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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Glückliche Drachen und atomare Monster

Mitte der 1950er Jahre verdichteten sich die bis dahin selten thematisierten Gefahren der Radioaktivität zu gesellschaftlichen Ängsten. Wichtiger Auslöser war ein Unglücksfall bei der Erprobung der ersten einsatzfähigen Wasserstoffbomben 1954 auf dem Bikini-Atoll, wodurch die Mitglieder eines japanischen Fischerbootes, "Glücklicher Drache Nr. 5", verstrahlt worden waren. Einer der Fischer starb bald nach der Rückkehr.[13] Nun war "die Bombe" zur unmittelbaren Bedrohung von Zivilisten im Hier und Jetzt geworden (nicht erst in einem hypothetischen Nuklearkrieg). Es begann der Aufstieg der nuclear fiction. Die Menschheit hatte das griffige Exempel, das die Gefährdungen "des Atoms" existenziell erfahrbar machte.[14]

Das Schicksal des "Glücklichen Drachen" zog in der Populärkultur weite Kreise. Der erste Godzilla-Film wurde noch 1954 in Japan uraufgeführt. Er ist direkt von dem Bikini-Vorfall inspiriert: Ein atomarer Test weckt ein in der Tiefsee verborgenes urzeitliches Monster, das kein Stacheldraht und kein Kampfflugzeug aufhalten kann.[15] In Hollywood wurden Mutanten endemisch. Angefangen mit "Them!" (1954, deutsch "Formicula", 1960) entkamen in weiteren B-Movies nicht nur Ameisen, sondern auch Spinnen ("Tarantula", 1955), Schnecken ("The Monster that Challenged the World", 1957), Grashüpfer ("Beginning of the End", 1957) und Krabben ("Attack of the Crab Monsters", 1957) der von der Wissenschaft geöffneten Büchse der Pandora.[16]

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der atomaren Planspiele der NATO und der gesellschaftlichen Proteste über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wirkten diese phantastischen Inszenierungen auf das gebildete deutsche Publikum leicht lächerlich. Indes: Trotz traditioneller Abwehrhaltung gegenüber der US-Populärkultur dürften diese Filme auch hierzulande ein Publikum gefesselt haben, zumal sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen regelmäßig wiederholt wurden. Kann man diesen Filmen auch Verharmlosung und Eskapismus zum Vorwurf machen (wie zum Beispiel Susan Sontag dies tat), so zeigt doch ihr massenhaftes Auftreten, was den Mainstream bewegte.[17]

Fußnoten

13.
Vgl. Ralph E. Lapp, Die Reise des glücklichen Drachen. Eine moderne Odyssee, Düsseldorf 1958.
14.
Vgl. Ilona Stölken-Fitschen, Atombombe und Geistesgeschichte. Eine Studie der fünfziger Jahre aus deutscher Sicht, Baden-Baden 1995, S. 95.
15.
Details nach www.mechagodzilla.de (5.10.2011).
16.
Ausführliche Übersicht bei Thomas Koebner (Hrsg.), Filmgenres: Science Fiction, Stuttgart 2003.
17.
Vgl. Susan Sontag, Die Katastrophenphantasie, in: dies., Kunst und Antikunst, Reinbek 1968, S. 232-250; für die Gegenposition vgl. Kaspar Maase, Was macht Populärkultur politisch?, Wiesbaden 2010.

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