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10.11.2011 | Von:
Joachim Radkau

Eine kurze Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung

Von Wyhl bis Gorleben

Am 18. Februar 1975 besetzten mehre hundert Mitglieder einer seit 1972 bestehenden Bürgerinitiative (Oberrheinisches Aktionskomitee gegen Umweltgefährdung durch Kernkraftwerke) den Bauplatz des geplanten Kernkraftwerks Wyhl: Damit wurde erstmals die Schwelle zur illegalen Aktion überschritten; und in diesem Fall führte der Widerstand am Ende zum Erfolg. Es waren Bauern und Winzer aus der Region - Beobachtern fiel der große Anteil der Frauen auf - sowie Studenten der nahe gelegenen Universität Freiburg, die sich auf dem Bauplatz sammelten: eine in der bundesdeutschen Protestgeschichte bis dahin ungewohnte Allianz. Ein Kuriosum besteht aus späterer Sicht darin, dass auch ein lokaler Jägerverein den Widerstand unterstützte. Die Bauern fanden ihr Vorbild nicht so sehr in den linken Studenten, sondern mehr in den Aktionen ihrer elsässischen Stammesverwandten auf der anderen Seite des Rheins, die damals gerade erfolgreich gegen den Bau eines Bleichemiewerks kämpften.

Vor allem als zwei Tage nach der Besetzung 650 Polizisten mit Wasserwerfern den Bauplatz stürmten, obwohl sich die Besetzer gewaltlos verhielten, rückte der Protest in die Hauptschlagzeilen, und allenthalben wogte den Widerständlern eine Welle spontaner Sympathie entgegen. Am 23. Februar strömten am gleichen Ort an die 28000 Atomkraftgegner zusammen, teilweise aus Frankreich und aus der Schweiz, besetzten das Baugelände nach einem Handgemenge mit der Polizei erneut und gründeten dort das erste deutsche Anti-AKW-Camp. Sie erzielten einen prompten Teilerfolg: Am 21. März 1975 hob das Verwaltungsgericht Freiburg die Teilerrichtungsgenehmigung auf und bewirkte einen vorläufigen Baustopp. Das gleiche Gericht verfügte am 14. März 1977, dass das geplante Kernkraftwerk nur bei Ummantelung mit einem "Berstschutz" errichtet werden dürfte, der auch dann, wenn bei einem Störfall alle anderen Sicherheitsvorkehrungen versagten, das Entweichen radioaktiver Substanzen in die Umwelt verhinderte. Das war ein mutiger Vorstoß der Freiburger Richter, dem andere Amtskollegen vorerst nicht folgten. Da der Berstschutz die Anlage ganz erheblich verteuert hätte, verlor das Energieunternehmen das Interesse an dem Projekt.

Nicht ohne Pikanterie ist die Frage, wie die Richter auf die Berstschutz-Auflage kamen. Diese besaß eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Vorgeschichte. Der Chemiekonzern BASF hatte ab 1967 ein firmeneigenes Kernkraftwerk bei Ludwigshafen projektiert, also in unmittelbarer Nähe eines städtischen Ballungsraumes. Das überkreuzte sich mit Plänen der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG (RWE), die nicht weit davon, bei Biblis, den damals größten Kernkraftwerkskomplex der Welt plante. Heinrich Mandel, der kommende "Atompapst" des RWE, machte das Bundesforschungsministerium darauf aufmerksam, dass man in den USA dahin gelangt sei, Kernkraftwerke nicht in Großstadtnähe zu errichten. Zunächst wurde dem BASF-Projekt ein Berstschutz zur Auflage gemacht, dann legte Forschungsminister Hans Leussink ein gänzliches Veto ein. Die BASF-Spitze schäumte über die "barbarische Brutalität des RWE". Leussink prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des "Restrisikos", das durch die bisherigen Sicherheitsvorkehrungen nicht abgedeckt sei. Die Freiburger Richter argumentierten logisch, dass den Bauern am Oberrhein das gleiche Recht auf Schutz zustände wie den Städtern des Großraums Mannheim-Ludwigshafen. So gesehen, stand kein anderer als der "Atompapst" am Anfang des Anti-AKW-Protests: eine Ironie der Geschichte, von der die Öffentlichkeit nichts ahnte!

Dem Drama um das Ludwighafen-Projekt war 1966 ein Drama in den USA vorausgegangen, das einer der Beteiligten, David Okrent - damals Mitglied des Advisory Committee on Reactor Safeguards - später als "Revolution" in der Beurteilung der Sicherheit von Leichtwasserreaktoren charakterisierte: Versuche hatten Zweifel daran erweckt, ob bei einem "Durchgehen" des Reaktors auf die für diesen Fall installierte Notkühlung Verlass ist. Mit Hinweis darauf wurde das Kernkraftprojekt Ravenswood in der Nähe von New York gestoppt. Dies markierte eine Zäsur in der Geschichte der Kernenergie, deren Fernwirkung gar nicht überschätzt werden kann. Bis dahin hatten es gerade viele "progressive" Intellektuelle für einfältig gehalten, die zivile Atomkraft mit der Atombombe zu assoziieren, und die Einsicht für aufgeklärt und fortschrittlich geglaubt, dass das "friedliche Atom" mit seiner gebremsten Kettenreaktion geradezu eine Gegenwelt zur Bombe sei. Fortan sickerte jedoch mehr und mehr die Sorge durch, dass auf die Abbremsung der Kettenreaktion durch die "Moderatoren" in Kernkraftwerken kein absoluter Verlass und daher die Assoziation des Atoms mit der Bombe eben doch kein purer Aberglaube sei. Um die Genese der Anti-AKW-Bewegung zu verstehen und gerade auch ihre Rationalität zu begreifen, muss man auch diesen Wissenstransfer beachten und darf die Bürgerbewegungen nicht nur als soziale Phänomene ins Visier nehmen.

Der Gedanke an den "Super-GAU", die über den (angeblich) beherrschbaren "größten anzunehmenden Unfall" noch hinausgehende Katastrophe, gab dem Protest gegen die Kernkraft eine neue Radikalität. Jetzt konnte er ähnliche Emotionen aufrühren wie zuvor der Protest gegen die Atomwaffen. In dieser Situation machte auch die studentische Linke mobil, die mit dem Ende des Vietnamkrieges und der neuen Ostpolitik ursprüngliche Zielobjekte verloren hatte. Diejenigen 68er, die ihr Handeln theoretisch begründen wollten und nicht einfach mitmachten, wenn irgendwo gegen irgendwas demonstriert wurde, taten sich allerdings mit der Wende gegen die Kernkraft nicht leicht. Denn im Neomarxismus jener Zeit war noch folgende Denkfigur verbreitet: Der gesellschaftliche Fortschritt wird durch den Fortschritt der Produktivkräfte vorangetrieben und dieser beruht auf fortschreitender Verwissenschaftlichung; daher sind fortan die Intellektuellen die revolutionäre Avantgarde, und aus dem gleichen Grund steht die Kerntechnik als die "wissenschaftlichste" Technik an der Spitze des Fortschritts. Rudi Dutschke, die Ikone der Studentenbewegung, hatte den Philosophen Ernst Bloch geschätzt, dessen Schwärmerei für die Segnungen des "friedlichen Atoms" selbst die Propaganda der Atomlobby übertroffen hatte und der den "latenten Maschinensturm des Spätkapitals" dafür anklagte, dass er diese famose Kraftquelle nicht energisch genug forciere. Noch im März 1977 seufzte Dutschke in seinem Tagebuch: "die ganze Atom- und Massenmobilisierung in B(rokdorf) und I(tzehoe) bereitet mir theore(tische) und politische Schwierigkeiten 'Old Surehand II' mit und für die Kinder zu lesen ist leichter."

Kein Zweifel: Das Engagement vieler 68er gegen die Kernkraft entsprang keiner panischen Angst, sondern vollzog sich in nicht wenigen Fällen über mühsame Lernprozesse, getrieben von dem Wunsch, endlich den Kontakt zur "Basis", zu den breiten Massen zu finden, den man um 1968 vergeblich gesucht hatte. Dabei waren DKP-nahe Gruppen durch ihre Verbindungen zur DDR blockiert; denn dort war und blieb die Kerntechnik für Kritiker tabu. Am hemmungslosesten konnten maoistische K-Gruppen ihren Radikalismus gegen die Atomkraft austoben; denn Kernkraftwerke wurden in der Regel in abgelegenen bäuerlichen Gebieten errichtet, wo sie das Landleben störten; und das Kampfbündnis mit den Bauern besaß einen maoistischen Zug. Aber unter bundesdeutschen Verhältnissen bestand es doch vorwiegend in der Phantasie. Bauern blockierten zwar Zufahrtsstraßen mit Treckern, wurden jedoch durch förmliche Schlachten mit Polizeieinheiten, wie sie sich vor allem 1977 bei den Bauplätzen von Brokdorf und Grohnde abspielten, nur abgeschreckt.

Das Bündnis von Wyhl, als Studenten und Winzer zusammen aushielten, wurde zur romantischen Erinnerung, die von einer ganzen Flut von Literatur beschworen wurde; aber durch die Gewalttätigkeit der K-Gruppen drohte die breite Allianz zu zerfallen. Die bürgerkriegsartigen Kampfszenen am Bauzaun von Kernkraftwerken faszinierten zwar die Medien, erweckten jedoch nicht die Sympathie der Gerichte; dort blieb der Protest gegen Brokdorf und Grohnde ohne Erfolg. Obwohl die Brutalität mancher Polizeieinheiten selbst bei friedlichen Kernkraftgegnern zeitweise eine wilde Wut hervorrief, setzte sich doch immer wieder - ob offen oder unausgesprochen - der Grundsatz der Gewaltfreiheit durch. Wie sich mehr und mehr zeigte, standen die Kernkraftgegner eben doch nicht auf verlorenem Posten. Das Horrorszenario eines verzweifelten Kampfes um das nackte Leben gegenüber einem erbarmungslosen "Atomstaat" - so der Titel eines Bestsellers von Robert Jungk (1977) - erwies sich als ähnlich theatralische Phantasie wie zehn Jahre davor der Kampf gegen eine vermeintliche "Refaschisierung" der Bundesrepublik durch den "Nazi Kiesinger" mittels der Notstandsgesetze.

Zum historischen Höhepunkt der deutschen Antiatomkraftbewegung wurde der Widerstand gegen das Gorleben-Projekt, den Plan der damals größten Wiederaufarbeitungsanlage der Welt. Unter der Parole "Gorleben soll leben" setzten sich die Anhänger der Gewaltfreiheit durch; wie bei Wyhl kam eine Gemeinsamkeit mit vielen Bauern der Region zustande, und mehr noch als dort wurde der Kampf gegen das Atomprojekt im abgelegenen Wendland zugleich ein Kampf für die Erhaltung einer noch relativ urwüchsigen Landschaft. Im Wendland wurde die Anti-AKW-Bewegung, der es zunächst lediglich um technische Sicherheit gegangen war, zu einer "Umweltbewegung" im vollen Sinne. Die "Freie Republik Wendland", wo man im Wald mit "alternativen" Lebensformen experimentierte, wurde zur grünen Legende.


Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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