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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Unwille zur Angst? Die frühen Jahre

Die verstörende Gewalt der ersten nuklearen Explosionen im Sommer 1945 hat tiefe Spuren in der Kulturgeschichte hinterlassen. Daher haben Hiroshima und Nagasaki rückblickend Deutungen nahe gelegt, wonach sich mit dem Abwurf der ersten Atombomben eine weltgeschichtliche Wende vollzog. Schon 1947 legte der Schriftsteller Max Frisch in seiner Farce "Die Chinesische Mauer" einem der Protagonisten das Wort in den Mund: "Zum ersten Mal (...) (und darum, meine Herren, hilft uns keine historische Routine mehr!) stehen wir vor der Wahl, ob es die Menschheit geben soll oder nicht. Die Sintflut ist herstellbar."

Tatsächlich gab es aber historische Referenzpunkte zur Verständigung über "die Bombe". Geht man kulturelle Manifestationen des nuklearen Todes durch, so verfestigt sich rasch der Eindruck, dass die Forderung des "Philosophen des Atomzeitalters", Günther Anders, die Vermessung des Daseins "unter dem Zeichen der Bombe" bedürfe neuer Formen des Nachdenkens, die Menschheit nicht sonderlich beeindruckt hat.[6] Im Gegenteil: Wenn eine umfassende Kulturgeschichte der Nuklearangst etwas deutlich macht, dann, wie gängig der Rückgriff auf altbekannte Begriffe war. So eröffnen viele, auch drastische Inszenierungen des "nuklearen Todes" der Menschheit am Ende ein Hintertürchen zum Überleben und tragen so, wenn auch unbewusst, neutestamentarische Spuren chiliastischer Heilserwartungen weiter. Hier werden uralte Erzählungen vom postapokalyptischen Überleben weniger "Gerechter" in moderne, säkularisierte Bilder gefasst.[7] Auch wurden bestimmte Muster der Kernenergie-Rezeption schon frühzeitig durch Science-Fiction-Romane wie H.G. Wells' "The World Set Free" (1914) angelegt.[8]

Bestimmte "apokalyptische" Wahrnehmungsmuster "der Bombe" waren daher als kulturelle Standards bereits etabliert, als es 1945 zu den ersten nuklearen Explosionen kam. Dennoch konstatierten zeitgenössische Beobachter wie Anders eine "Apokalypse-Blindheit" der Menschen, eine "Unfähigkeit zur Angst".[9] Das lässt sich relativ leicht erklären: Wie viele technische Innovationen wurde "die Bombe" in bekannte Schemata integriert. Sie erschien als noch verheerendere Waffe, die in das Narrativ einer kontinuierlichen Steigerung moderner Kriege passte. Sie wurde "konventionell", im Sinne der "Feuerstürme" des Zweiten Weltkrieges, gedeutet; Hiroshima erschien "nur" als Höhepunkt des Luftkrieges.[10]

Ängste richteten sich in den 1940er Jahren nicht auf die unsichtbaren Gefahren "des Atoms", sondern waren allgemeine Kriegs- und Zukunftsängste: Angst vor Inflation, Arbeitslosigkeit und dem Kommunismus. Nukleare Explosionen wurden in grell bunten Bildern ästhetisiert, Aufnahmen atomarer Explosionen zu einem positiv besetzten Symbol "politischer Macht und technischen Fortschritts" ikonisiert.[11] Indes wurden in Europa und in den USA frühzeitig Warnungen geäußert, wenn zum Beispiel Aldous Huxley in "Ape and Essence" (1948) ein düsteres Bild der degenerierenden Wirkungen der Radioaktivität auf das menschliche Erbgut zeichnet.

Die atomic culture trieb in den USA skurrile Blüten. Aber auch in Deutschland wurde "die Bombe" verharmlost und trivialisiert. Von den Atomtests ging ein faszinierendes, aber oberflächliches Grauen aus. Die Tests auf dem Bikini-Atoll riefen naive Technikbegeisterung und groteske Verharmlosungen hervor, einschließlich des bekannten Terminus-Transfers in die weibliche Bademode. "Wir leben im Dauerzustand der Katastrophe, und wenn wir uns auch vor der dunklen Wolke fürchten", so kommentierte der Schriftsteller Friedrich Sieburg 1954 etwas kopfschüttelnd die Situation: Die "Furcht [ist] doch auch mit einem heimlichen Vergnügen vermischt."[12]

Fußnoten

6.
Vgl. Günther Anders, Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, in: ders., Die Antiquiertheit des Menschen, Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, S. 233-353.
7.
Vgl. Mick Broderick, Surviving Armageddon. Beyond the Imagination of Disaster, in: Science Fiction Studies, (1993) 20, S. 362-382.
8.
Vgl. Spencer R. Weart, Nuclear Fear. A History of Images, Cambridge/MA 1988, S. 24.
9.
G. Anders (Anm. 6), S. 276ff.
10.
Vgl. Dietmar Süss, Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England, München 2011, S. 534.
11.
Gerhard Paul, "Mushroom Clouds". Bilder des atomaren Holocaust, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949, Bonn 2009, S. 723-729, hier: S. 725.
12.
Friedrich Sieburg, Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene [1954], Neudruck Frankfurt/M. 2010, S. 74.

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