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10.11.2011 | Von:
Konrad Kleinknecht

Abkehr vom Klimaschutz?

Ist Klimaschutz noch möglich?

Hauptverursacher des anthropogenen Treibhauseffektes ist CO2, das bei der Verbrennung von Kohle, Öl oder Erdgas entsteht. Jährlich entweichen weltweit 33 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre, die so zum Endlager für dieses Treibhausgas wird. Die weltweiten Emissionen nehmen auch nach dem Abschluss des Kyoto-Protokolls von 1997 unvermindert zu, weil die größten Emittenten China, USA und Indien dem Protokoll nicht beigetreten sind und auch die übrigen Schwellenländer ihre Energieversorgung vorwiegend auf der Basis von Kohlekraftwerken ausbauen. Entsprechend stieg auch die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf den gegenwärtigen Wert von 395 ppmv (parts-per-million by volume, Volumenanteile pro eine Million Luftmoleküle). Deutschland ist für etwa drei Prozent der Emissionen verantwortlich. Die größten Beiträge kommen aus China und den USA, die jährlich sieben bzw. sechs Milliarden Tonnen CO2 emittieren. Eine Lösung des Klimaproblems wird nur gelingen, wenn diese beiden Großmächte ihre Emissionen merklich reduzieren. Dafür gab es aber bei der jüngsten Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2010 in Cancún keine Anzeichen.

Die Europäische Union (EU) hat sich trotzdem das Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent zu senken. Deutschland muss dafür am stärksten reduzieren, weil es im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern am meisten CO2 produziert. Auch wenn man die Emissionen auf die Zahl der Einwohner bezieht, liegt Deutschland in Europa an der Spitze. Die Bundesregierung plante daher im Herbst 2010, den Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken (siehe "Plan BMU" in Abbildung 3 der PDF-Version).

In Deutschland sind Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke mit mehr als 300 Millionen Tonnen jährlich etwa für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich. Zusammen mit den Erdgaskraftwerken liefern sie mehr als die Hälfte unseres Stroms (siehe Abbildung 1 der PDF-Version). Weitere große Mengen an Kohlendioxid kommen aus den Wohnungsheizungen und aus dem Verkehr (jeweils über zehn Prozent). Beide Anteile können schrittweise gesenkt werden. Die bessere Wärmedämmung bei Neubauten und die energetische Altbausanierung von rund 200000 Wohnungen pro Jahr reduzieren den Ausstoß allerdings noch nicht genug. Bei gleichbleibender Rate dauert die Renovierung des Bestandes länger als 100 Jahre. Beim Verkehr werden die Verbrauchsbegrenzungen durch die EU zu einer langsamen Effizienzsteigerung führen. Elektroautos tragen jedoch nur dann zur Emissionsminderung bei, wenn der Strom zum Aufladen der Fahrbatterien aus Kernkraftwerken oder erneuerbaren Energiequellen kommt. Klimapolitisches Ziel muss es sein, neben diesen Maßnahmen zur Energieeinsparung und Effizienzsteigerung die Emission von Treibhausgasen bei der Stromerzeugung abzusenken.

Seit 1990 haben die CO2-Emissionen in Deutschland abgenommen, wobei der Rückgang zur Hälfte auf dem Niedergang der Industrie in den östlichen Bundesländern beruht. Lässt man den Anteil der vereinigungsbedingten Reduktionen in den Jahren 1990 und 1991 weg, sanken in den Jahren von 1992 bis 2004 die CO2-Emissionen zwar gleichmäßig, aber jährlich nur noch um 0,6 Prozent. Das kann auf die zunehmende Einspeisung von Windstrom zurückgeführt werden, unter Beibehaltung des Anteils der Kernenergie. Eine größere Abnahme gab es auch durch die Finanzkrise und die folgende Rezession der Wirtschaft 2008/2009 (siehe Abbildung 3 der PDF-Version).

Die Bundesregierung wollte schon im "Nationalen Klimaschutzprogramm" vom Oktober 2000 den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent vermindern. Diese Marke wurde jedoch nicht erreicht (siehe "Plan rot-grün" in Abbildung 3 der PDF-Version). Im Herbst 2010 plante der Bundesumweltminister eine Minderung der Emissionen auf 610 Millionen Tonnen im Jahr 2020. Seit dem Ausstieg aus der CO2-freien Kernenergie sind all diese Ziele hinfällig. Trotz optimaler Förderung werden die erneuerbaren Energiequellen bis zum Jahr 2020 nur etwa 30 Prozent unseres Strombedarfs decken können. Deshalb sind wir dann für die verbleibenden 70 Prozent auf die fossilen Verbrennungskraftwerke und den Stromimport aus unseren Nachbarländern angewiesen. Außerdem müssen fossile Kraftwerke als Reservekapazität für die zeitlich variable Stromeinspeisung der Wind- und Solaranlagen bereitgehalten werden.

Der nötige Neubau von Kohle- und Gaskraftwerken bedingt eine Steigerung des CO2-Ausstoßes. Die geplanten 22 neuen Kohlekraftwerke mit etwa 20 Gigawatt Leistung emittieren jährlich 90 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Da es die Versorgungssicherheit nicht gestattet, alte, ineffiziente Kohlekraftwerke abzuschalten, steigen die jährlichen deutschen CO2-Emissionen durch die Neuanlagen entsprechend. Das verletzt die deutschen Klimaschutzziele innerhalb der EU und des Kyoto-Protokolls.

Deshalb wird versucht, das erzeugte CO2 chemisch abzuscheiden und in unterirdische Endlager zu bringen, statt es in die Atmosphäre zu entlassen (CCS: Carbon Dioxide Capture and Storage). Alle diese Prozesse haben den Nachteil, dass für die Abscheidung des Kohlendioxids und die anschließende Verdichtung vor dem Transport etwa ein Viertel des vom Brennstoff erzeugten Stroms verbraucht wird. Dadurch reduziert sich der effektive Wirkungsgrad des Kraftwerks, und der Brennstoffeinsatz erhöht sich um 30 Prozent. Schließlich müssen die vermehrten CO2-Rückstände, etwa 400 Millionen Tonnen pro Jahr, sicher und dauerhaft in der Erde "endgelagert" werden.

Eine hinreichend große Speicherkapazität bieten sogenannte Salzwasseraquifere. Solche porösen Schichten, die Wasser führen, finden sich zum Beispiel in Norddeutschland in einer Tiefe von 1000 Metern. Dort müsste eine große technische Infrastruktur aufgebaut werden, um täglich eine Million Tonnen CO2-Abfall von den Kraftwerken zu den Lagerstätten zu transportieren, unter 70-fachem Atmosphärendruck einzupressen und für Tausende von Jahren sicher zu speichern. Die Endlagerung birgt jedoch Risiken. Denn es ist unklar, ob die Milliarden Tonnen CO2 mit der Zeit nicht doch in die Atmosphäre diffundieren können. Der Bundestag hat im Juni 2011 ein Gesetz verabschiedet, das die Einlagerung von flüssigem CO2 in tiefen Schichten ermöglicht. Allerdings enthält das Gesetz eine Veto-Klausel für die betroffenen Bundesländer, und zwei dieser Länder haben schon beschlossen, die Endlagerung nicht zuzulassen. Am 23. September 2011 lehnte der Bundesrat das Gesetz ab. Das CCS-Verfahren wird deshalb für das Erreichen der Klimaziele bis 2020 keinen Beitrag leisten.

Für die mittelfristige Entwicklung in Deutschland bis zum Jahr 2020 bleibt nach dem Beschluss, aus der Kernenergie auszusteigen, von den in den vergangenen Jahren diskutierten Alternativen nur noch das "Szenario B" in Abbildung 3 (siehe Abbildung 3 der PDF-Version) übrig:

  • Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird weiter gefördert. Sie erreichen bis 2020 einen Anteil von 30 Prozent an der Stromerzeugung. Die Kernkraftwerke werden nach und nach abgeschaltet. Die entstehende Versorgungslücke wird zum kleineren Teil durch den Zuwachs der erneuerbaren Energiequellen und zum überwiegenden Teil durch den Neubau fossiler Kohle- und Gaskraftwerke und den Stromimport aus Frankreich, Tschechien und der Schweiz gedeckt.
  • Die Energiekonzerne planen als kostengünstigste Art der Stromerzeugung 22 neue Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von etwa 20 Gigawatt für die Grundlast.
  • Zum kurzfristigen Ausgleich von zeitlich schwankenden Stromquellen werden effiziente GuD-Kraftwerke gebaut. Die Hälfte der benötigten Gasmenge wird aus Russland geliefert. Russische Gaslieferanten beteiligen sich an deutschen Energieunternehmen.
  • Der Anteil fossiler Kraftwerke an der Stromerzeugung steigt auf etwa 70 Prozent.
  • Die fossilen Kraftwerke in Deutschland werden durch die CO2-Emissionszertifikate innerhalb der EU mit rund neun Milliarden Euro im Jahr belastet, während in Frankreich die Industrie keine solche Belastung übernehmen muss.
  • Der Strompreis in Deutschland steigt weiter; relativ zu Frankreich ist er zur Zeit (Steuern eingerechnet) schon um 70 Prozent höher.


Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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