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10.11.2011 | Von:
Joachim Radkau

Eine kurze Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung

Prähistorie: Von Bodega Bay bis Würgassen

Selbst in den USA geriet später nahezu in Vergessenheit, dass die Antiatomkraftbewegung amerikanischen Ursprungs war. In den USA kulminierte der Konflikt bereits in den 1960er Jahren. Dort gab es einen direkten Übergang von der Protestbewegung gegen Atomwaffentests zu den Protesten gegen zivile Kernkraftwerke. Die erste erfolgreiche Anti-AKW-Initiative der Welt begann 1958 in Kalifornien und richtete sich gegen das Kernkraftprojekt an der Bodega Bay nördlich von San Francisco. Am Anfang stand die Sorge um die Schönheit dieser Bucht; aber dann brachte ein Insider die Widerständler auf die dortige Erdbebengefahr, und dieses Argument erwies sich als durchschlagend. Diese längst vergessene Geschichte gibt gerade nach Fukushima zu denken: Anders als in Japan, wo man glaubte, im erdbebensicheren Bauen Weltspitze zu sein, übte in Kalifornien das Erdbeben von 1906, das einen Großteil von San Francisco zerstört hatte, nach wie vor abschreckende Wirkung aus.

Längst in Vergessenheit geraten ist heute auch das Faktum, dass die ersten europäischen Großdemonstrationen gegen geplante Kernkraftwerke - dort freilich erfolglos - 1971 in Frankreich stattfanden und in französischen Traditionen der action directe standen: die Bauplatzbesetzung am 12. April 1971 im elsässischen Fessenheim und kurz darauf eine noch weit größere Massendemonstration am Reaktorbauplatz von Bugey an der Rhône. Am 28. Dezember 1971 trafen sich in Straßburg Vertreter von etwa 50 Antikernkraftinitiativen aus verschiedenen Ländern; eine antinukleare Internationale war im Entstehen. Noch immer kamen dabei wichtige Anstöße aus den USA. David Brower (1912-2000), eine charismatische Gestalt der amerikanischen Bewegung zum Schutz der Wildnis, gründete 1969 mit Friends of the Earth die erste internationale Umweltorganisation. Fern der bisherigen Wildnis-Romantik konzentrierte sich diese auf den Kampf gegen die Kerntechnik.

Brower gab die berühmt gewordene Parole think globally - act locally aus. Es ist eine scheinbar paradoxe Parole, die längst nicht für alle Aktionsfelder des Umweltschutzes taugte; beim Kampf gegen die Kernkraft dagegen ergab sie Sinn. Denn da kam es ganz entscheidend auf Wissen an, und da besaßen die amerikanischen Kernkraftkritiker einen Informationsvorsprung; ohne diesen drohten anderswo Anti-AKW-Initiativen in einem Hinterwäldlertum stecken zu bleiben. Auf amerikanische Informationen gestützt, verfasste Holger Strohm, der Gründer der bundesdeutschen Sektion der Friends of the Earth, das erste umfangreiche deutschsprachige Kompendium von Anti-AKW-Argumenten, das in seinen späteren, stets erweiterten Auflagen Bibelformat erlangte. Lokalen Protest hatte es in der Bundesrepublik schon gegen den Bau der ersten kleinen Versuchsreaktoren in den späten 1950er Jahren gegeben; dieser war jedoch von der überregionalen Presse nicht ernst genommen worden. Mit dem neuen Argumenten-Arsenal erreichte der Protest nun eine breitere Öffentlichkeit.

Den Übergang von der Prähistorie zum Hauptstrom der Antiatomkraftbewegung markiert in der Bundesrepublik der Protest gegen das seit 1968 im Bau befindliche Kernkraftwerk Würgassen an der Oberweser. Dieser verfügte bereits über Insiderinformationen, die von dem Chemie-Ordinarius und SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Bechert stammten, der von 1962 bis 1965 den Bundestagsausschuss für Atomenergie geleitet hatte. Materielle und ideelle Unterstützung erhielten die Aktivisten vom Arzt und Naturheiler Max-Otto Bruker, der dem konservativen Weltbund zum Schutze des Lebens vorstand. Am 12. Juli 1968 veröffentlichte Bruker in der linksstehenden "Deutschen Volkszeitung" (Düsseldorf) einen Brandartikel "Der Notstand der Demokratie - aufgezeigt am Kernkraftwerk Würgassen": Es war ein Fanfarenstoß gegen die zivile Kerntechnik, wie es ihn bis dahin in der deutschen Presselandschaft nicht gegeben hatte. Am Fall Würgassen - so Bruker - ließen "sich wie an einem Schulbeispiel die Methoden ablesen, wie durch Nachrichtensperre, bewusste systematische Fehlinformationen, Verbreitung unwahrer Angaben und diktatorische Maßnahmen das Prinzip der Demokratie zur Farce gemacht" werde.

Der Kampf gegen das Würgassen-Projekt wurde jedoch noch nicht im Stil der 68er mit Happenings und Massendemonstrationen, sondern vorwiegend mit juristischen Mitteln geführt; die Leitung der Bürgerinitiative lag bei dem Karlshafener Rechtsanwalt Horst Möller. Er bewirkte zwar keinen Baustopp - erst nach der Inbetriebnahme desavouierte sich dieser Siedewasserreaktor durch seine häufigen Pannen -, aber erreichte immerhin 1972 das "Würgassen-Urteil" des Bundesverwaltungsgerichts. Dieses legte das den bis dahin doppelgesichtigen Paragraphen 1 des Atomgesetzes von 1959, der die Förderung der Kerntechnik und Gewährleistung der Sicherheit gleichrangig nebeneinanderstellte, nunmehr im Sinne eines Vorranges der Sicherheit aus. Damit war für künftige Kernkraftgegner ein gewichtiges juristisches Potenzial geschaffen, das freilich erst durch den "Kampf ums Recht" zu aktivieren war. Die Gerichte wurden ein wichtiger, wiewohl von den Medien wenig beachteter Nebenschauplatz des Atomkonflikts. Das gilt auch für den Kampf um das geplante Kernkraftwerk Wyhl am Oberrhein, mit dem die Kontroverse schlagartig eskalierte.


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