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18.10.2011 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Wie fremd sind uns "die Türken"? - Essay

"Eigene" und "Fremde"

Ausgehend davon, dass wir uns stets als Teil einer sozialen Gruppe betrachten und uns für ein starkes Selbstbild gern mit dieser Gruppe identifizieren,[3] können Menschen die Erfahrung machen, dass die Eigengruppe vielleicht doch gar nicht so stark, lobenswert oder qualifizierend ist. Dann werden wir im nächsten Schritt vielleicht geneigt sein, die Schwächen der Eigengruppe zu bagatellisieren oder "wegzuerklären" beziehungsweise nur die tatsächlich lobenswerten Aspekte herauszugreifen und diese zu stilisieren. So wird die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe trotzdem selbstwertdienlich.

Wir könnten uns aber auch - gerade als Minderheit - von der eigenen, als schwach empfundenen Gruppe abwenden und uns der starken Majorität angleichen, anschmiegen, uns als Teil dieser als überlegen wahrgenommenen Gruppe betrachten, uns mit dieser identifizieren. Personen mit einer erkennbar anderen kulturellen Verwurzelung zeigen gelegentlich die Tendenz, hierbei die "alte" Herkunft umso stärker abzuwehren, und diese Abwehr immer wieder öffentlich kundzutun, um nicht mit ihrer "alten" Gruppe identifiziert zu werden. Ähnlich wie bei Konvertiten, welche häufig die alte Religion stärker verdammen und eifrige Hüter und Missionare der neuen Religion werden, ist das Bedürfnis, den Bezugsgruppenwechsel zu rechtfertigen, deutlich stärker ausgeprägt. Denn: Es soll sich doch gelohnt haben, die alte Identität abgestreift zu haben. Um das "neue Selbst" als ein Anerkennungswürdiges öffentlich darzustellen, kann die Kritik an der "früheren Identität" nicht laut und vorwurfsvoll genug sein.

Das Ganze ist weder historisch noch psychologisch spektakulär; interessant ist jedoch die mancherorts erlebte Heuchelei, sich im Bedarfsfall doch zu den "Abgewerteten" zu zählen, um aus einer "Innensicht" Sozialverhältnisse zu karikieren und dabei zu kritisieren. Dies verleiht den Nimbus der Authentizität, der uneingeschränkten Wahrheit, und entlastet vor allem die Alteingesessenen, just die Wahrheit solcher Behauptungen zu überprüfen. Damit werden weiteren Fremdheitskonstruktionen Tür und Tor geöffnet. Denn gesagt wird unter anderem: "Schaut mal, die Fremden sind in der Tat viel fremder als ihr Euch das als Mehrheitsgesellschaft bis dato vorgestellt hattet."

Fußnoten

3.
Vgl. Henri Tajfel, Social identity and intergroup relations, Cambridge, UK 1982.

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