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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Apokalypsen in der Friedensbewegung

Erst mit dem NATO-Doppelbeschluss 1979 fanden nukleare Apokalypsen wieder weitere Verbreitung in der Populärkultur. Amerikanische Punk-Rock-Bands widmeten der Neutronenbombe eigene Stücke, Kurt Vonnegut malte sich in "Deadeye Dick" (1982) ihre Folgen aus. In Großbritannien ging eine Welle postapokalyptischer nuklearer Visionen der politischen Debatte voraus. Und in Deutschland wurde der Song "Das weiche Wasser bricht den Stein" mit der eingängigen Eröffnungszeile "Europa hatte zweimal Krieg/der dritte wird der letzte sein" zu einem der Schlager der Friedensbewegung.

Nukleare Angstszenarien waren in der populären Musik der Jahre auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte 1982/1983 so ubiquitär, dass es eigener Untersuchungen bedarf.[27] In der Bundesrepublik und der DDR hatte der nuclear pop bzw. nuclear rock seine goldene Ära. Nicht allein die bekannten Interpreten wie Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg ("Wozu sind Kriege da", 1981), Peter Maffay und Konstantin Wecker, oder die Bands der Neuen Deutschen Welle beschworen Weltuntergänge. Dass der "nukleare Holocaust" (wie das Szenario nun gerne apostrophiert wurde) kommerziell "lief", zeigt Boney M. Die Diskogruppe ersang sich mit "We kill the World" (1981) sozialkritische Glaubwürdigkeit. Die Schlagersängerin Nicole reüssierte 1982 mit "Ein bißchen Frieden". Das Nuklearthema degradierte zur europäischen Modeerscheinung, wenn der größte Strandschlager der 1980er Jahre, "Vamos a la playa", über die nukleare Verseuchung der Meere sinniert.[28]

Filme und Romane folgten. Die bekanntesten Beispiele sind das amerikanische TV-Drama "The Day After", das den nuklearen Weltuntergang am Beispiel einer mittwestlichen Kleinstadt drastisch inszeniert, und der britische Zeichentrickfilm "When the Wind Blows" (beide 1983).

Im Unterschied zu den monströsen oder galaktischen, meist postapokalyptischen Utopien der 1950er Jahre bilden die Szenarien der 1980er Jahre sowohl in ihren filmischen als auch in ihren literarischen Formen (mit Anton-Andreas Guhas "Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg", 1983, als markantes Beispiel) nicht die Welt nach dem nuklearen Armageddon ab, sondern schildern den Untergang selbst. Der deutsche Bestseller "Die letzten Kinder von Schewenborn", wartet mit plastischen Details aus der Ereigniskette eines Atomkriegs auf. Wie in "The Day After" wird die Vogelperspektive vermieden. Anders als der amerikanische Film, der die Möglichkeit menschlichen Überlebens andeutet, geht bei Pausewang mit den "letzten Kindern" die Weltgeschichte zu Ende.

Bei der Thematisierung von Nuklearängsten stechen die Unterschiede zu den 1950er Jahren hervor. "Angst" konnte in einer sich individualisierenden, demokratisierten Gesellschaft als positiv besetzter Topos sowohl in der Anti-AKW- als auch Friedensbewegung Geltung beanspruchen.[29] Während Anhänger der "Kampf dem Atomtod"-Kampagne sich gegen Zuschreibungen wehrten, sie schürten pure Emotionalität, wurde Angst nun als handlungsanleitender, rationaler Impuls gefeiert. Angesichts der Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges sei "nicht die Angst, sondern die Angstfreiheit irrational", verteidigte der Philosoph Ernst Tugendhat die friedensbewegte Emotionalität.[30]

Fußnoten

27.
Vgl. Philipp Baur, Nukleare Untergangszenarien in Kunst und Kultur, in: Christoph Becker-Schaum et al. (Hrsg.), Die Nuklearkrise: Der NATO-Doppelbeschluss und die Friedensbewegung der 1980er Jahre, Paderborn 2012 (i.E.).
28.
Vgl. Sebastian Peters, Ein Lied mehr zur Lage der Nation. Politische Inhalte in deutschsprachigen Popsongs, Berlin 2010; Philipp Gassert, Die Vermarktung des Zeitgeists. Nicoles "Ein bißchen Frieden" (1982) als akustisches und visuelles Dokument, in: Zeithistorische Forschungen, (2012) 2 (i.E.).
29.
Vgl. Susanne Schregel, Konjunktur der Angst. "Politik der Subjektivität" und "neue Friedensbewegung", 1979-1983, in: B. Greiner (Anm. 4), S. 495-520.
30.
Ernst Tugendhat, Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht, Berlin 1986, S. 37.

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