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18.10.2011 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Wie fremd sind uns "die Türken"? - Essay

Doch nicht so fremd?

Nach diesem kurzen theoretischen Exkurs kommen wir zurück zu der kulturvergleichenden Studie des Autors über die Werte von Türken in der Türkei, Türkeistämmigen in Berlin und alteingesessenen Deutschen in Berlin und Magdeburg. Es stellte sich heraus, dass sie sich in den wichtigsten drei Wertauffassungen kaum voneinander unterscheiden: Für alle sind Familie beziehungsweise familiäre Sicherheit, Freiheit und Freundschaft die wichtigsten Werte (siehe Tabelle in der PDF-Version).

Auch bei der Frage, was ihnen eher unwichtig ist, lässt sich zumindest im Hinblick auf die geringe Bedeutung der Autorität eine Übereinstimmung finden. Zwischen alteingesessenen und türkeistämmigen Deutschen existieren sowohl Übereinstimmungen als auch signifikante Wertedifferenzen. Gleichwohl ist zu betonen, dass in einigen Wertvorstellungen Türkeistämmige alteingesessenen Deutschen ähnlicher sind als den Türken in der Türkei.

Die Daten sprechen dafür, dass die Rede von der vielfach negativ konnotierten "Werte-Parallelgesellschaft" der Migrantinnen und Migranten stark überzogen ist. Es spricht eine zu große Anzahl an positiven Werteübereinstimmungen sowie gemeinsamer Negationen gegen dieses Konstrukt. Dennoch ist kritisch zu bedenken, dass eine Feinanalyse zeigt, dass insbesondere Migrantenjugendliche weitaus stärker als ihre deutsch-deutsche Vergleichsgruppe in einer "konservativen Wertewelt" leben, die Höflichkeit, Traditionalismus oder Autorität stärker betont. Als Erklärung für diesen Befund ist anzunehmen, dass jüngere Migrantinnen und Migranten deutlich stärkeren lebensweltlichen Verunsicherungen ausgesetzt sind und daher Sicherheit und Halt versprechende Orientierungen bevorzugen.

Zugleich kann aber aus der Perspektive türkeistämmiger Eltern kaum von einem Werteverfall der türkeistämmigen Jugend und von einer befürchteten Assimilation an die Werte der Mehrheitsgesellschaft, also von der befürchteten "Entfremdung" ihrer Nachkommen, gesprochen werden.

Aus dieser wahrgenommenen starken Diskrepanz lässt sich psychologisch ableiten, welche hohen Anpassungsleistungen junge Migrantinnen und Migranten vollbringen müssen, um diese Spannungen auszuhalten und ein konfliktärmeres Leben zu führen. Dieses Ergebnis der relativen Werteübereinstimmung muss als ein psychischer Beitrag individueller Integrationsleistung gesehen werden.


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