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10.11.2011 | Von:
Joachim Radkau

Eine kurze Geschichte der deutschen Antiatomkraftbewegung

Vorläufige Bilanz

Friedrich Münzinger, ein alterfahrener Kraftwerksbauer der AEG, der in den 1950er Jahren das erste deutsche Standardwerk über den Reaktorbau verfasste, stellte bereits 1960 fest: "Viele unserer Landsleute stehen, wie ihre Reaktion auf die Erstellung einiger atomarer Forschungsinstitute zeigte, nuklearen Anlagen argwöhnischer gegenüber als beispielsweise die Amerikaner." Anders als man erwarten könnte, kanzelte er jedoch diese Einstellung keineswegs als "deutsche Hysterie" ab, sondern hielt sie für ganz vernünftig; als "Atomkraftpsychose" bezeichnete er dagegen die überdrehte Begeisterung anderer Länder für das "friedliche Atom", das mit Verheißungen verknüpft werde, die "durch Sachkenntnis nicht getrübte Flunkereien" seien. Dass die Deutschen skeptischer seien, war für ihn ein Zeichen dafür, dass hierzulande in Fragen der Technik die Ingenieure und nicht die Spekulanten den Ton angäben. In der Tat erkennt man in der Geschichte des deutschen Ingenieurwesens eine gewisse Tradition der Bedächtigkeit, welche die technische "Entwicklung" mehr im Sinne von Evolution als von forciertem development verstand.

Somit lässt sich die deutsche Skepsis gegenüber der Atomkraft rational begründen. Dass die Kerntechnik mit erheblichen Risiken verbunden ist, war dem, der es wissen wollte, von Anfang an bekannt. Die Atommächte brauchten das "friedliche Atom", um den mit immensen Kosten zu militärischen Zwecken errichteten Spaltstoffproduktionsanlagen einen zivilen Sinn zu geben und dort manche Rüstungskosten zu verstecken; für eine Nicht-Atommacht wie die Bundesrepublik entfiel dieses Motiv. In einem dicht besiedelten Land gab es weit mehr Grund als in den USA, sich um das nukleare "Restrisiko" zu sorgen. Beides traf zwar auch für ein Land wie Japan zu; aber im Unterschied zu diesem verfügte die Bundesrepublik über reichlich Kohle. Ausgerechnet RWE, der größte deutsche Energieproduzent, war bis in die späten 1960er Jahre zum Ärger des Bonner Forschungsministeriums die stärkste Bremskraft der Kernenergieentwicklung: Es hatte gerade gewaltige Braunkohlefelder erschlossen und erblickte in der Atomkraft lediglich eine lästige Konkurrenz.

Gerade in den Jahren ab 1967, als der kommerzielle Durchbruch der Kernkraft erfolgte, kam heraus, dass auf die Notkühlung im Falle eines Falles doch kein sicherer Verlass war. Als jedoch Milliarden investiert waren, konnte oder wollte man nicht mehr zurück. Es hatte seine Logik, wenn die Sorge um das "Restrisiko", die unter den Experten nicht mehr im Klartext artikuliert werden durfte, von nun an in die Öffentlichkeit übersprang. Dabei lässt sich international eine gewisse Sonderstellung des deutschen Sprachraums erkennen, denn auch in Österreich und der Schweiz beherrschten die Kritiker der Kernkraft in den späten 1970er Jahren zunehmend die öffentliche Meinung und stoppten den Ausbau dieser Energietechnik. Das ist umso bemerkenswerter, als viele Naturschützer in den Alpenländern der Atomkraft ursprünglich wohlgesonnen waren, da diese ihnen als Argument gegen Wasserkraftprojekte diente, die schöne Alpentäler zu verschandeln drohten.

Bei den Alpenbewohnern ist zwar ein besonderer Hang zur Nostalgie, aber kaum je zur Hysterie beobachtet worden. Witzeleien über eine angebliche German Angst, seit Jahrzehnten der Standard-Kalauer in spöttischen Kommentaren zur Antiatomkraftbewegung, sind historisch ignorant. Beim Aufstieg dieser Protestbewegung in den 1970er Jahren stand keine Reaktorkatastrophe vor Augen; am Anfang standen Informationen, keine panische Angst. Es war auch keine Sensationsmache der Massenmedien, die - wie später oft behauptet wurde - den ersten Anstoß gegeben hätte; diese sprangen in aller Regel erst nach der Bauplatzbesetzung von Wyhl auf das Thema an. Medienmoden sind zeitgebunden; die Anti-AKW-Bewegung dagegen verblüffte immer wieder durch ihre Zählebigkeit. Ebensowenig wie aus Panikmache der Medien lässt sie sich insgesamt gesehen von bestimmten Gruppeninteressen, Ideologien, Diskursen herleiten.

Im Vergleich zu den USA, wo hinter dem Kampf gegen die Kernkraft Autoritäten wie David Brower und Barry Commoner standen, fällt in der bundesdeutschen Bewegung überdies der Mangel an charismatischen Führungsfiguren auf. Stattdessen kann man darüber betroffen sein, wie viele Pioniere des Protests, die wesentliche Anstöße gaben, in der Folge wieder in Vergessenheit gerieten: ob Günther Schwab, Karl Bechert, Holger Strohm, Jens Scheer, Manfred Wüstenhagen, Herbert Gruhl oder auch jener Tübinger Lehrer Hartmut Gründler, der zu den Initiatoren des vom Bundesforschungsministerium organisierten "Bürgerdialogs Kernenergie" gehörte und sich am Buß- und Bettag 1977 auf den Stufen der Hamburger Petrikirche aus Protest selbst verbrannte. Robert Jungk stellte sich erst auf dem Höhepunkt der Protestbewegung an deren Spitze. Mit Max Webers Theorie des "charismatischen Führers" lässt sich die Antiatomkraftbewegung ebenso wenig erklären wie mit Ronald Ingleharts Konstrukt des angeblichen postmodern-postmateriellen Wertewandels wie der darauf fußenden Theorie der "neuen sozialen Bewegungen", die durch Bürokratisierungstrends und durch die Partei der Grünen längst widerlegt wurde.

All diese Theorien werden nur durch bestimmte Momentaufnahmen plausibel, überzeugen jedoch nicht mehr, sobald man diesen Protest in einem größeren zeitlichen Bogen betrachtet. Liest man sich durch die Literaturflut hindurch, welche die Kritik an der Kernkraft im Laufe der Jahrzehnte hervorbrachte, geht es nicht zu weit, von einer neuen Aufklärung zu reden, die an blinden Flecken des Fortschrittsdenkens der alten Aufklärung ansetzte. Man versteht die Antiatomkraftbewegung nicht, wenn man sie in abstrakte Modelle zu zwängen sucht, sondern nur dann, wenn man sich mit dem beschäftigt, um das es ihr geht.


Dossier

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