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10.11.2011 | Von:
Joachim Radkau

Eine kurze Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung

Von Tschernobyl bis Fukushima

Erst infolge der Reaktorkatastrophe in der Ukraine am 26. April 1986 grassierte zum ersten Mal in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung eine existenzielle Angst vor der Atomkraft. Seit dem 12. Dezember 1985 gab es in Hessen mit Joschka Fischer erstmals einen grünen (Umwelt-)Minister. Er kam zwar nicht aus der Anti-AKW-Bewegung und verfügte damals, wie er selbst später bekannte, über keine ökologische Kompetenz, aber er veranlasste immerhin die unverzügliche Publikation genauer Daten über den in seiner Region gemessenen Anstieg der Radioaktivität. Und andere Bundesländer zogen nach: ein Unterschied zu Frankreich, wo man sich - fortan der Standardspott - einbilden konnte, an der deutsch-französischen Grenze höre die Radioaktivität auf. In der Bundesrepublik wurde die Ablehnung der Kerntechnik schlagartig zur Mehrheitsmeinung, selbst unter Ingenieuren: Ein Vorgang, der sich nicht nur aus den Demonstrationen erklärt, sondern auch daraus, dass die Risiken der Kerntechnik real waren und es gerade auch in Fachkreisen stets latente Skepsis gegeben hatte.

Die primär für den Kampf gegen waldschädigende Emissionen gegründete Greenpeace-Abspaltung Robin Wood gab die Parole aus: "Kümmern wir uns also um den 'toten Hund' Atomenergie nur so viel wie nötig und sowenig wie möglich und widmen wir uns vor allem der Aufgabe, neuen Energieversorgungsstrukturen zum Durchbruch zu verhelfen." Aber das Potenzial der erneuerbaren Energien war zur Zeit von Tschernobyl noch viel unsicherer als 25 Jahre darauf zur Zeit von Fukushima; deren Durchsetzung erforderte technische Kompetenz, geduldige Entwicklungsarbeit und Kooperation mit Energieversorgern. Ein Zurück zur Kohle war zumindest als Langzeitperspektive nicht akzeptabel; denn gerade im Tschernobyl-Jahr 1986 ertönte auch der erste schrille Klima-Alarm, der eine globale Erwärmung als Folge des wachsenden Kohlendioxydgehalts der Atmosphäre prophezeite. Am 11. August 1986 brachte "Der Spiegel" seinen berühmt-berüchtigten Titel, auf dem der Kölner Dom zur Hälfte unter Wasser steht. Kein Wunder, dass es nach Tschernobyl zu einer sofortigen großen Energiewende nicht kam.

Und doch waren die Langzeitwirkungen erheblich; in welchem Maße, erkennt man erst mit der zeitlichen Distanz. Das erste Opfer wurde der "Schnelle Brüter" in Kalkar, der schon während der Bauphase seinen Rückhalt weithin verloren hatte. Dessen Stilllegung, kaum dass er betriebsbereit war, erregte nur noch geringes Aufsehen; und doch ging der Kernenergie damit endgültig das Charisma der erneuerbaren Energie verloren, das von Anfang an ihre Hauptattraktion ausgemacht hatte. Fortan wurde es in der Bundesrepublik zur offiziellen Sprachregelung, zwar lasse man die Kernkraftwerke vorerst weiter laufen, betrachte die Atomkraft jedoch als "Übergangsenergie"; ob das lediglich eine Ausrede war, um erst einmal Zeit zu gewinnen, blieb undurchsichtig. Auch die Entwicklung des anderen "Zukunftsreaktors", des Hochtemperaturreaktors, der wegen seiner potenziell erheblich höheren inhärenten Sicherheit selbst vielen Kritikern der Leichtwasserreaktoren noch lange als Geheimtipp gegolten hatte, wurde von der Industrie ohne großes Aufsehen abgebrochen. Alternativen gab es fortan nicht mehr inner-, sondern nur noch außerhalb der Kerntechnik.

Obwohl die Grünen damals - auch dies ist ein Unterschied zu der Situation nach Fukushima! - in ihrer Zerstrittenheit die Gunst der Stunde insgesamt nur wenig zu nutzen wussten und 1990 wegen ihrer Querschüsse gegen die deutsche Vereinigung sogar ein vorübergehendes Fiasko erlitten, das damals viele für das Ende der Partei hielten, schritt die Förderung der erneuerbaren Energien kontinuierlich voran. Auch wenn sich diese bis zum Unglück in Japan schon zu einem ökonomischen Gewicht entwickelt hatten, war bis in die jüngste Zeit nicht sicher, ob die Kernenergie wirklich ein "toter Hund" war; daher bestand weiterhin ein Protestpotenzial gegen sie. In seinen Zielen war der Protest von den Handlungsmöglichkeiten einer Zeit beeinflusst, in der keine neuen Kernkraftwerke in Auftrag gegeben wurden: So konzentrierte er sich auf die Transporte der abgebrannten Brennelemente zu dem (provisorischen?) Endlager.

Dieser Schwerpunkt ließ sich jedoch nicht nur taktisch begründen. Vielmehr war die letztliche Unlösbarkeit des Endlagerproblems mit Blick auf die Jahrtausende fortdauernde Strahlungsintensität des "Atommülls" von Anfang an das peinlichste Dilemma der Kernenergie gewesen, das auch - wie mittlerweile klargestellt worden war - durch die Wiederaufarbeitung nicht wesentlich gemindert wurde. Selbst Robert Gerwin, in der Folge ein führender Propagandist der Atomkraft, hatte 1963, als das stillgelegte Salzbergwerk Asse zum nuklearen Endlager ausersehen wurde, gewarnt, es gehöre "schon einige Unverfrorenheit dazu, seinen Nachfahren eine Last aufzubürden, an der diese noch nach zehn Generationen zu tragen haben" (er plädierte damals für die sowjetische Idee, den Atommüll in den Weltraum zu schießen). Die Erkenntnis, dass es sich bei Asse um einen Gelegenheitskauf und mitnichten um eine sichere Endlagerstätte handelte, wurde zum Gemeingut der Öffentlichkeit.

Es hatte seine Logik, dass das Dilemma der Endlagerung in einem dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik aufreizender wirkte als in Riesenreichen wie Russland oder den USA. Die Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung während der vergangenen beiden Jahrzehnte ist bislang nicht einmal im Ansatz geschrieben. Die Verjüngungsprozesse, die sich dort vollzogen haben - nicht ohne Spannungen zu den "alten Kämpfern", von denen manche die Mütter-Initiativen nach Tschernobyl als "Becquerel-Bewegung" titulierten - sind ein Thema für künftige Historiker. Sie sind umso bemerkenswerter, als die Kerntechnik - die in den 1970er Jahren als Zielscheibe für Protestler nahezu konkurrenzlos dastand - bei den Umweltaktivisten mittlerweile mit einem breiten Spektrum anderer Ziele konkurrierte. Wer nunmehr gegen die Atomkraft protestierte, hatte eine bewusste Wahl getroffen. Von daher wäre es nicht angemessen, den späteren Protest, auch wenn er in der Literatur und Mythenbildung weniger eindrucksvoll wirkt als Wyhl und Gorleben, lediglich als Nachklapp zur Protestbewegung der 1970er Jahre zu werten.


Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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