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18.10.2011 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Wie fremd sind uns "die Türken"? - Essay

Gedanken bestimmen das Handeln

Dennoch sehen wir aber in "den Türken" die Fremden und sind uns manchmal den subtilen Abwertungen, die damit verbunden sind, kaum bewusst. Eine plausible Erklärung bietet hierzu das sozialpsychologische Paradigma des Glaubens an eine gerechte Welt (just-world-belief-hypothesis):[6] Damit ist nicht moralisch etwas qualifizierendes gemeint, sondern vielmehr die grundlegende Annahme verbunden, die Welt sei im Grunde ein stabiler, verlässlicher und prinzipiell gerechter Ort, an dem die Dinge und Prozesse eine gewisse Ordnung haben. Unrecht kann nicht sein, wenn die Welt gerecht ist; und wenn Personen nun tatsächlich Unrecht erfahren oder in Elendsverhältnissen leben, so sind sie selbst verantwortlich für ihre missliche Lage.

Mit diesem Gedanken wird das Individuum zunächst geschützt; denn es wird ihm vorgegaukelt, dass es sich selbst vor solchen Situationen schützen kann, indem es sich einfach nicht "falsch" benimmt, besser aufpasst oder sich "besser integriert" als vermeintliche Opfer.

Dieses blaming the victim heißt auf den Integrationsdiskurs angewandt: "Wenn die Türken soviel Schimpf und Schande auf sich ziehen, sind sie schließlich selbst Schuld. Warum hängen sie auch an so seltsamen, unzeitgemäßen, mittelalterlichen Ideen?" Ist erst einmal eine durchgängig diffamierende Problembeschreibung von Minderheiten legitimiert, dann kann es auch als moralisch legitim betrachtet werden, zu schimpfen - manchmal scheint es sogar moralisch geboten zu sein. Historisch betrachtet sind Minderheiten jedoch Diffamierungen gewohnt. Auf dieser Ebene hat der öffentliche Diskurs trotz der Zuspitzung in den vergangenen Jahren kaum Empörungspotenzial.

Doch, wenn auch als bloße Einzelfälle völlig unbedeutend, werden wir gelegentlich Zeuge einer ganz anders gelagerten Debatte, die höchst suspekt ist: Nämlich dann, wenn verunglimpfte Gruppen sich öffentlich wehren, das wahrgenommene Unrecht ihnen gegenüber als Zumutung bezeichnen und um ein anderes Selbstbild bemüht sind; doch schon die Kommunikation ihrer Wahrnehmung wird ihnen oftmals nicht nur nicht zuerkannt, sondern nach "Argumenten" gesucht, um ihr "unsägliches Beleidigtsein" erneut einer Häme zu unterziehen, nachdem man sie zuvor unentwegt beleidigt hat.

Ob so eine Haltung mit moralischer Verrohung zusammen hängt oder Teil eines strategischen Diskurses ist, mag ich nicht beurteilen. Dagegen lässt sich vernünftigerweise die Frage stellen, ob etwas tatsächlich beleidigend war, und herausarbeiten, was von wem in welcher Absicht gesagt wurde. Doch nicht nachvollziehbar ist, warum ein als Beleidigung empfundener Zustand nicht als solcher bezeichnet werden sollte. Es ist, als ob dem Kind gesagt wird, es solle doch nicht so laut schreien, nachdem es zuvor verprügelt wurde; und sein lautes Schreien wird wiederum als eine Rechtfertigung seiner Züchtigung gewertet.

Aus einem liberalen Gestus heraus ließe sich sagen, jedem von uns sollte gleichgültig sein, was andere Gruppen über uns denken. Schließlich gibt es zum Glück keine Gedankenpolizei. Aber Gedanken bestimmen oft auch das Verhalten der Menschen gegenüber diesen Gruppen. Mit stereotypisierenden und diskriminierenden Berichten werden zum Teil Prozesse ausgelöst, die sich unserer direkten subjektiven Kontrolle entziehen und als Folge im sozialen Alltag unwillkürlich Chancenungleichheit und Ablehnung erzeugen. Und die Wahrnehmung dieser Diskriminierung beeinflusst auch die Reaktionen der betroffenen Gruppe. Diese wird sich als Folge ihrer Schlechtbehandlung sowie aufgrund des Gefühls, schlecht behandelt zu werden, vermehrt zurückziehen. Eine Festigung der sozialen Identifikation mit der Herkunftsgesellschaft und stärkere Selbstsegregation werden wahrscheinlicher. Auch dadurch wird die Mehrheitsgesellschaft als undurchlässiges soziales Gebilde wahrgenommen.

Doch blicken wir auch mal auf die andere Seite: Als fremd erscheint ja nicht nur "der Türke" "dem Deutschen". Auch innerhalb der türkisch geprägten Gemeinschaften sind überzogene, irreale und zum Teil recht groteske Vorstellungen und Fantasien über die Einheimischen - "die Deutschen" - vorhanden; dass sie "kalt" seien, keine "Emotionen" zulassen würden, in ihren Sozialbeziehungen "technisch" agierten. All das lässt vermuten, dass "die Deutschen" auch "den Türken" nicht weniger fremd und seltsam erscheinen.

Warum stellen sich Letztere hier nicht die Frage, ob es nicht auch andere Formen der Regulierung von Emotionen und des Gefühlshaushalts geben kann, ob möglicherweise durch eine "Technisierung" der Sozialbeziehungen (wie klare Absprachen, wann man sich besucht) das Chaos nicht gebändigt, die existenzielle Verunsicherung nicht eher im Zaum gehalten und dadurch das Subjekt Herr seiner Situation werden kann?

Eigentlich müssten Türkeistämmige in Deutschland für diese Fremdheitswahrnehmung biografisch bestens sensibilisiert sein: Erleben sie doch vielfach selbst die Entfremdung, wenn sie in die vermeintliche Heimat reisen und ihnen dort als "Almanc", als "Deutschländer", subtil vermittelt wird, dass sie überhaupt nicht oder nicht mehr ganz dazugehören, sie also mit der Migration ihre Vorzugsmitgliedschaft im "heimischen Lager" verspielt haben. Es gilt für sie, diesen Schmerz - nicht mehr Teil einer "imaginierten Gemeinschaft" zu sein und in einer Welt zu leben, zu der man noch nicht ganz zugehört - auszuhalten.[7]

Wann, so ist am Ende zu fragen, hört diese "Verfremdung", das Gefühl der Fremdheit bei allen auf? Eine alte jüdische Geschichte hat ähnliche Erfahrungen von Menschen sehr plastisch verdichtet: "Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann, fragte einer der Schüler. Nein, sagte der Rabbi. Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann, fragte ein anderer. Nein, sagte der Rabbi. Aber wann ist es denn, fragten die Schüler. Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."[8]

Fußnoten

6.
Vgl. Adrian Furnham, Belief in a just world: Research progress over the past decade, in: Personality and Individual Differences, 34 (2003), S. 795-817.
7.
Vgl. Leon Grinberg/Rebeca Grinberg, Psychoanalyse der Migration und des Exils, Stuttgart 1990.
8.
Zit. nach: Ernst Tugendhat, Ethik und Politik, Frankfurt/M. 1992.

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