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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Resümee

Ein Überblick über die Kulturgeschichte der deutschen Nuklearangst hinterlässt ein Paradox, das der näheren geschichtswissenschaftlichen Aufklärung bedarf. Der friedliche Anti-AKW-Protest, der in Wyhl, Kalkar und Wackersdorf erfolgreich agierte und auf Bundesebene ein Moratorium der nuklearen Ausbaupläne erreichen konnte bzw. mit der jüngsten Wende sogar den "Atomausstieg", hat trotz seiner auch im internationalen Vergleich bemerkenswerten politischen Erfolge kaum den Atomkriegsphantasien vergleichbare populär- und hochkulturelle Fiktionen der Angst hervor gebracht.

Es fehlen also für die zivile Seite, trotz der signifikanten Ausnahme der Protestlieder, die Weiterungen in fast allen der hier untersuchten Bereiche kultureller Produktion. Dagegen ist die Kulturgeschichte Europas und Nordamerikas, vom vorübergehenden Rückgang der Atomangst in den 1960er Jahren einmal abgesehen, voll von postapokalyptischen und katastrophischen Fiktionalisierungen eines nuklearen militärischen Schlagabtauschs, der häufig mit einer weitgehenden Vernichtung menschlichen Lebens endet.

Eine Ausnahme in dieser relativen kulturgeschichtlichen Nicht-Thematisierung der Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie stellt die nukleare Havarie von Tschernobyl dar (und vielleicht künftig auch die von Fukushima). Aber auch hier handelt es sich meist um dokumentarische Romane und nicht um fantastische Fiktionen. Tschernobyl hat (wie jüngst Fukushima) eine intensive publizistische Auseinandersetzung über die "Angst der Deutschen" bewirkt. Es half gesellschaftliche Ängste zu fokussieren, zumal hier das Entweichen von Radioaktivität keine Fiktion blieb, sondern die Wirklichkeit herausforderte (beschrieben von Christa Wolf).

Es ist ein wenig verwunderlich, dass atomare Reaktoren, die in der unmittelbaren Nachbarschaft vieler Künstler, Schriftsteller und Intellektueller standen (und stehen), als Projektionsfläche albtraumhafter Nuklearfiktionen offenbar unbrauchbar sind. Aufgrund der von weiten Kreisen gefürchteten Realität der Bedrohung schien es fiktiver Nachhilfen nicht zu bedürfen. Im Umkehrschluss ließe sich aber auch spekulieren, ob militärnukleare Untergangsszenarien vielleicht häufiger sind, weil sie einen hypothetischen Ernstfall betreffen, der außerhalb unserer tatsächlich vorstellbaren Realität liegt.


Dossier

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