeigt auch, dass das Engagement mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Dienst sogar leicht ansteigt. Im Europäischen Freiwilligendienst sind bei etwa 50 Prozent der Befragten "durch den EFD induzierte Wirkungen, sich sozial, kulturell oder politisch zu engagieren, vorhanden";[54] 90 Prozent der Kulturweit-Rückkehrer geben an, sie werden sich auch nach dem Dienst weiter engagieren.[55]

Fußnoten

48.
Gesa Birnkraut, The Voluntary Cultural Year in Germany: Views of Youth who Participate and Those who do Not, in: Amanda Moore McBride (ed.), Youth Service in Comparative Perspective, St. Louis 2009, S. 35.
49.
Vgl. Angela Eberhard, Engagement für andere und Orientierung für sich selbst. Gestalt, Geschichte und Wirkungen des freiwilligen sozialen Jahres, München 2002, S. 291, S. 259; J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 37-38.
50.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 163.
51.
Vgl. A. Rahrbach et al. (Anm. 11), S. 284.
52.
Vgl. Katja Christ/Jörn Fischer, Internationale Freiwilligendienste. Lernen und Helfen im Ausland, Freiburg 20113, S. 167-175.
53.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 71.
54.
R. Becker et al. (Anm. 11), S. 48.
55.
Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 23.