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18.10.2011 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Wie fremd sind uns "die Türken"? - Essay

Werte verbinden

Wie fremd sind uns denn die Fremden wirklich? Gerne wird im öffentlichen Diskurs bei der Erklärung unterschiedlicher Verhaltensweisen und Werteorientierungen von "Deutschen" und "Türken" auf den Begriff der "Parallelgesellschaften" rekurriert. Diese Denkfigur genießt eine hohe Plausibilität und wird immer wieder von Praktikern sowie expliziten Gegnern einer Integration und Teilhabe von Migrantinnen und Migranten - also den eigentlichen "Integrationsverweigerern" - ins Feld geführt, auch wenn damit kaum eine angemessene Problembeschreibung erfolgt, sondern nur eine weitere Verfestigung von Stereotypen.

In einer empirischen Studie ist der Autor der Frage nachgegangen, inwieweit zwischen alteingesessenen Deutschen, Türken und türkeistämmigen Migranten unüberbrückbare Distanzen hinsichtlich ihrer Wertepräferenzen existieren. Hierzu wurden über 750 Türken in der Türkei, alteingesessene Deutsche in Berlin und Magdeburg sowie Türkeistämmige in Berlin befragt.[4] Ausgangspunkt waren die Annahmen, dass kulturübergreifende Werte die Grundlage des alltäglichen Handelns von Individuen in einer Gesellschaft bilden und diese Werte dem Individuum als eine Art Standard dienen, die eine Sicherheit bei der Entscheidung zwischen verschiedenen Handlungsalternativen versprechen.

Gleichwohl Werte gerne herangezogen werden, um kulturelle Unterschiede zu kennzeichnen, so ist daran zu erinnern, dass Werte nichts Statisches sind, keine unveränderlichen Wesensmerkmale einer Kultur bilden, sondern ihrerseits einer enormen Dynamik unterliegen. Diese Veränderung war in den vergangenen 25 Jahren insbesondere in Industriegesellschaften besonders deutlich. Ferner gibt es starke statistische Zusammenhänge zwischen der ökonomischen Entwicklung eines Landes und der Favorisierung bestimmter Werthaltungen wie etwa des Individualismus und der Autonomie.

In Anlehnung an das Value Survey (ein weltweit eingesetztes Wertebarometer) hat Shalom Schwartz 1992 zehn Wertetypen vorgestellt, denen universelle Gültigkeit zugeschrieben wird, und die sowohl die biologischen Bedürfnisse als auch die Erfordernisse des sozialen Lebens und lebensweltlicher Interaktionen abdecken.[5] Bei dieser Typologie handelt es sich um folgende Konzepte: Macht, Leistung, Hedonismus, Stimulation, Selbstbestimmung, Universalismus, Großzügigkeit, Tradition, Konformität, Sicherheit.

Zwar sind diese Werte einzeln betrachtet allesamt von einer herausgehobenen Bedeutung, können jedoch nicht gleichzeitig wirksam sein. Auch sind sie in Handlungssituationen den Handelnden als solche nicht immer bewusst. Sie stehen teilweise sogar in Widerspruch und Spannung zueinander. So kann etwa das Streben nach individuellem Erfolg dem Bedürfnis nach Großzügigkeit entgegenstehen, die Liebe kann ungerecht sein, die Gerechtigkeit zugleich eine Einschränkung von Individualismus und Freiheit bedeuten. Wahrheit kann ihrerseits nicht immer liebevolle Konsequenzen nach sich ziehen, gleichwohl können die berührten Werte Gerechtigkeit, Liebe, Freiheit für sich genommen uneingeschränkt wünschenswerte Charakterzüge oder institutionelle Grundlagen betreffen.

Das zeigt ganz deutlich, dass individuelles Handeln fast immer im Spannungsfeld oppositioneller Werte erfolgt und die Durchsetzung eines Wertes mit der Unterdrückung eines anderen einhergeht. Auch der oder die Einzelne lebt quasi von Zeit zu Zeit in "Parallelwertewelten".

Gleichwohl ist daran zu erinnern: Im innerfamiliären, aber auch im interkulturellen Alltag handeln wir vielfach eher routiniert und sind selten darauf kapriziert, zu schauen, welche Werte wir in unserem Handeln verwirklichen. Dies machen Intellektuelle, Journalisten, Feuilletonisten und Politiker. Werte sind unseren Handlungen inhärent. Sie werden vielmehr indirekt, manchmal sogar den Beteiligten völlig unbewusst, ver- und übermittelt. Und sie werden als Werte zumeist erst dann aktualisiert, wenn es Konflikte gibt und nicht, wenn das Zusammenleben konfliktfrei und reibungslos abläuft. Deshalb sind gerade Differenzen im Alltag gute Anlässe, Werte zu thematisieren und so die unbewusste Wertevermittlung auf die Ebene des Bewusstseins zu heben.

Fußnoten

4.
Vgl. Haci-Halil Uslucan, Die Parallelgesellschaft der Migrantencommunities in Deutschland: Fakt oder Fiktion?, in: Erich H. Witte (Hrsg.), 23. Hamburger Symposium zur Methodologie der Sozialpsychologie. Schwerpunktthema: Werte, Lengerich 2008, S. 276-298.
5.
Vgl. Shalom H. Schwartz, Universals in the structure and content of values: Theoretical advances and empirical tests in 20 countries, in: Advances in experimental social psychology, (1992) 25, S. 1-65.

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