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10.11.2011 | Von:
Joachim Radkau

Eine kurze Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung

Wendezeiten: Verbindung von Antiatomkraft- und Friedensbewegung

Aber auch auf anderen Ebenen spielte sich Entscheidendes ab: Als den großen Wendepunkt im Atomkonflikt kann man das internationale Gorleben-Symposium in Hannover Ende März 1979 ansehen, das zeitlich mit dem Störfall von Harrisburg und der bis dahin größten Anti-AKW-Demonstration zusammenfiel. Das Symposium brachte eine neue Qualität in die Kontroverse; man gelangte über einen stereotypen Schlagabtausch mit immer gleichen Argumenten hinaus, und die Front der Kernenergiebefürworter begann zu zerbröckeln. Am Ende zog der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht das Gorleben-Projekt in seiner ursprünglichen Dimension gar als "politisch nicht durchsetzbar" zurück. Der Projektleiter stöhnte auf, das sei das "Cannae" der deutschen Atomwirtschaft. In der Energiewirtschaft dagegen kursierte später das Bonmot, im Grunde müsse man den Gegnern dankbar sein, da man durch sie vor der größten Fehlinvestition der Geschichte bewahrt worden sei. Das Symposium hatte unter Vorsitz von Carl Friedrich von Weizsäcker getagt, der - aus der Atomphysik kommend - als höchste geistige Autorität der atomaren community galt. Aber selbst er ging auf Distanz zur Kerntechnik, vor allem mit Blick auf das Terrorismusrisiko.

Zur Wendezeit wurden die Tage von Harrisburg und Hannover auch dadurch, dass am 29. März 1979 die Bundestags-Enquête "Zukünftige Kernenergiepolitik" unter Vorsitz des jungen SPD-Abgeordneten Reinhard Ueberhorst, der bei einer Demonstration in Brokdorf verletzt worden war, ihre Arbeit aufnahm. Mit dieser Kommission gelangte der bis dahin überwiegend außerparlamentarisch ausgetragene Atomkonflikt auf die parlamentarische Ebene. In einer zunächst heillos verfahren erscheinenden Konfliktsituation erzielte Ueberhorst einen "historischen Kompromiss": Am Ende stimmten die Kontrahenten darin überein, dass mehrere energiepolitische Optionen mit und ohne Kernenergie möglich seien und ein extremes Katastrophenrisiko nicht durch Hinweis auf die angeblich minimale Eintrittswahrscheinlichkeit bagatellisiert werden dürfe. Zwar hatte der Kommissionsbericht damals kaum unmittelbare Folgen, aber aus heutiger Sicht erscheint er als Markstein einer Entwicklung, in der sich die Politiker in Energiefragen nicht mehr wie zuvor als bloße Vollzieher vermeintlicher Sachzwänge verstanden.

Vom Anfang bis heute ist deutlich zu erkennen, dass sich die Dauerhaftigkeit und der Erfolg der deutschen Antiatomkraftbewegung nicht nur aus inneren Strukturen des Protests erklären, sondern auch aus Wechselwirkungen zwischen Bürgerprotest, Medien, Politik, Verwaltung, Justiz und Wissenschaft. Diese Dynamik verbindet die bundesdeutsche mit der amerikanischen Umweltbewegung. Zugleich erkennt man den Unterschied zu Ländern wie Frankreich und Japan, wo es zwar an Protest aus der Bevölkerung nicht fehlte, sich eine dynamische Wechselwirkung zwischen den genannten Akteuren und Instanzen aber weit weniger entwickelte. Der Protest gegen die Atomkraft wurde das entscheidende Bindeglied zwischen der 68er-Studentenrevolte und der Umweltbewegung; ohne sie wäre auch der Erfolg der Partei der Grünen nicht zu erklären. Dass in der Bundesrepublik die international stärkste Antiatomkraftbewegung und ebenfalls die stärkste grüne Partei entstanden, steht offenkundig in einem kausalen Zusammenhang.

In der Protestbewegung der 1970er Jahre sind bereits sämtliche Motive vorhanden, welche die Kritik an der Kernkraft bis heute bestimmen; nur ein neues kam um 1980 dazu und wurde für einige Jahre zum Leitmotiv: die Verbindung zwischen ziviler und militärischer Atomtechnik. Damals beherrschte der Widerstand gegen die "Nachrüstung" die Protestszenerie; vor allem im Zeichen dieser neuen Friedensbewegung formierten sich die Grünen.

Weit mehr als in den USA wurde die zivile Kerntechnik in der Bundesrepublik bis dahin als ein von den atomaren Waffen abgekoppeltes Thema wahrgenommen. Aber über die Urananreicherungsanlagen, über das Plutonium und über das technische Know-how hängen beide Technologien eben doch zusammen. Eine große Protestbewegung richtete sich gegen die an Stelle von Gorleben bei Wackersdorf geplante Wiederaufarbeitungsanlage. Diese wurde - vermutlich zu Unrecht - mit der Nachrüstung in Verbindung gebracht. Doch seit Mitte der 1980er Jahre vollzog sich mit dem Ende des Kalten Krieges ein atmosphärischer Wandel, und die Verbindung von Antiatomkraftprotest und Friedensbewegung verlor an Bedeutung, obwohl die nukleare Proliferationsgefahr weltweit fortbestand. Seit dem Herbst 1981 beherrschte ohnehin der Waldsterben-Alarm die Szenerie der Umweltsorgen, wodurch sich die Kritik auf Kohlekraftwerke konzentrierte und die Kernkraftwerke - bei denen es in jenen Jahren ohnehin kaum neue Projekte gab - aus der Schusslinie gerieten.


Dossier

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