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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Der ignorierte Nukleartod und seine Wiederkehr

Ein paradoxes Resultat der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung war die klare Aufspaltung der Atomenergie in eine "gute" zivile Variante, und eine in Deutschland von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnte militärische Nutzung.[23] Atompsychose und Atomeuphorie koexistierten fast übergangslos, wenn etwa das "Godesberger Programm" der SPD von 1959 in seiner Präambel konstatierte, "dass der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und sich jetzt vor den Folgen fürchtet", aber zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, "dass der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern, von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann, wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte nur für friedliche Zwecke einsetzt".

Zwar kamen auch in den 1960er Jahren noch filmische und literarische Zeugnisse auf den Markt, die sich mit Nuklearkriegen auseinandersetzten oder an die Verantwortung der Wissenschaft appellierten, in ihrer Mehrheit aber hörten die Menschen für anderthalb Jahrzehnte auf, sich um "die Bombe" zu sorgen. Sie mochten sie vielleicht nicht gerade lieben, wie Stanley Kubrick pointiert behauptete, doch mit der Unterzeichnung des Atomteststoppabkommens 1963 waren Atomängste evozierende Pilzwolken weitgehend passé. Der nukleare Tod stand am Rande. Aktivisten der Studenten- und Friedensbewegung konzentrierten sich auf Probleme wie den Algerien- und den Vietnam-Krieg, die Dekolonisierung und die Nord-Süd-Problematik.

Auf breiter Front kehrte die Atomangst mit dem Ende der Fortschrittsgläubigkeit zu Beginn der 1970er Jahre zurück.[24] Nun stand zum ersten Mal das "friedliche Atom" im Zentrum der Kontroversen, nachdem der Durchbruch zur kommerziellen Nutzung der Kernenergie in Deutschland Ende der 1960er Jahre erfolgt war. Was lokal (etwa in Karlsruhe) schon Mitte der 1960er Jahre mit vereinzelten Protesten begann, sollte in Gorleben und Wackersdorf, und vor allem auch in Wyhl bald nationale symbolische Signifikanz erhalten.[25] Der Anti-AKW-Protest hat vor allem kleinere Kunstformen inspiriert. In der Folk- und Liedermachszene kamen zahlreiche Protestsongs zu Ehren, oft wurden alte Volkslieder mit neuen Protestinhalten gefüllt oder auch völlig umgedeutet (wie zum Beispiel die "Wacht am Rhein"). "In Mueders Stübele" vergleicht Walter Moßmann die Angst vor dem Verlust der Heimat ans "große Geld" mit einem Krieg im eigenen Land. Bekannt geworden sind auch die Lieder gegen den Schnellen Brüter in Kalkar, etwa Frank Baiers "Lied vom Bauern Maas".[26]

Die Anti-AKW-Songs folgten dem Muster "David gegen Goliath". Angstszenarien wurden hier aber nicht entworfen, um das Publikum mit Schaudergeschichten zu unterhalten. Sie sollten Mut einflößen, um sich gegen die Übermacht des Staates und Kapitalinteressen zu wehren. Die Songs dienten dem eminent praktischen Zweck, die Protestler bei Platzbesetzungen und Demonstrationen im Angesicht der Polizei durch Singen zu stärken. Hier war ein Verständnis von Angst nicht als einer lähmenden, sondern rationalen Kraft verbreitet, wie es später auch für die Friedensbewegung typisch wurde.

Im Vergleich zu anderen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre haben die Anti-AKW-Proteste weniger kulturelle Spuren hinterlassen. Zivile Atomängste wurden entweder aus Hollywood importiert, wie in dem kurz vor dem Unfall in Harrisburg angelaufenen Film "The China Syndrome" (1979) oder dann, nach Tschernobyl, von ökopessimistischen Autorinnen wie Gudrun Pausewang breitenwirksam in literarische Bilder gefasst. Nicht zu vergessen ist auch die ironische Brechung der Ängste, etwa in der Zeichentrickserie "The Simpsons" (seit 1989). Das Science-Fiction-Genre hat der zivilnukleare Tod dagegen nur marginal beschäftigt. Die dramaturgischen Potenziale des "unsichtbaren Todes", der von einem "ganz normalen" Kernkraftwerk ausgeht, waren offensichtlich begrenzt.

Fußnoten

23.
Vgl. Michael Geyer, Der Kalte Krieg, die Deutschen und die Angst. Die westdeutsche Opposition gegen Wiederbewaffnung und Kernwaffen, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 267-318.
24.
Vgl. Kai F. Hünemörder, Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik 1959-1973, Stuttgart 2004, S. 154ff.
25.
Zur Antiatomkraftbewegung siehe auch den Beitrag von Joachim Radkau in dieser Ausgabe.
26.
Vgl. Thomas Rotschild, Liedermacher. 23 Porträts, Frankfurt/M. 1980, S. 147.

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