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10.11.2011 | Von:
Konrad Kleinknecht

Abkehr vom Klimaschutz?

Ersatz für die ausfallenden Kraftwerke?

Die erneuerbaren Energiequellen werden im Jahre 2020 zwischen 25 und 35 Prozent unseres Strombedarfs abdecken, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Alle realistischen Prognosen ergeben solche Resultate. Wie sollen in den nächsten zehn Jahren die restlichen 70 Prozent unseres Strombedarfs gedeckt werden? Da die Kernkraftwerke vom Netz gehen, müssen mehr als 20 Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden, besonders im Süden.

Da sowohl der Ausbau der Hochspannungstrassen von Nord nach Süd als auch der Bau neuer Pumpspeicherkraftwerke im Süden durch Bürgerinitiativen verzögert wird, ist es nicht sicher, ob der beabsichtigte Ausbau der Windkraft im Norden dem Süden des Landes helfen kann. Es zeigt sich eine regionale Asymmetrie: Die leistungsfähigen Industriestandorte in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, die bisher mehr als 50 Prozent ihrer elektrischen Energie aus Kernkraftwerken bezogen, können die Grundlast ihrer Stromversorgung nur zum kleinen Teil aus erneuerbaren Energiequellen ersetzen. Windkraft im Süden ist wesentlich weniger ertragreich als an der Küste oder auf dem Meer, weil die Leistung solcher Anlagen mit der dritten Potenz der mittleren Windgeschwindigkeit abnimmt. Steht eine Windkraftanlage also in einem Gebiet, in dem die mittlere Windgeschwindigkeit halb so groß ist wie an der Küste, dann entspricht ihre Leistung nur einem Achtel einer gleichwertigen Anlage in Küstennähe.

Die südlichen Länder sind also nach der Abschaltung ihrer Kernkraftwerke darauf angewiesen, auf importierten Strom aus Tschechien, Frankreich und der Schweiz auszuweichen und neue fossile Kraftwerke zu bauen. Die derzeit im Bau befindlichen elf Kohlekraftwerke und die weiteren elf geplanten liegen allerdings hauptsächlich im Norden und Westen. Um höchste Wirkungsgrade zu erzielen, sind die Hochleistungskessel für 600 Grad Celsius Dampftemperatur und 280-fachen Atmosphärendruck ausgelegt, sie bestehen aus einer neu entwickelten Stahlsorte. Bei drei der neun im Bau befindlichen Kraftwerke haben sich bei diesen neuen Kesseln undichte Stellen in den Schweißnähten gebildet, die Nachbesserungen oder einen kompletten Austausch des Kessels erfordern und eine Verzögerung von ein bis zwei Jahren verursachen.

In Bayern sind im Augenblick nur Pläne für Gaskraftwerke mit russischem Gas bekannt. Der Einsatz von Flüssiggas aus Katar ist noch nicht möglich, da kein deutscher Hafen zum Gasterminal ausgebaut worden ist. Die Kohle für Kraftwerke im Süden muss beispielsweise aus Australien über den Rhein oder das Schwarze Meer und die Donau transportiert werden. Die Versorgung Süddeutschlands ist mittelfristig ungesichert.


Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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